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22.07.2020

Kunst aus einem Guss

Ein möglichst nachhaltiges Arbeiten ist dem Zeichner und Skulpteur Jacques Philipp Neukomm ein grosses Anliegen. (Bild: mim)

Ein möglichst nachhaltiges Arbeiten ist dem Zeichner und Skulpteur Jacques Philipp Neukomm ein grosses Anliegen. (Bild: mim)

Jacques Philipp Neukomm Eines seiner Werke ist noch bis Mitte August in der Schaufensterausstellung des Kunstvereins Olten zu sehen. Der Zeichner und Skulpteur erzählt von seinem interdisziplinären Schaffen und der Nachhaltigkeit in seiner Kunst.

Von: Mirjam Wetzstein

In der Küche steht eine Werkbank, neben dem Bett befinden sich Skulpturen und darüber hängen Zeichnungen. Ausserdem stapeln sich im Arbeitszimmer fein säuberlich alte neben neuen Arbeiten. Skulpteur und Zeichner Jacques Philipp Neukomm, genannt Jacquy, arbeitet, wo er lebt - das jedoch nicht nur freiwillig. «Ein Atelier kostet», meint der 76-Jährige beim Gang durch seine Wohnung in einem Oltner Mehrfamilienhaus. Neukomm hält es mit Paul Cézanne der sagte: «Macht nicht Kunst der Kunst wegen.» «Wenn ich mal gehen muss, möchte ich das Gefühl haben, dass mein Tun, Sinn gemacht hat.»

Kontakte schufen Möglichkeiten

Neukomm ist im schaffhausischen Hallau auf einem Kleinbauernbetrieb und aufgrund seiner welschen Mutter zweisprachig aufgewachsen. Eigentlich habe er Dekorateur lernen wollen, doch der Vater wollte, dass sein Sohn einen «seriösen» Beruf ergreift. So liess sich dieser zum Hochbauzeichner ausbilden. Anschliessend verbrachte er zwei Jahre als Konstruktionszeichner in einer Grosszimmerei in Lausanne. Dies ermöglichte es ihm, an der Schweizerischen Landesausstellung von 1964 mitzuwirken. «Diese Zeit hat mir den Zugang zum Holzbau, zur zeitgenössichen Architektur, aber auch durch Künstler wie André Lassère, Alberto Giacometti und Max Bill zur Kunst eröffnet», so Neukomm über die zwei Jahre, in denen er gelernt hat zu berechnen und Projekte fachgerecht aufzuzeichnen. «Noch heute arbeite ich oft und gerne nach dem Proportions-Kanon des Goldenen Schnittes», so Neukomm, dessen Arbeiten breit gefächert und damit stets auch ein Abbild seiner vielfältigen beruflichen Tätigkeiten sind.

Interdisziplinäres in Hannover

Sein Baufachlehrer habe ihm die Fachhochschule für Kunst und Design im deutschen Hannover empfohlen. Für deren Finanzierung erhielt Neukomm ein Stipendium und übte zahlreiche Jobs aus. Insgesamt zehn Jahre sollte der Junge aus Hallau schliesslich, fern des strengen Elternhauses, in seiner zweiten Heimat verbringen. «Es war eine grossartige Zeit des Experimentierens, aus der noch heute Freundschaften bestehen», erzählt Neukomm im Schaffhauser Dialekt mit gelegentlichen französischen Bemerkungen. Neben seinem Studium kam er damals vermehrt in Kontakt mit anderen Kunstrichtungen und spannte mit Studenten der Staatlichen Hochschule für Musik, Theater und Ballett zusammen. «Im Baubereich sind interdisziplinäre Zusammenarbeiten üblich», erklärt Neukomm ausschweifend, während er nicht zum ersten Mal die blauen Stoffsets auf dem Tisch gerade rückt. Neben den sehr präzisen, teilweise auch technischen Arbeiten, interessierte sich Neukomm für die Interaktion zwischen den Theaterspielern oder Tänzern. «In einer Stunde entstehen beim Bewegungszeichnen bis zu 30 Zeichnungen», erzählt er von der Disziplin, die er viel später auch in einer Zusammenarbeit mit der Oltner Tanzpädagogin Ursula Berger anwendete. Seinen Lebensunterhalt in Hannover verdiente sich Neukomm als Lehrkraft im Bereich Werken und als Zeichner. Ausserdem arbeitete er als Gestalter und Plastiker mit Städtebau-, Sanierungs-, Landschafts-, Garten- und Innenarchitekten zusammen. Schliesslich siedelte Neukomm für die Tätigkeit des Entwerfers in einem Architekturbüro ins deutsche Göttingen über. Nach einem Jahr arbeitete er im Historischen Museum und stellte daneben auf Kunstmärkten aus, bis er 1982 in die Schweiz zurückkehrte. «In meinen bisherigen Bereichen gab es damals keine Jobs, weshalb ich schliesslich als wissenschaftlicher Zeichner für die Kieferchirurgie im Zahnärztlichen Institut der Universität Zürich unterkam», erzählt Neukomm. Später schloss sich mit der Anstellung als Dozent fürs Skizzieren an der Schweizerischen Hochschule für die Holzwirtschaft ein Kreis. Darauf war Neukomm freier Mitarbeiter eines Garten- und Landschaftsarchitekten und arbeitete schliesslich die letzten Jahre als Kursleiter für figürliches Zeichnen.

Nachhaltiges Kunstschaffen

Neukomm, Vater eines erwachsenen Sohnes, ist nach der Scheidung von seiner Ehefrau vor rund 20 Jahren nach Olten gezogen. Über die Jahre ist er ein fester Bestandteil der hiesigen Künstlergilde geworden. Die Teilnahme am Kunstmarkt oder an der Jahresausstellung des Kunstmuseums ist deshalb wenn immer zeitlich möglich Ehrensache. Seit 2011 befindet sich zudem eine Skulptur im Atrium des Stadthauses Olten. «Diese drei, dem Menschen ähnlich sehenden, Silhouetten stellen die für mich wichtigen Punkte Wirtschaft, Ökologie und Ethik in meinem künstlerischen Schaffen dar», erzählt Neukomm, der seit acht Jahren mit der Künstlerin Esther Haltiner-Lüscher liiert ist. Er hatte auch mal die Idee, Kinderspielgeräte herzustellen. «Dieses Vorhaben liess sich jedoch nicht ganz mit meinem Nachhaltigkeitsbedürfnis vereinbaren.» Seine Figuren formt Neukomm aus einer Stahlfläche und verzichtet dabei auf jeglichen Abfall. So einfach wie es sich anhöre, sei es aber nicht: «Es braucht einige Tüftelarbeit.» Momentan hält der 76-Jährige eine Art Rückschau auf seine Arbeit, indem er seine Werke auf Holz zeichnet. «Es geht mir dabei ähnlich, wie wenn ich nach langer Zeit alte Bekannte treffe. Dieses von Neuem auf mich zukommen lassen, ist ja eine Art des Berührens und kein blosses Nachzeichnen», erklärt Neukomm, dessen Schalk trotz aller Sinn- und Ernsthaftigkeit in seinen künstlerischen Arbeiten erkennbar bleibt.

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