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19.06.2019

Zwischen Himmel und Erde

Komponist Thomas Trachsel in seinem Arbeitsraum: «Komponieren ist ein verletzlicher Moment». (Bild: Franz Beidler)

Komponist Thomas Trachsel in seinem Arbeitsraum: «Komponieren ist ein verletzlicher Moment». (Bild: Franz Beidler)

Thomas Trachsel «Musik kommt von dort, wo alles herkommt, das wir nicht sehen können», so der Komponist. Am Samstag, 29. Juni wird Thomas Trachsels zweite Sinfonie im Stadttheater Olten aufgeführt.

Franz Beidler

Beim Komponieren tauche er ab in eine Welt aus Tönen und Klangbildern. «Wenn ich ange- sprochen werde, antworte ich zwar, weiss aber später nichts mehr davon.» So beschreibt der Kappeler Komponist Thomas Trachsel seine Arbeit. «Das ist eine emotional intime Welt, in die ich im Schreibfluss abtauche. Deshalb ist Komponieren auch ein verletzlicher Moment.» Es könne schon vorkommen, dass er am Piano sitze, in der Hand einen Bleistift, vor sich ein Blatt Notenpapier, und in Tränen aufgelöst sei. «Freude lebe ich aus, in der Musik kommen meine Sorgen zum Ausdruck.» So erklärt sich auch der Untertitel seiner zweiten Sinfonie: «Ängste unserer Zeit». Das Werk kommt am Samstag, 29. Juni um 20 Uhr im Stadttheater Olten im Rahmen des Musikfestivals des Solothurner Blasmusikverbandes zur Aufführung. Spielen wird es die Banda Municipal de Barcelona. Das vollausgebaute Blasorchester wird dirigiert von Henrie Adams, der bereits vier von Trachsels fünf Sinfonien uraufgeführt hat. Als Solistin wird die international renommierte Mezzosopranistin Ana Häsler auftreten. «Sie wird erstmals in der Schweiz zu hören sein und sagte mir, sie sei begeistert von der Musik», freut sich Trachsel auf den Abend.

Das Persönliche in der Musik

Ebenjene zweite Sinfonie widmete Trachsel dem Dirigenten Adams. «Mit Henrie habe ich grosses Glück.» Seit rund fünfzehn Jahren würden sie zusammenarbeiten und seien seither auch gute Freunde geworden. «Er weiss, wer ich bin und was ich mit der Musik will.» Das sei insbesondere deshalb wichtig, weil so viel Persönliches darin stecke. Die zweite Sinfonie ist in den Jahren 2007/08 entstanden, als die Immobilienblase in den USA die Welt in eine Wirtschaftskrise stürzte und auf der arabischen Halbinsel und im Mittleren Osten die Wirren des Terrorismus einen vorläufigen Höhepunkt erreichten. «Ich hatte schon wegen dem Atomunfall in Tschernobyl und dem Kuwaitkrieg schlaflose Nächte», kommentiert Trachsel seine Betroffenheit, von der «Ängste unserer Zeit» handelt. Dementsprechend taufte er den zweiten Satz des Werks «dies irae», Lateinisch für «Tag des Zorns», und eine Metapher für die Vorstellung des Jüngsten Gerichts. «Darin verarbeite ich das Motiv des gleichnamigen gregorianischen Chorals», erklärt Trachsel. Daneben steckte der Komponist auch sein Innerstes in das Werk. «Geschrieben habe ich die Zweite wegen meiner Töchter, die damals zur Welt kamen», sagt er und führt aus: «Die Geburten waren eine Wucht. Natürlich empfand ich unfassbare Freude, aber da war eben auch eine wahnsinnige Angst. Ein Kind hat ein urnatürliches Vertrauen in seine Eltern, dass es von ihnen beschützt wird.» Gegenüber diesem Urvertrauen steht eine Urangst. «Ich hatte Angst davor, zu versagen. Als Vater bin ich oft hilflos und kann nur hoffen.» Diese elterliche Urangst thematisiert Trachsel im dritten Satz der zweiten Sinfonie, der mit «Klagelied einer Mutter» überschrieben ist. «Der Text stammt aus dem Mittelalter und erzählt von einer Mutter, die ihren Sohn beweint, der im Krieg verschollen ist», erklärt der Komponist berührt. Seine Erlebnisse der Entstehungsjahre der zweiten Sinfonie kommentiert Trachsel also mit alten Texten und Motiven. Damit verweist er über unsere Zeit hinaus. «Das ist der grosse Bogen des Werks: Von den Ängsten unserer Zeit schliesst es auf die Urängste der menschlichen Existenz.»

«Nur, wenn ich Lust habe»

Um solch persönliche Gedanken zu Musik verweben zu können, baute sich Trachsel vor Jahren zusammen mit seinem Vater und seinem Göttibub einen Arbeitsraum in den Keller seines Hauses in Kappel. Wegen der Erinnerungen an den Bau sei die Familie darin präsent. Trotzdem betont Trachsel: «Das ist einfach mein Raum.» Er versuche ihn so einzurichten, dass er gerne hier Zeit verbringe. «Schliesslich komponiere ich nur, wenn ich Lust dazu habe.» Denn wenn er Lust habe, finde er üblicherweise auch Zeit, stellt er schmunzelnd fest. Trachsel lebt nicht alleine vom Komponieren: Er unterrichtet Musik an der Kreisschule Gäu, dirigiert das sinfonische Blasorchester Rüti-Tann, das Blasorchester Schnottwil und das Swiss Saxophone Orchestra. Ausserdem führt er die Symphonic Works GmbH, seinen eigenen Notenverlag und ist Mitglied der Musikkommissionen des Solothurnischen Blasmusikverbandes SOBV und des Schweizer Blasmusikverbands SBV.

Ein Zehntel Zwänge

Trachsel ist also vielbeschäftigt und findet gelassen: «Wir Menschen reden uns ein, dass wir neun Zehntel von dem, was wir machen, gar nicht machen wollen. Das stimmt aber nicht.» Vielleicht ein Zehntel seien Zwänge. Trachsel nennt ihn «die Einschränkungen, um frei zu sein.» Diese Freiheit versucht er sich auch in seiner Terminplanung zu wahren. «Es bringt nichts, jemanden zu treffen, nur weil es in meinem Kalender steht.» Vielmehr solle sich der Kalender nach den Bedürfnissen richten. «Wenn man verwirklicht, was einem angeboren wurde, nutzt man die Zeit automatisch dafür», ist Trachsel überzeugt. Jeder Mensch habe ein einzigartiges Talent, nur entdeckten es leider nicht alle. «Die Musik habe ich in mir drin», resümiert er. «Sie kommt von dort, wo alles zwischen Himmel und Erde herkommt, das wir nicht sehen können.»


SOBV Musikfestival Olten Galakonzert
Banda Municipal de Barcelona unter der Leitung von Henrie Adams
Samstag, 29. Juni, 20 Uhr
Stadttheater Olten

www.sobv-musikfestival.ch

 

 

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