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14.04.2021

Auftakt mit Würsten und Bier

Ursula Hellmüller, Geschäftsleiterin Suchthilfe Ost, und Simon Gomm von der Brauerei Dreitannenbier, konnten am letzten  Samstag auf neue Öffnungszeiten und das hauseigene Leichtbier der Stadtküche anstossen. (Bilder: Franz Beidler)
Patrizia Twellmann, Abteilungsleiterin Stadt­küche/­Kontakt- und Anlaufstelle.

Ursula Hellmüller, Geschäftsleiterin Suchthilfe Ost, und Simon Gomm von der Brauerei Dreitannenbier, konnten am letzten Samstag auf neue Öffnungszeiten und das hauseigene Leichtbier der Stadtküche anstossen. (Bilder: Franz Beidler)

Ursula Hellmüller, Geschäftsleiterin Suchthilfe Ost, und Simon Gomm von der Brauerei Dreitannenbier, konnten am letzten  Samstag auf neue Öffnungszeiten und das hauseigene Leichtbier der Stadtküche anstossen. (Bilder: Franz Beidler)
Patrizia Twellmann, Abteilungsleiterin Stadt­küche/­Kontakt- und Anlaufstelle.

Patrizia Twellmann, Abteilungsleiterin Stadt­küche/­Kontakt- und Anlaufstelle.

Stadtküche Olten Am vergangenen Samstag ­waren die Oltner Stadtküche und die Kontakt- und Anlauf­stelle zum ersten Mal seit ­Jahren wieder am ­Wochenende geöffnet.

Von: Franz Beidler

Die Öffnungszeiten der Oltner Stadtküche und der Kontakt- und Anlaufstelle wollte Ursula Hellmüller ändern, seit sie die Arbeit als Geschäftsleiterin der Suchthilfe Ost aufnahm. Das war Ende des letzten Sommers. «Schliesslich hört Sucht nicht freitags um fünf Uhr auf», sagte sie damals, als Stadtküche und Kontakt- und Anlaufstelle an Wochenenden noch geschlossen blieben. Am letzten Samstag, 10. April, wurde das Vorhaben nun erstmals umgesetzt: Neu ist die Stadtküche unter der Woche von 11.30 Uhr bis 19 Uhr und die Kontakt- und Anlaufstelle von 12 Uhr bis 19 Uhr geöffnet. An Wochenenden öffnen beide Räumlichkeiten von 12 Uhr bis 16 Uhr ihre Türen.

Mehrkosten entstehen dabei keine. Bisher waren die Stadtküche und die Kontakt- und Anlaufstelle von je zwei Mitarbeitenden betreut. Mit den angeglichenen Öffnungszeiten können nun drei Mitarbeitende sowohl die Stadtküche als auch die Kontakt- und Anlaufstelle betreuen.

Zur Feier des Umbruchs wurden am Samstag in der Stadtküche Würste gebrätelt. Denn neben den neuen Öffnungszeiten schenkt die Stadtküche nun auch wieder eigenes Bier aus. Die Oltner Brauerei Dreitannenbier braut für die Suchthilfe Ost ein Leichtbier. Von nun an darf in der Stadtküche ausschliesslich dieses getrunken werden. Wer Zutritt zur Stadtküche hat, bekommt eine Stange für sechzig Rappen. Selbstverständlich sind daneben auch Tee oder Mineralwasser erhältlich.

