Im Gespräch
17.08.2016

Nicht blockieren, sondern motivieren

Filmemacher Omid Taslimi (l. hinten) begleitete gemeinsam mit seinem Kamerakollegen Lasse Linder (l. vorne) den Verein«Be Aware and Share» von Initiator Bastian Seelhofer (4.v.l.hinten) bei seinem Flüchtlingseinsatz in Kroatien. (Bild: Omid Taslimi)

Filmemacher Omid Taslimi (l. hinten) begleitete gemeinsam mit seinem Kamerakollegen Lasse Linder (l. vorne) den Verein«Be Aware and Share» von Initiator Bastian Seelhofer (4.v.l.hinten) bei seinem Flüchtlingseinsatz in Kroatien. (Bild: Omid Taslimi)

«Be aware and share» Der Filmemacher Omid Taslimi hat den Basler Verein «Be Aware and Share» bei seinem Flüchtlingseinsatz auf der Balkanroute begleitet und eindrückliche Szenen an der kroatisch-ungarischen Grenze eingefangen. Der daraus entstandene Dokumentarfilm wird am 22. und 23. August im Kino Lichtspiele gezeigt.

Viviane Weber

Alles begann mit einem Facebookpost eines Basler Sozialarbeiters im letzten Spätsommer. Der 28-jährige Bastian Seelhofer hatte genug vom tatenlosen Zusehen und wollte aktiv etwas gegen das Leid und die Not der Tausenden von Flüchtlingen auf der Balkanroute unternehmen. Spontan rief er auf der Social Media-Plattform für Spenden auf, die er mit seinem VW-Bus ins Niemands- land an der Grenze zu Ungarn bringen und dort verteilen wollte. Sein Aufruf ging viral und bald schon kamen acht Tonnen Hilfsgüter zusammen, was die Möglichkeiten eines Einzelnen natürlich überstieg. Kurzerhand wurde der Basler Verein «Be Aware and Share» (BAAS) ins Leben gerufen und der erste Trip von 14 Freiwilligen im Alter von 20 bis 50 Jahren an die kroatisch-ungarische Grenze in Angriff genommen.

Blauäugiger Start ins Unbekannte

Der Filmemacher Omid Taslimi und sein Kollege Lasse Linder begleiteten die motivierte Truppe bei ihrem Einsatz. «Mich faszinieren Dokumentarfilme seit je und auch mit der Flüchtlingsthematik hatte ich mich bereits seit längerem beschäftigt. Daher stimmte ich natürlich sofort dem Projekt zu, als ich angefragt wurde», erklärt Omid Taslimi, der sich mit seinem Film- und Medienunternehmen TADIG (Taslimi Digital) vor gut zweieinhalb Jahren selbstständig machte. Worauf sie sich damit einliessen, war sowohl Taslimi als auch den Mitgliedern von «Be Aware and Share» nicht wirklich bewusst. «Ich habe sowohl vor als auch nach den Hilfseinsätzen Interviews mit den Freiwilligen geführt. Anfangs noch eher blauäugig, haben die Reisen alle Beteiligten stark geprägt», erzählt der Filmemacher und fügt an: «Besonders bei den jungen Vereinsmitgliedern war aufgrund der Einsätze eine enorme Entwicklung spür- und sichtbar.» Denn in Koprivnica (CRO) sah sich das Grüppchen rund um Bastian Seelhofer mit dem gesamten Ausmass des Flüchtlingsstromes konfrontiert.

