Stadt
10.10.2018

«Was, wenn jemand erfriert?»

Ursula Ulrich ist die Präsidentin des Vereins «Schlaf guet», der sich für eine Notschlafstelle in Olten einsetzt. «Auch in diesem Winter werden Obdachlose wohl auf der Holzbrücke übernachten müssen.» (Bild: Franz Beidler)

Ursula Ulrich ist die Präsidentin des Vereins «Schlaf guet», der sich für eine Notschlafstelle in Olten einsetzt. «Auch in diesem Winter werden Obdachlose wohl auf der Holzbrücke übernachten müssen.» (Bild: Franz Beidler)

Notschlafstelle Auch diesen Winter werden wohnungslose Menschen in Olten in kalten Nächten keinen Zufluchtsort haben. Wie bereits letztes Jahr gelang es dem Verein «Schlaf guet» nicht, einen geeigneten Ort für eine Notschlafstelle zu finden. Für den Winter 2019/20 zieht der Verein nun auch in Betracht, die Notschlafstelle in Containern unterzubringen.

Franz Beidler

Jeden Montagabend habe ihr Weg zur Chorprobe sie über die alte Holzbrücke in Olten geführt. Dort habe sie die Menschen angetroffen: Jene ohne ein Dach über dem Kopf und ohne Bett. An den Seitenwänden unter den hölzernen Stützbalken hätten sie sich eingerichtet, um eine weitere Nacht in der Kälte zu überstehen. So erinnert sich Ursula Ulrich, Alt-Nationalrätin und Präsidentin des Vereins «Schlaf guet» an den Winter 2016. «Da wurde mir klar: Wohnungslose Menschen gibt es auch in Olten.» So zögerte Ulrich nicht mit ihrer Zusage, als sie angefragt wurde, den noch jungen Verein zu präsidieren. «Schlaf guet» wurde im Mai 2017 ins Leben gerufen und zählt rund 60 Mitglieder. Sein einziger Zweck ist es, in Olten eine Notschlafstelle einzurichten und zu betreiben. Eine dreijährige Pilotphase des Projekts hätte ursprünglich im Winter 2017 anlaufen sollen. Dieser Zeitrahmen war jedoch zu ehrgeizig, denn dem Verein gelang es nicht, eine passende Immobilie zu finden. So musste der Start für eine Notschlafstelle in Olten auf den Winter 2018 verschoben werden. Nun zeichnete sich ab, dass auch dies nicht mehr gelingen wird. «Oft scheiterten wir am Mietpreis», sagt Ulrich. Bei den Verhandlungen habe der Verein aber auch immer wieder gegen Berührungsängste ankämpfen müssen. «Wir hatten einen Fall, bei dem der Vermieter eigentlich schon zugesagt hatte. Als er dann aber die Nachbarschaft befragte, lehnte diese eine Notschlafstelle in ihrer Umgebung ab», erzählt Ulrich. Die Bevölkerung wolle den Obdachlosen schon helfen, nur eine Notschlafstelle in ihrer unmittelbaren Umgebung wollten die meisten nicht.

Vorbild «Pfuusbus»

«Obdachlose Menschen machen keinen Lärm und sind nicht kriminell», sagt Ulrich. Die Verantwortlichen des «Pfuusbus» in Zürich würden das bestätigen. Der «Pfuusbus» ist ein Sattelschlepper mit einem Vorzelt und steht derzeit im Albisgüetli in Zürich. «Im Umkreis von
100 Metern stehen Wohnhäuser», erzählt Ulrich. «Die Menschen gehen abends dahin und sind froh, eine ruhige Nacht an einem warmen und trockenen Ort verbringen zu können.» Am nächsten Morgen würden sie wieder gehen. «Mit Drogen kommen sie erst gar nicht rein.» Der «Pfuusbus» sei eine Inspiration für das, was «Schlaf guet» vorschwebe.

Container-Konzept für Winter 2019

Der Verein hat sein Konzept nach dem erneuten Scheitern nun um die Idee von Containern erweitert. «Wir würden drei Container aufstellen, wie man sie von Baustellen kennt, in denen Schlafplätze für sechs bis zehn Personen und sanitäre Anlagen untergebracht wären», so Ulrich. Das würde gegen 100 Quadratmeter Nutzfläche beanspruchen. «Wir erhoffen uns von der neuen Idee natürlich bessere Chancen, einen Ort zu finden.» Ein Gebäude sei aber nach wie vor nicht ausgeschlossen. «Es muss auch nicht in Olten sein», so die Präsidentin weiter, «wir suchen ebenso in den umliegenden Gemeinden.» Die neue Pilotphase ist für November 2019 bis April 2020 geplant. Im Sommer wäre die Notschlafstelle jeweils nicht in Betrieb.

«Nur ein Ort fehlt uns»

«Wir haben alles, was es braucht, nur ein Ort fehlt uns», sagt Ulrich. Das sei zeitweise schon frustrierend. Auch weil die Überzeugungsarbeit beim Stadtrat nicht auf fruchtbaren Boden stösst. «Die Stadt sagt, in Olten müsse niemand auf der Strasse leben», zitiert Ulrich. Allerdings müssten sich Obdachlose zu Bürozeiten in der Stadtkanzlei melden. «Die meisten obdachlosen Menschen funktionieren nicht so», weiss Ulrich. Sie würden nicht vorausplanen, sondern erst nach einem Schlafplatz suchen, wenn sie schlafen wollten. «Dann ist die Stadtkanzlei aber schon ge- schlossen.» Da würden Obdachlose und Stadtverwaltung in verschiedenen Realitäten leben. «Deshalb ist es uns ein besonderes Anliegen, unser Angebot so niederschwellig wie möglich zu gestalten», erklärt Ulrich. So sei eine Notschlafstelle auch die richtige Massnahme im Vergleich zu anderen Konzepten, wie begleitete Wohngemeinschaften oder Notwohnungen. «Die Bürokratie, die solche Institutionen umgibt, schreckt viele Wohnungslose ab.» Auf die Frage hin, was den jetzt diesen Winter passiere, zeigt sich Ulrich besorgt: «Die Menschen werden wohl weiterhin auf der Holzbrücke übernachten müssen», sagt sie seufzend und fragt: «Was, wenn jemand erfriert?»

Verein «Schlaf guet»
Engelbergstr. 35
4600 Olten

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