Im Gespräch
10.01.2018

Von der Suppenstube bis zum Salmen

An seinem Beruf schätzt der 49-jährige Schuhmachermeister Andreas Lerch den Kontakt mit Holz und das Schleifen sowie die Vielseitigkeit an Material und Aufgaben. (Bild: S. Furter)

An seinem Beruf schätzt der 49-jährige Schuhmachermeister Andreas Lerch den Kontakt mit Holz und das Schleifen sowie die Vielseitigkeit an Material und Aufgaben. (Bild: S. Furter)

Andreas Lerch ist ein guter Zuhörer, kennt das «alte Olten» vor 100 Jahren aus Erzählungen, schätzt die Gastronomie in der Dreitannenstadt von der Suppenstube bis zum Salmen und ist überzeugt, dass jeder im Leben eine Handvoll Geschenke erhält.

Sonja Furter

Rennvelofahrer sei lange sein Berufswunsch gewesen, erzählt der Schuhmachermeister Andreas Lerch. «Als Jüngster von vier Brüdern habe ich das Fahrradfahren früh gelernt.» Ein Stück Karton, das er mit einer Klammer an den Speichen befestigte, diente als akustischer Motor, das Fahrrad verwandelte sich im Handumdrehen in ein Rennauto, mit dem der Junge durchs Dorf fuhr. Lerch erinnert sich lachend: «Durch das Entfernen des Kartons hat sich das Rennauto in meiner Vorstellung in einen Rolls Royce transformiert. Ich war der Chauffeur. Und statt um die Kurven zu flitzen, bin ich ganz langsam und vornehm durchs Quartier gefahren.» Das alte Olten vor 100 Jahren kenne er aus Erzählungen von seinen Urgrosseltern, berichtet der heute 49-Jährige und schmunzelt: «Von der 1968er-Bewegung habe ich nicht viel mitbekommen. Damals lag ich noch im Kinderwagen.» Aufgewachsen ist Lerch mit seinen Brüdern jedoch in Kappel, die Berufswahl führte ihn dann wieder zurück in die Dreitannenstadt. Schon als Jugendlicher sei es sein Traum gewesen, einmal ein eigenes Geschäft zu führen, erzählt Lerch. Er schnupperte als Instrumenten- bauer und Bäcker-Konditor und wurde schliesslich Schuhmacher statt Rennvelofahrer. «Die Vielseitigkeit an Material und Aufgaben, der Kontakt mit Holz sowie das Schleifen gefallen mir bis heute am Beruf», erklärt Lerch seine Faszination für das Handwerk. Im Alter von 26 Jahren hat er sich selbstständig gemacht und führt heute ein eigenes Schuhgeschäft in Olten. Mit seinen Mitarbeitern hat er über 1’400 Paar Schuhe mit Rabattklebern «gepünktelt». «Ein gutes Arbeitsteam kann viel bewirken und ist ein Geschenk. Meine Ehefrau ist ein grosses Geschenk. Und dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und dieses Haus an der Solothurnerstrasse kaufen konnte, in dem Wohn-, und Ladenfläche unter einem Dach sind, ist ebenfalls ein grosses Geschenk.» Jeder erhalte nur eine Handvoll solcher Geschenke im Leben, ist Lerch überzeugt. «Ich bin dankbar für alle Ereignisse, die mir zugefallen sind.»

Das Fahrrad vor der Holzbrücke

Sich selbst beschreibt Lerch als einen Macher, als einen guten Zuhörer und als Realist. Seine Ehefrau hat er bei sich im Geschäft kennen gelernt. Die Behindertenbetreuerin ist mit einer Klientin in den Schuhladen gekommen, um einzukaufen. «Als meine zukünftige Ehefrau Lucrezia kurz darauf ein Gartenfest veranstaltet hat, fragte sie ihre Klientin, wen sie einladen solle und diese fand, dass Andreas Lerch eine gute Wahl sei.» So trafen sich die beiden zum zweiten Mal. Danach hörten sie längere Zeit nichts mehr voneinander. «Eines Nachts träumte ich von ihr. Sie war in einem roten Cabriolet unterwegs und trug ein rotes Halstuch», erzählt Lerch. Kurz entschlossen fragte er eine Arbeitskollegin von ihr nach der Handynummer. «Sie war zu diesem Zeitpunkt gerade in den Ferien und mit einem Cabriolet unterwegs.» Über diese Übereinstimmung von Traum und Realität staunen das Ehepaar und der gemeinsame Sohn Sascha noch heute. Eine ebenfalls unglaubliche Geschichte sei ein gestohlenes Fahrrad, das am dreizehnjährigen Sascha und ihm vorbeigefahren sei, gräbt Lerch eine andere Begebenheit aus der Erzählkiste aus. Nach einem Zahnarztbesuch war das Zweirad spurlos verschwunden. Vater und Sohn haben die Stadt abgeklappert, am Bahnhof gesucht und bei der Schützi vorbeigeschaut. Erfolglos. Trotzdem gönnten sich die Suchenden ein Eis als Belohnung für die Anstrengung. Während sie es löffelten, fuhr das gestohlene Fahrrad an ihnen vorbei. Vater Lerch rannte hinterher und konnte den Fahrraddieb kurz vor der Holzbrücke stoppen. Doch erst als er mit der Polizei drohte, war der Langfinger bereit, das Velo wieder zurückzugeben. «So eine Geschichte kann sich nur in Olten ereignen. In Bern oder Zürich wäre so ein Zufall kaum möglich.»

Oltner sind bescheiden

In der Dorfmusik Kappel hat Andreas Lerch als Jugendlicher die Klarinette gespielt. «Dadurch habe ich gelernt, dass es wichtig ist, meine Noten gut zu können und gleichzeitig auf die anderen Musiker einzugehen.» Sein Sohn Sascha lerne heute im Handballtraining, präsent zu sein, Teamgeist zu entwickeln und sein eigenes Können zu verbessern. Während der Sohn im Training ist, spielt der Vater mit ehemaligen Handballern Fussball. «Das ist ein grosses Hobby von mir. Wir Männer können uns unter Männern über Männerthemen austauschen. Beim Spiel sind wir offen und grosszügig miteinander und pflegen trotzdem einen gesunden Ehrgeiz. Wir kämpfen nicht verbissen um den Sieg, aber niemand verliert gern.» An Olten schätzt Lerch die Gastronomie für jedes Budget von der Suppenstube bis zum Salmen und findet, dass die Dreitannenstadt ein guter Wohnort sei. «In Olten wird alles angeboten, was ein Mensch braucht, einfach «bescheiden»», sagt Lerch und ist überzeugt: «Wer gerne in Olten lebt, braucht nicht jedes Produkt in siebenfacher Ausführung im Migros-Regal.» Auch biete die Dreitannenstadt schöne Naherholungsgebiete und eine grosse Auswahl kultureller Darbietungen auf hohem Niveau. «Die Vorurteile gegenüber der Stadt kann ich nur teilweise verstehen. Wer hier lebt, lebt gerne hier.»

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