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08.07.2020

Der Hüter der Kulturgüter

Der Oltner Pascal Troller kämpft dafür, dass Kulturgüter, insbesondere Dampflokomotiven erhalten bleiben. (Bild: mim)

Der Oltner Pascal Troller kämpft dafür, dass Kulturgüter, insbesondere Dampflokomotiven erhalten bleiben. (Bild: mim)

Pascal Troller setzt sich mit seinem Netzwerk dafür ein, dass Kulturgüter erhalten bleiben. Momentan versucht er, seine fünfte Dampflokomotive und ein historisches Kraftwerk im Berner Oberland auf finanziell gesicherte Füsse zu stellen.

Von: Mirjam Wetzstein

Unter dem blauen Ortsschild mit der weissen Aufschrift «Wettingen» steht im lichtdurchfluteten ehemaligen SBB-Dampflokomotivdepot Brugg eine Glasvitrine. «Die müssen mal wieder gereinigt werden», meint Pascal Troller und wirft einen Blick auf die verschiedenen darin stehenden Lampen für Lokomotiven. Diese stammen aus Trollers Privatsammlung, der sie als Ausstellungsstücke dem Depot in Brugg übergeben hat, in dem zahlreiche weitere Gegenstände die Geschichte der Eisenbahn erzählen. Daneben stehen in den Hallen der Stiftung SBB Historic natürlich auch mehrere Dampflokomotiven: Wuchtig und schwarz glänzend imponieren die Riesen mit teilweise bis zu 86 Tonnen Dienstgewicht. «Die 2978 ist die letzte Dampflokomotive aus der Serie C 5/6, welche von der SBB eingesetzt wurde», erzählt Troller auf dem Weg zu seinem aktuellen Projekt, der SBB-Dampflokomotive 8551.

Vom Hobby zum Beruf

Ein Foto hält den Schlüsselmoment fest, als im damals fünfjährigen Pascal Troller die Leidenschaft für Dampflokomotiven erwachte. «Das Foto zeigt meine Zwillingsschwester und mich, wie wir auf einem Spielplatz auf einer ausrangierten SBB-Dampflokomotive stehen. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich mal selbst eine Lok besitzen möchte», so Troller. «Bis in die 1970er-Jahre sind die Dampf-lokomotiven in der Privatindustrie eingesetzt worden, bevor man sie schliesslich auch dort ausrangierte», so der gebürtige Zürcher, dessen Familie ihre Wurzeln in Starrkirch-Wil hat. Doch Troller wurde weder Lokomotivführer noch Schaffner, sondern trat in die Fussstapfen seines Vaters und erlernte den Beruf des Buchdruckers. Die Faszination für die grossen Riesen blieb jedoch bestehen und so versuchte er, als damals Zwanzigjähriger, vorerst erfolglos eine Lok zu übernehmen. Doch erst die SOB-Dampflokomotive «Schwyz», die bis 1996 in Wädenswil auf einem Denkmalsockel stand, sollte schliesslich seine erste sein. «Im Auftrag der Schweizerischen Südostbahn AG (SOB) durfte ich ein Revisions- und Finanzierungskonzept erarbeiten», erzählt der 64-Jährige über die Anfänge. Was als Hobby für den damals im Verlagsgeschäft tätigen Troller begann, machte er schliesslich 2006 zu seinem Beruf.

Vom Depot zur Dampflokomotive

Mittlerweile hat Troller nicht nur Dampflokomotiven, sondern auch weiteren Industriegütern wieder Leben eingehaucht. In Zusammenarbeit mit dem bekannten Winterthurer Architekten sowie Technik- und Wirtschaftshistoriker Hans-Peter Bärtschi entstand über die Jahre die «Informationsplattform für schützenswerte Industriekulturgüter der Schweiz» (ISIS). Zuerst für den Kanton Bern und nach und nach auch für Zürich, die Nordost- und Zentralschweiz sowie Basel. Auch für die Nagelfabrik Winterthur, deren Maschinen während vier Jahren bis 2004 restauriert wurden, hatte Troller Geld aufgetrieben. Heute steht sie unter Denkmalschutz und die Maschinen sind in einem Schaubetrieb zu sehen. Als weiteres Projekt darf das Lokomotivdepot Koblenz genannt werden. Es handelt sich dabei um die älteste Fachwerkbau-Remise in der Schweiz. Diese steht ebenfalls seit 2007 unter Denkmalschutz und wurde im selben Jahr mit dem Aargauer Heimatschutzpreis ausgezeichnet. Weiter folgte die NOB-Dampflokomotive, die 2016 dem Verein Historische Seethalbahn übergeben werden konnte und die SCB-Dampflokomotive 41, die bis 1941 im Depot in Olten gewartet wurde, und heute im Verkehrshaus in Luzern steht.

Langer Atem erforderlich

Über die Jahre konnte sich Troller, der inzwischen in Olten lebt, ein grosses Netzwerk aufbauen. «Ich erhalte schon mal einen Anruf, wenn Kulturgüter weggeschafft werden sollen.» Er versuche dann ein Plätzchen für die Gegenstände zu finden. So stehen im Aussenbereich des Brugger Depots ein Dampflokomotiv-Wasserkran und in der Halle seine historischen Bahnsignale. Doch auch für den Kulturgutschützer ist klar: «Es kann nicht jeder Hühnerstall gerettet werden.» Bevor er ein neues Projekt annehme, müssten deshalb Abklärungen getroffen werden. «Es bringt nichts, von einer Lok mehrere Exemplare zu erhalten. Deshalb müssen Seltenheitswert und die historische Relevanz geprüft werden und ist die Zusammenarbeit mit der jeweils zuständigen Denkmalpflege sehr wichtig», erklärt Troller. Beim aktuellen Projekt handelt es sich um die aus historischer Sicht legendäre Rheinhafen-Dampflokomotive 8551, weswegen sie der Oltner erhalten möchte. Nun müssen für die je nach Restaurationsbedarf voraussichtlich rund 850’000 Franken, Geldgeber gefunden werden. Dies dürfte gemäss Troller ein bis zwei Jahre dauern. Die Lok werde in ihren letzten Betriebszustand zurückversetzt, auch um die Entwicklung der Technik aufzuzeigen. «Und natürlich muss sie fahrtüchtig sein», betont Troller, der sich daneben dem Kraftwerk Schattenhalb im Kanton Bern angenommen hat, das zum Schaubetrieb restauriert werden soll. Unterstützung für die Projekte leisten teilweise der Bund, die Kantone, Stiftungen und Privatpersonen. Doch Troller stellt klar: Geldgeber zu finden, sei nicht einfach. «Jedes Projekt braucht einen langen Atem.» Wie die Brünig-Dampfbahn, die nach Restaurationsabschluss als Ensemble präsentiert werden soll. Troller wird im kommenden Jahr pensioniert. «Ich mache es noch so lange, wie ich kann.» Vorwärts treibt den Ruhelosen die Gesellschaft: «Wenn wir nun nicht auf unsere Kulturgüter achten, ist bald nichts mehr vorhanden und dieses Rad kann nicht zurückgedreht werden.»

www.pascaltroller.ch

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