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28.11.2018

Luzerner Hansdampf lässt den Stift sprechen

Der Trickfilmer und Cartoonist Jonas Raeber ist ein Hansdampf in allen Gassen und stets für einen Scherz zu haben. (Bild: mim)Live-Cartoonist Jonas Raeber zeichnete innert Minuten die perfekte Adventsidylle auf seinen Computer. Dieses Live-Zeichnen wird er auch anlässlich des Oltner Adventskalenders "23 Sternschnuppen" zeigen. (Bild: ZVG)

Der Trickfilmer und Cartoonist Jonas Raeber ist ein Hansdampf in allen Gassen und stets für einen Scherz zu haben. (Bild: mim)

Live-Cartoonist Jonas Raeber zeichnete innert Minuten die perfekte Adventsidylle auf seinen Computer. Dieses Live-Zeichnen wird er auch anlässlich des Oltner Adventskalenders "23 Sternschnuppen" zeigen. (Bild: ZVG)

Jonas Raeber Der 1. Dezember steht bevor, an dem sich um 18.15 Uhr das erste Türchen des kulturellen Oltner Adventskalenders in der Stadtkirche öffnet. Hinter einem der 23 Türchen versteckt sich auch Trickfilmer und Live-Cartoonist Jonas Raeber.

Mirjam Meier

Man kann durchaus von einem Traditionsanlass während der Vorweihnachtszeit sprechen,
finden doch die 23 Sternschnuppen bereits zum siebten Mal in Olten statt. Der Ablauf ist bekannt: Verschiedene Oltner Kulturveranstalter präsentieren insgesamt 23 Künstler aus den unter- schiedlichsten Kunstsparten, die täglich von 18.15 bis 18.45 Uhr das Publikum überraschen.
Wer auf der Bühne stehen wird, ist wohl bekannt, nicht aber wann. Neu in diesem Jahr sind mit
der Stadtkirche sowie der Schützi die Veranstaltungsorte.

Trickfilme im Format Super 8

Eine Sternschnuppe ist der Luzerner Trickfilmer Jonas Raeber. Er wird das Oltner Publikum mit seinem Live-Cartoon-Zeichnen zum Mitwirken einladen. Sein Können stellte der 50-Jährige während des Gesprächs in seinem Studio Mitten in der Stadt Luzern unter Beweis, als er mit seinem «Stift» mit wenigen Strichen die perfekte Adventsidylle auf seinen Computer zauberte: Tanne, Junge, Mädchen und ihr Teddy. Das Zeichnen wurde Raeber und seiner Schwester quasi in die Wiege gelegt. «Wir zeichneten alles Mögliche, insbesondere Altertümer.» So überrascht es kaum, dass Raeber bereits mit elf Jahren monatlich seinen eigenen Comic publizierte. «Auch Trickfilme lockten mich regelmässig am Samstag vor den Fernseher. So fertigte ich erste Filme im Format Super 8 an.» Nach Beendigung des Lehrerseminars, setzten Raeber die Tage in der Schule und die Nächte am Zeichenpult zu. «Ich entschied mich für den Trickfilm und hängte den Lehrerberuf an den Nagel.»

Politische Haltung im Videoformat

Raeber absolvierte anschliessend ein zweimonatiges Praktikum in einem New Yorker Trickfilm- studio. «Ich lernte am professionell ausgerüsteten Arbeitsplatz in einem Tag mehr, als ich an Wissen mitbrachte», erzählt der Cartoonist schmunzelnd. Gearbeitet wurde analog, denn die Möglichkeiten am Computer steckten noch in den Kinderschuhen. «Wir konnten zwar ein Bild einscannen, aber die Qualität war sehr schlecht.» Damals wurde jedes Bild gezeichnet, gefilmt und eingeschickt. «Und dann hofften wir auf ein brauchbares Resultat, um den Film schliesslich in der Dunkelkammer zusammenzuschneiden», erzählt Raeber. «Computeranimation habe ich nie gemacht, das war eher den Computer-Nerds vorbehalten, die zwar das Handwerk mitbrachten, nicht aber den Sinn für eine Story. Da war ich schneller im Zeichnen», fügt der Luzerner lachend an, der einst neben eigenen Kurzanimationsfilmen während vier Jahren für das «.ch»-Programm des Schweizer Fernsehens die dreiminütige Polit-Satire «W.O.W.» zeichnete und animierte. «Zeichner erbringen eine Vorleistung und erst danach stellt sich heraus, ob dies überhaupt jemanden interessiert», spricht Raeber eine Schattenseite des Berufes an. Er habe zur digitalen Entwicklung ambivalente Gefühle, schätze es aber sehr, alles am Computer zeichnen zu können. «Ich möchte nicht mehr zurück zur Folie», so Raeber und zeigt sich erstaunt über die momentane Diskussion über Fake-Filme. «Uns Trickfilmern, die meist die verschiedenen Stimmen und Geräusche selbst machen, war schon immer klar, dass Videos nicht beweiskräftig sind», erzählt der 68er, der seine linksgerichtete politische Haltung auch gerne mal in seinen Kurzfilmen vertritt. «Es ist für mich eine reizvolle Bürgerpflicht und ein Wunsch mit dem was ich kann am gesell- schaftlichen Leben teilzunehmen», erklärt der zweifache Vater spitzbübisch.

Hansdampf in allen Gassen

Als sein Vorbild nennt Raeber den inzwischen verstorbenen Animationsfilmer Nag Ansorge.
«Nicht nur wegen seinem Handwerk, sondern vor allem, weil ich im Alter ein ebenso herzlicher und grosszügiger Mensch sein möchte. Gute Arbeiten sind auch nur im Team möglich», weiss der Luzerner, der seit zehn Jahren als Präsident des Trickfilmerverbandes «Groupement Suisse du Film d’ Animation» (GSFA) amtiert. «Es hilft, von Projekten aber auch Sorgen anderer zu hören, um sich nicht nur in eigenen Arbeiten zu verlieren», ist der selbstbezeichnete endlose Optimist überzeugt. Seit sieben Jahren teilt er sich zudem das Klassenlehrer-Pensum einer fünften Klasse in Emmenbrücke. Während viele Lehrer zuerst den Beruf ausüben und schliesslich genug davon haben, hat Raeber den umgekehrten Schritt gemacht und ist mit 43 Jahren mit viel Begeisterung wieder eingestiegen. Und als hätte er noch nicht genug zu tun, singt «Hansdampf in allen Gassen» als waschechter Luzerner in einer Band an der Fasnacht und stellt natürlich auch seine Masken selbst her. «Dank der Fasnacht kann ich auch eine Nähmaschine bedienen», erzählt der Umtriebige lachend.

www.jonasraeber.com

 

 

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