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05.12.2018

Die Unaufhaltbare

Die EM-Medaille fest im Griff: Die Badminton-Spielerin Cynthia Mathez in ihrer Wohnung in Olten. (Bild: Franz Beidler)

Die EM-Medaille fest im Griff: Die Badminton-Spielerin Cynthia Mathez in ihrer Wohnung in Olten. (Bild: Franz Beidler)

Cynthia Mathez Zu Beginn des Novembers krönte sich Cynthia Mathez im süd- französischen Rodez zurEuropameisterin im Para-Badminton. Am Mittwoch, 12. Dezember wird sie an der Sportlerehrung der Stadt Olten für den Triumph gewürdigt.

Franz Beidler

Am Vortag erst sei sie von einem Turnier in Australien zurückgekehrt und ringe noch mit der Zeitverschiebung, erzählt Cynthia Mathez munter lächelnd. Nun sitzt sie am Esstisch in ihrer Wohnung in Olten und gibt geduldig Auskunft über ihren Triumph. Am 4. November krönte sie sich im südfranzösischen Rodez zusammen mit ihrer Spielpartnerin Karin Suter-Erath zur Europameisterin im Para-Badminton in der Kategorie Doppel WH1. WH steht für «Wheel Chair», Englisch für Rollstuhl. In WH1 treten Sportlerinnen mit schwacher bis schlechter Rumpfmuskulatur an. Für den Titel wird sie von der Stadt Olten am Mittwoch, 12. Dezember in der Schützi geehrt. «Ich wäre gerne dabei, wie letztes Jahr», sagt Mathez. «Die anderen Sportler kennenzulernen, habe ich genossen», blickt sie zurück. Nun reist sie jedoch in der Adventszeit nach Florida, um ihrem Hobby nachzugehen: dem Tauchen. «Im Dezember finden keine Badminton-Turniere statt, deshalb mache ich dann jeweils Ferien.» Cynthia Mathez ist 33 Jahre alt und lebt mit ihrem langjährigen Partner in Olten. Die gelernte kaufmännische Angestellte bestreitet rund acht internationale Turniere pro Jahr. Vier Mal die Woche trainiert sie bis zu drei Stunden mit dem Badminton Klub beider Basel. Dazu kommen noch zwei Stunden Krafttraining, zu dem sie sich bevorzugt mit klassischer Rockmusik von AC/DC, Guns ’n’ Roses oder Metallica motiviert. Der Trainings- und Turnierbetrieb kostet die Spitzensportlerin rund 20’000 Franken pro Jahr, die sie durch Sponsorengelder aufbringen muss. Aufgewachsen ist Mathez mit ihrem älteren Bruder Michel und ihrem Zwillingsbruder Olivier in Tramelan im Berner Jura. Ihre Muttersprache ist Französisch, Deutsch lernte sie, als sie in Zürich wohnte. «Ich lerne immer wieder neue Worte», sagt sie in einwandfreiem Schweizerdeutsch.

«Ich wusste gar nicht, was MS ist»

Mathez leidet an schubhafter Multipler Sklerose. Der erste Schub traf sie vor sieben Jahren.
«Ich wusste damals gar nicht, was MS ist», erzählt sie. «Zuerst hatte ich schwere Gleichgewichts- probleme.» Nach der Diagnose habe sie sich in Rehabilitation begeben und dort plötzlich schreckliche Schmerzen in den Beinen gekriegt. Am Tag darauf konnte sie nicht mehr gehen. Seither musste sie noch weitere MS-Schübe erleiden, «sieben bis zehn», winkt sie ab. «Die MS ist eine Wundertüte: Man weiss nie, was es trifft», sagt sie mit schallendem Lachen und fügt sachlich an: «Klar ist jeder Schub eine Niederlage, aber wenn der nächste kommt, bin ich bereit.» Er werde kommen, daran bestünde kein Zweifel. Vor der Erkrankung wohnte und arbeitete Mathez in Zürich, machte Judo und fuhr Autorennen. «Rennen fahren könnte ich noch immer, ich müsste nur das Auto umbauen», sagt sie. Sie habe damals teilweise 15 Stunden am Tag gearbeitet. «So viel, wie ich damals jeden Tag arbeitete, schlafe ich heute», sagt sie schmunzelnd und spricht damit die ständige Müdigkeit an, die sie seit der Erkrankung begleitet. «Das ist das Schlimmste», erklärt sie in ernstem Ton.

Unter den Top-5 der Welt

Nachdem sie zur Rollstuhlgängerin geworden war, zog Mathez nach Olten und machte sich auf die Suche nach einer neuen Sportart. Basketball, Tennis und Tischtennis mochte sie schon vor dem Rollstuhl nicht. Mit Rugby hätte sie sich anfreunden können. «Weil ich Blutverdünner nehmen muss, waren die Ärzte aber dagegen», erzählt sie. Vor dreieinhalb Jahren ging sie erstmals ins Badminton-Training des Badminton Klubs beider Basel. «Die Leute waren sympathisch und der Sport gefiel mir.» Badminton erfordere schnelle, taktische Entscheidungen, das fasziniere sie: «Die Bälle fliegen schneller als im Tennis», weiss Mathez. Wegen der ständigen Müdigkeit spiele sie aber lieber im Doppel. Das Duo Mathez/Suter-Erath liegt auf Platz fünf der Weltrangliste. Während Mathez ihren ersten EM-Titel feierte, konnte Suter-Erath ihren letztjährigen Titel verteidigen. Auf ihre routinierte Doppel-Partnerin angesprochen hält Mathez fest: «In diesem Doppel zu spielen, ist eine super Erfahrung.»

Zwei Krisentage pro Jahr

«Wegen der MS habe ich zwei Tage im Jahr eine Krise», kennt sich Mathez. Dann fände sie ihr Leben jeweils doof. Davon würden die Schmerzen und die Müdigkeit noch schlimmer. Um da wieder rauszufinden, müsse sie sich aber nicht zwingen. Sie sei mit einem lebenslustigen Naturell geboren. «Da kann ich auch nichts dafür.» Der Rollstuhl habe auch Vorteile: So dürfe sie an Konzerten immer in die erste Reihe und zahle manchmal auch keinen Eintritt. «Behinderten-Bonus» nennt sie das. Hinter der Belustigung steckt ihr Ehrgeiz, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. «Mein Leben ist genau gleich, wie das eines Fussgängers.» Sie putze ihre Wohnung, koche, gehe aus, reise in der Welt herum. «Nur bin ich bergab viel schneller», sagt sie und lacht vergnügt.

Sportlerinnen- und Sportlerehrung der Stadt Olten
Mittwoch, 12. Dezember, 19 Uhr
Schützi, Schützenmattweg 15, Olten

www.cynthia-mathez.ch

 

 

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