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30.10.2019

Die Ernte eingefahren

Saat in Paris, Ernte in Olten: Collie Herb tauft am Samstag, 9. November seine neue EP «Lingo EP» im Galicia. (Bild: Marc Hächler)

Saat in Paris, Ernte in Olten: Collie Herb tauft am Samstag, 9. November seine neue EP «Lingo EP» im Galicia. (Bild: Marc Hächler)

Der Oltner Reggaemusiker Collie Herb verbrachte 2018 ein halbes Jahr in Paris und tüftelte an neuer Musik. Was er dort säte, kann er nun erstmals ernten: Am Samstag, 9. November tauft er im Galicia in Olten die Platte «Lingo EP».

Franz Beidler

Collie Herb hat eine neue Frisur: Die Dreadlocks sind weg. Wer den Oltner Reggaemusiker nur von Plattencovern kennt, wird davon überrascht sein. Wer Collie Herb persönlich kennt, nicht. «Das war im Sommer 2018 in Paris», erzählt er vergnügt vom Schnitt, der die halbmeter langen Haarbündel nach zehn Jahren von seinem Kopf trennten. Ein spontaner Entscheid sei es gewesen. In Paris hat sich der 33-Jährige aber nicht nur eine neue Frisur verpasst. Dort säte er auch, was inzwischen zur neuen Platte «Lingo EP» ausgewachsen ist. Diese tauft er zusammen mit seiner Band «The Mighty Roots» am Samstag, 9. November im Galicia in Olten. «Wir installieren extra grössere Bassboxen für den Abend», erzählt er mit schon fast spitzbübischem Lächeln und fügt ernsthaft an: «Die Bass- frequenzen sind wichtig für unsere Musik.» Im Galicia sei das Publikum sehr nahe, darauf freue er sich. Neben Collie Herb und «The Mighty Roots» werden Überraschungsgäste auf der Bühne stehen, um die «Lingo EP» gebührend zu taufen. Erstmals ziert Collie Herb das Plattencover ohne Dread- locks.

«Vorbereitung auf das Album»

«Die EP ist eine gute Vorbereitung auf das Album, das im nächsten Frühling erscheint», erzählt Collie Herb. Er wolle damit die Algorithmen in Gang bringen. «Nicht nur jene von Google», erklärt er lachend, «auch jene von der Datenverarbeitungsmaschine Mensch.» An diesem Album, das im kommenden Frühling 2020 erscheinen soll, begann er eben im Sommer 2018 in Paris zu arbeiten. Collie Herb alias Patrick Bütschi hatte von der Kulturförderung des Kantons Solothurn ein Stipen- dium erhalten, um in Frankreichs Hauptstadt an seiner Musik zu arbeiten. Während eines halben Jahres komponierte er Musik, textete Reime und machte Vorproduktionen. «Ich hatte zum ersten Mal richtig viel Zeit, um herumzutüfteln und auszuprobieren.» Das hätte es ihm ermöglicht, Distanz zu gewinnen und pointierter zu werden. Auf «Lingo EP» ist das hörbar, wenn im Stück «Sie so» Erich Kästners berühmter Satz «Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es» heraussticht. «Das Zitat ist eine Erinnerung an meine Selbstverantwortung», sagt der Oltner. In Paris hätte er an einer lär- migen Hauptstrasse gewohnt. «Jeden Morgen sah ich gegen hundert Obdachslose auf dieser Stras- se», erzählt er. Das habe ihm vor Augen geführt, dass er sich nicht zu beklagen habe. «Schlussend- lich bin ich es, der entscheidet. Und ich entschied mich für den Schritt nach vorne.»

Mit Musik zu Selbsterkenntnis

In und mit seiner Musik nach Selbsterkenntnis zu suchen, sei ihm seit Anbeginn seines musika- lischen Schaffens zu eigen gewesen, bemerkt Collie Herb. «Als Jugendlicher explodiert der Kopf ja fast vor Fragen», erinnert er sich an seine Anfänge. «Heute gelingt es mir besser, auszudrücken, was ich denke, pointierter eben.» Er könne jene Themen angehen, die ihn jetzt beschäftigen. Auch merkt man «Lingo EP» an, dass er in Paris viel Dancehall und Afrobeats hörte: Die EP ist davon geprägt, klingt modern. «Reggae ist nicht nur Bob Marley», sagt Collie Herb schmunzelnd, «die Dancehall-Kultur gehört ebenso dazu.» An seinen Konzerten sei dieser Einfluss schon immer da gewesen, nur aufgenommen habe er das jetzt zum ersten Mal. Die Arbeit an den Aufnahmen begann im letzten Frühling. Er war zu Beginn des Jahres voller Ideen aus Paris zurückgekehrt und entspre- chend ungeduldig. «Das Album zu produzieren, ging mir nicht schnell genug», erinnert er sich. Also entschied er sich im vergangenen Juni, «Lingo EP» aufzunehmen. Material, das ihm gefiel, hatte er genug und in das Konzept des geplanten Albums passte das sowieso nicht alles. «In der Musik gibt es Saatjahre und Erntejahre», sagt Collie Herb. 2018 war ein Saatjahr, «vieles lag sogar brach», fügt er schmunzelnd an. Die Ernte reicht nun für ein Album im nächsten Frühling und eben «Lingo EP».

Die ganz eigene Sprache

An nur drei Abenden spielte Collie Herb «Lingo EP» ein. «Die Stimmung der Musik ist mir sehr wich- tig», sagt er. Also habe er die Songs in kurzer Zeit aufnehmen müssen, damit die Grundstimmung die gleiche bleibt. Auch dass die Platte «Lingo» im Titel trägt, ist kein Zufall: «Lingo ist ein engli- scher Slangausdruck und steht in etwa für Dialekt, die ganz eigene Sprache», erklärt er. Als versier- ter Texter und sprachaffiner Mensch ist er sich bewusst: «Jedes Wort ist konotiert.» Das Spannende sei für ihn, seinen Stil und seine Aussage zu verbinden. «Musik ist Sprache und «Lingo» ist meine Interpretation davon.» Und seine «Lingo» entwickle sich stetig weiter, genauso wie sein Traum. «Manchmal fragen mich Leute, warum ich mich mit 33 Jahren immer noch diesem Traum vom Musik machen hingebe», sagt Collie Herb mit ernstem Gesicht. «Aber es ist nicht der gleiche Traum, wie vor fünf oder zehn Jahren.» Gemachte Erfahrungen würden da mit einfliessen. «Collie Herb ent- wickelt sich», sagt er, «der Traum passt sich an.» Er habe Glück, dass er nicht von der Musik leben müsse und daher machen könne, was immer er wolle. ««Lingo EP» ist eigentlich ein Verlust- geschäft», sagt er und präzisiert sogleich: «Aber nur finanziell.»

Plattentaufe «Lingo EP»
Collie Herb und «The Mighty Roots»
Samstag, 9. November, ab 20.30 Uhr, Galicia, Unterführungsstr. 20, Olten

www.collieherb.ch

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