Suchthilfe Ost fragt Dreitannenbier an

«Früher war hier eine Brauerei», kennt Hellmüller die Geschichte des Gebäudes der Suchthilfe Ost an der Aarburgerstrasse. Das habe sie auf die Idee gebracht, dass die Suchthilfe eigenes Bier brauen könnte. «Wir wollten aber keine Brauereien konkurrenzieren», erklärt sie. Deshalb habe sie im Dezember des letzen Jahres bei der Oltner Dreitannenbrauerei angerufen. «Wir fanden das eine tolle Idee», erklärt Simon Gomm, Bierbrauer der Brauerei Dreitannenbier. Das Vorhaben passe zur Philosophie der Brauerei: «Massvoller und bewusster Konsum mit Genuss.» Noch vor Weihnachten trafen sich Hellmüller und die Brauer. «Wir wurden uns sehr schnell einig», berichten Gomm und Hellmüller. Für die Suchthilfe konzipierten sie ein Leichtbier mit einem Alkoholgehalt von nur 3,3 Volumenprozent. Anfangs März braute Dreitannenbier den ersten Sud à 550 Liter. Der zweite ist bereits in Produktion. In kleiner Charge ist das Leichtbier auch in Flaschen erhältlich. «Es ist aber ganz klar das Bier für die Suchthilfe», bekennt sich Gomm zur Zusammenarbeit. Der Auftrag kam für die Kleinbrauerei zu einem günstigen Zeitpunkt. «Wegen Corona brach unser Umsatz um achtzig Prozent ein», berichtet Gomm. Die Herausforderung, das passende Leichtbier zu brauen, nahm Dreitannenbier umso lieber an.

Im geringen Alkoholgehalt stecke eine wichtige Botschaft, hält Hellmüller fest: «Man muss nicht immer gleich abstinent sein, sondern kann vielleicht auch mal etwas weniger konsumieren.» Sucht sei nicht einfach schwarz oder weiss. «Ebenso gefährlich ist die Vereinsamung, die oft damit einhergeht.» Mit dem eigenen Leichtbier kann die Stadtküche dem entgegenwirken und kommt mit den Betroffenen ins Gespräch.

Zugang dank eigenem Bier

«Das eigene Bier wird mir die Arbeit erleichtern», bekräftigt Patrizia Twellmann die Einschätzung von Hellmüller. Twellmann arbeitet seit dreizehn Jahren als Abteilungsleiterin der Stadtküche und der Kontakt- und Anlaufstelle. Schenkt sie das Bier selber aus, kann sie den Konsum besser einschätzen. «Und ich kann zum Beispiel mit den Leuten schon beim ersten Bier abmachen, wie viele es heute noch werden sollen.» Twellmann hält fest: «Kommt einer schon im Zickzack rein, dann kriegt er sowieso nichts mehr.» Dass sie in Zukunft das Verbot von mitgebrachtem Alkohhol durchsetzen muss, bereitet ihr keine Sorgen. «Wir haben einen guten Zugang zu den Leuten.»

«Von den neuen Öffnungszeiten erhoffen wir uns, dass die Leute zu uns kommen, anstatt die Wochenenden auf der Strasse oder alleine zuhause zu verbringen», erklärt Twellmann. Seien die Stadtküche und die Kontakt- und Anlaufstelle geschlossen, fehlten vielen Betroffenen der soziale Kontakt. «Wir können zuhören», sagt Twellmann. Für viele sei die Gemeinschaft um die Suchthilfe Ost wie eine Familie.

Wegen den Leuten und dem Essen

Das streicht auch Roland heraus, der in der Zeitung nur mit Vornamen genannt werden möchte. «Ich komme wegen den Leuten und dem Essen.» An etwa drei Abenden die Woche sei er in der Stadtküche, um zu essen, zu plaudern oder Billard zu spielen. Vor allem im Winter wünsche er sich schon lange, dass die Stadtküche auch am Wochenende geöffnet ist. «Das Leichtbier mag ich sehr», hält er fest. «Ein Qualitätsbier aus Handarbeit.» Dass er seinen eigenen Alkohol nicht mehr konsumieren darf, stört ihn nicht. «So entsteht viel weniger Abfall.»

Dem schliesst sich Rolands Tischnachbar an. «Die Leute nennen mich Iggypop», antwortet er auf die Frage nach seinem Namen. Er sei fast täglich in der Stadtküche. «Das neue Bier ist geschmacklich so gut, dass ich den geringeren Alkoholgehalt nicht bemerke», erklärt er und streicht heraus: «Wir kommen sowieso nicht zum Saufen hierher.» Das Wichtigste sei die Gemeinschaft. Deshalb wünsche auch er sich seit Jahren, dass die Stadtküche an Wochenenden geöffnet ist. Roland und Iggypop stellen klar: «An Samstagen und Sonntagen existieren wir schliesslich auch.»

www.suchthilfe-ost.ch

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