Kontakt mit Hilfsorganisation vor Ort

Besonders der erste Einsatz sei wohl allen Beteiligten sehr eingefahren. Ganze Familien, vom verwirrten Kleinkind bis zur gebrechlichen Grossmutter, stiegen aus den Zügen aus, die sie kurz vor die kroatisch-ungarische Grenze brachten. «In unserer Gruppe herrschte Totenstille. Plötzlich war es real, die Flüchtlinge standen direkt vor uns», so ein Zitat der Freiwilligen Mara Massari im Dokfilm «Be Aware and Share». Durch Kontakte zu kroatischen Hilfsorganisationen wie «Help ever, Hurt never» der Aktivistin Vedrana Beg wurde es den Schweizern ermöglicht, ihre Güter an die zahlreichen Flüchtlinge zu verteilen. «Ohne diese Connections wäre es für uns sehr schwierig geworden. Schliesslich kannte uns die Polizei nicht und hätte womöglich interveniert.» Selbst so wurden die Aktivisten von Zeit zu Zeit an ihrem Tun gehindert und mussten sich illegal Zugang zu den Flüchtlingen verschaffen, um ihnen mit Kleidern und Nahrung die Strapazen der Reise bei teilweise kalten Oktobertemperaturen zuerleichtern.

Schutz hinter der Kameralinse

Omid Taslimi und sein KollegeLasse Linder waren mit ihren Kameras stets dabei. Fingen mit ihren Linsen die Geschehnisse ein und hielten das Zeitzeugnis sozusagen für die Nachwelt fest. «Obwohl wir mitten im Szenario standen, fühlte ich mich hinter meiner Kameralinse stets etwas geschützt und konnte so einen gewissen emotionalen Abstand vor Ort wahren», erinnert sich Taslimi. Zurück zu Hause beim Bearbeiten der Filmsequenzen wurde ihm das Erlebte aber dann richtig bewusst und schlug voll ein. «Einige Tage lag ich mit Fieber im Bett und musste mich sowohl mental als auch körperlich von den Eindrücken erholen.» Trotzdem begleitete der Basler die Mitglieder von «Be Aware and Share» auch bei ihrem zweiten Einsatz in Kroatien. «Dieser war noch heftiger, da wir an ganz verschiedenen Transitzonen vor Ort Hilfestellungen leisteten und so das ganze Ausmass des Flüchtlingschaoses mitbekamen.» Mit durchschnittlich zwei Stunden Schlaf pro Nacht stellte diese Zeit sowohl für ihn als auch die ganze Gruppe eine starke nervliche Belastung dar. Bereut haben die Aktivisten ihren Einsatz laut den Interviews jedoch nie und die meisten von ihnen beteiligen sich noch heute aktiv im Verein, der zurzeit Infrastrukturen und Bildungsinstitutionen für Flüchtlinge in Chios (Griechenland) aufbaut und betreut. «Be Aware and Share» (www.baas-schweiz.ch) ist somit nach wie vor auf Spenden für ihre Hilfsprojekte angewiesen.

«Der Film soll motivieren»

Omid Taslimi fokussiert sich im Dokumentarfilm «Be Aware and Share» stark auf die Motivation der Aktivisten, den gewohnten und bequemen Alltag zu verlassen und sich hilfsbedürftigen Menschen in einer extremen Notlage anzunehmen. «Ich wollte keinen beklemmenden Film machen, der vor allem auf das Mitgefühl und finanzielle Spenden der Zuschauer abzielt. Vielmehr soll unser Projekt auch weitere Personen motivieren, salopp gesagt «den Arsch hochzukriegen» und nicht nur zu reden, sondern auch etwas zu bewirken», so der Basler Filmemacher zu seinem Werk. Er plane nach seinem Erstling zukünftig noch weitere Dokumentarfilme. Konkret schwebt Omid Taslimi als Halbschweizer und Halbperser ein Projekt vor, in dem er das Phänomen «demiSuisse» genauer beleuchten und Schweizern mit Migrations-hintergrund eine Stimme geben kann. «Leider bin ich dafür jedoch noch auf weitere finanzielle Unterstützung angewiesen», so der Basler.

Vorführung im Kino Lichtspiele

Der 90-minütige Dokumentarfilm «Be Aware and Share» wird am 22. und 23. August im Kino Lichtspiele Olten gezeigt, montags gar in Anwesenheit von Omid Taslimi. Dies bleibt jedoch nicht die einzige Oltner Beteiligung am Projekt. Auch der Oltner Reggaemusiker Collie Herb ist in «Be Aware and Share» zu sehen.

«Be aware and share», Kino Lichtspiele
Mo, 22. und Di, 23. August, 20.30 Uhr

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