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31.10.2018

Trompete, Velo, Politik

«Diesen Ausblick liebe ich!» Michael Neuenschwander in der Abendsonne auf seinem Balkon. (Bild: Franz Beidler)

«Diesen Ausblick liebe ich!» Michael Neuenschwander in der Abendsonne auf seinem Balkon. (Bild: Franz Beidler)

Michael Neuenschwander Schon als Kantonsschüler fand er nach Olten: An der hiesigen Kanti konnte der gebürtige Aarburger dem Latein-Unterricht entfliehen. Nun feiert der Trompeter Michael Neuenschwander seinen sechzigsten Geburtstag. Mit einem Konzert in Aarburg.

Franz Beidler

Den Entscheid habe er nie bereut: «Ich wusste, was ich nicht wollte», sagt Michael Neuen- schwander lachend. Um dem Latein-Unterricht zu entfliehen, entschloss er sich, die Kantons- schule in Olten anstatt in Aarau zu besuchen. «Dafür hatte ich Wirtschaft, das kommt mir bis heute zugute», erzählt er. Ausserdem habe ihm Olten schon damals gefallen. In die Dreitannenstadt ist er seither von jedem seiner zeitweiligen Ausflüge zurückgekehrt und hat sich schliesslich hier niedergelassen. Von seinem Balkon auf der rechten Aareseite blickt er über die Stadt bis an den Bannwald. «Ich liebe diesen Ausblick.» Der Trompeter wurde im Frühling sechzig Jahre alt. Zum Jubiläum trommelte er Weggefährten und Freunde zusammen, um mit ihnen Musik zu machen: «MN’s Jazz Revival» ist am Samstag, 3. November im Bärechäller Aarburg zu erleben. Obwohl er dort aufwuchs, ist Neuenschwander inzwischen fest in Olten verankert, wo er mit seiner Partnerin Karin lebt. «Wir sind nicht verheiratet, aber wir haben abgemacht, dass wir uns alle Kosten und Arbeiten zur Hälfte teilen», erklärt er. Als «Halbe-Halbe-Deal» fasst er die Übereinkunft zusammen und fügt lachend an, dass sie bisher zwar keine Geschirrspülmaschine in der Küche hätten, sich dafür aber beim gemeinsamen Abwasch den Paartherapeuten sparen würden. An drei Nachmittagen die Woche arbeitet Neuenschwander als Trompetenlehrer und seit 2012 ist er Oltner Gemeinderat für die Fraktion der Grünen Region Olten, jedoch nicht Mitglied der Partei. «Ich bin da reingerutscht und sehe das nun als meinen Dienst an der Gemeinschaft.» Inhaltlich und wegen seiner Liebe zum Velofahren stünde er der Partei nahe. Fahrräder beschäftigen ihn auch beruflich: Im Quartier übernimmt er Reparaturen. Ein wirkliches Standbein sei es nicht, «ein Zehennagel vom Fuss eines Standbeins vielleicht», relativiert er lachend. Neben der konzertanten Arbeit als Trompeter ist er auch noch Hausmann.

Der erste Ausflug

Nach der Kantonschule entflog Neuenschwander Olten ein erstes Mal. Mit der Matura im Gepäck zog er nach Basel in eine WG und schlug sich mit Temporärjobs durch. «Ich hatte ein sehr strenges Elternhaus und musste mich abnabeln», kommentiert er. Das Gedankengut der 68er-Generation hallte nach und begründete Experimente der Selbstverwaltung, die Neuenschwander miterlebte. «Ich bin das Produkt meiner Rebellion», blickt er zurück. Nach der Rekrutenschule zog er in eine WG nach Oensingen und gründete die Handwerksfirma Maloco Flury & Co. mit. «Wir waren eine Kollektivgesellschaft von bis zu sieben Leuten und erledigten alle möglichen Arbeiten.» Er habe sich mehrheitlich als Metallbauer betätigt und mit Fördertechnik und Robotik beschäftigt. So erwarb sich Neuenschwander ohne weitere Berufsausbildung das handwerkliche Rüstzeug. 1987 kehrte er nach Olten zurück. «Ich brauchte mehr Zeit zum üben.» Neuenschwander hatte wieder mit dem Trompetenspielen begonnen und merkte, dass er auf die Musik setzen will. Mit der Rückkehr nach Olten stand der Entschluss fest, sich an der Jazzschule in Bern zum Berufsmusiker und Trompetenlehrer ausbilden zu lassen. «Also musste ich aus der Firma aussteigen, ich konnte ja nicht mehr einfach mehrere Tage verreisen, um auf Montage zu arbeiten», erinnert er sich. Dank seinem handwerklichen Geschick fand er neben dem Studium Arbeit als Fahrradmechaniker. «Das war zeitlich flexibler. So feiere ich ja eigentlich dreissig Jahre Velo», sagt Neuenschwander lachend. Mit der Arbeit als Mechaniker entdeckte er 1988 auch seine Liebe zum Fahrrad.

Der zweite Ausflug

Nach dem Abschluss seines Studiums 1994 verliess Neuenschwander Olten ein zweites Mal. «Mit meiner damaligen Band reisten wir im Sommer der Mittelmeerküste Frankreichs entlang», erinnert er sich vergnügt. Während seine Bandkollegen zu Herbstbeginn wieder in die Schweiz zurück- kehrten, reiste Neuenschwander weiter. Seine Oltner Wohnung hatte er bereits vor der Abreise gekündigt. «Ich wusste aber immer, dass ich zurückkehren würde.» Sein Ziel sei es gewesen, mit der Musik den Zeltplatz und das Essen bezahlen zu können. Über Marseille, Toulouse und Madrid landete er in Barcelona und machte Strassenmusik auf der Ramblas. «Ich ging einfach mit dem Zelt der Sonne nach», blickt er etwas sehnsüchtig zurück. Ende des Jahres 1994 war ihm das Geld ausgegangen und er kehrte nach Olten zurück, ohne feste Arbeit und ohne Wohnung.

Alle Interessen in einem Tag

«Ich begann sofort mit der Jobsuche», erinnert sich Neuenschwander. Er fand Arbeit als Trompetenlehrer und eine Wohnung in der Römerstrasse. Ein paar Monate später lernte er Karin kennen, ein Jahr später kam der gemeinsame Sohn Tarzis zur Welt. 1997 zog die junge Familie in ihr Haus am Krummackerweg, das sie 2004 übernehmen konnte. Seither lebt Neuenschwander sein Handwerksgeschick auch am eigenen Haus aus. «Ich habe hier alles, was ich brauche, hege aber auch keine Ansprüche über das Nötige hinaus», sagt er. Wichtig sei ihm, dass in jedem Tag alle seine Interessen Platz finden: Velofahren, Zeitung, Proben, Konzerte, Politik und Hausmann sein. «Und das tägliche Üben.» Er neige manchmal dazu, sich wegen der breit gestreuten Interessen zu verzetteln. Das tägliche Üben diene ihm als Ankerpunkt. «Auch wenn es mal nur zehn Minuten sind.» Was er in Zukunft vorhat, nennt er nicht konkret. «Etwa immer das Gleiche», kommentiert er schmunzelnd. «Mir wird nie langweilig.»

MN’s 60 Jazz Revival
Samstag, 3.November, 21 Uhr
Bärechälller, Städtchen 16, Aarburg

www.mison1.jimdo.com

 

 

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