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06.11.2019

Weitgereister Wörterschmied

Marc Wyss erzählt am Buchfestival-Sonntag vom Reisen und seiner Liebe zur Sprache. (Bild: mim)

Marc Wyss erzählt am Buchfestival-Sonntag vom Reisen und seiner Liebe zur Sprache. (Bild: mim)

Buchfestival Olten: Mit 50 Veranstaltungen geht das dritte Buchfestival vom Donners- tag, 7. bis Sonntag, 10. November längst nicht nur über die Schützi-Bühne.

Mirjam Wetzstein

In diesem Jahr begibt sich das Buchfestival Olten während vier Tagen mit zahlreichen Autorinnen und Autoren, Kabarettisten und Erzählern sowohl auf literarische Reisen zwischen zwei Buch- deckeln, räumt aber auch denjenigen Platz ein, die ihren Koffer nicht nur gedanklich gepackt ha- ben. Einer dieser Weitgereisten ist Marc Wyss, der mit den Oltnern Stefan Frey und Elie Peter den Buchfestival-Sonntag um 14.30 Uhr in der Schützi bestreiten wird.

Inmitten von Menschen alleine sein

In den beinahe zwei Jahrzehnten in den unterschiedlichsten Ländern der Welt habe er eine gewis- se Selbstsicherheit und nach einiger Zeit auch eine Akzeptanz von sich selbst gefunden, antwortet Wyss nach einer Denkpause. Der Sohn eines Oltners und einer Genferin wuchs bilingual beim Bi- fang in der Dreitannenstadt auf. «Ich habe eine gute Kindheit in Olten verlebt», erzählt der hochge- wachsene 73-Jährige, der einst die Kanti Aarau besuchte und anschliessend ein Studium in Eng- lisch, Romanistik, Soziologie und Geschichte in Basel absolvierte. Noch heute schätzt der im solo- thurnischen Flüh wohnhafte Wyss die Stadt am Rhein. «Basel bietet mir die Möglichkeit, Stadtluft zu schnuppern und der Schweiz den Rücken zu kehren, ohne tatsächlich die Grenze überquert zu haben.» Er sei zwar gerne der Fremde und nicht allzufest eingebettet, ein Einsiedler sei er jedoch keinesfalls. «Ich pendle täglich nach Basel, um im Café inmitten von Menschen alleine meine Lek- türe zu lesen», erzählt der Rentner.

Die Suche nach dem Paradies

Seine Liebe zur Sprache, insbesondere zur englischen, sei bereits früh erwacht. «Zum Missfallen meines Vaters habe ich jeweils im Wohnzimmer mit Vorliebe Radio Luxemburg gehört und bereits mit 16 Jahren erste Gedichte in Englisch geschrieben», erinnert sich Wyss mit einem Schmunzeln. Nach seinem Studium reiste er 1972 mit seiner damaligen amerikanischen Freundin nach Kalifor- nien. «Als zurückhaltender, junger Mann hätte ich diesen Schritt ohne diese Beziehung vielleicht nie gewagt», sinniert Wyss. In der Hippiehochburg Berkeley erlebte der Schweizer eine grosse Toleranz, verschiedene Strömungen sowie Gegenkulturen. «Es war mehr als nur freie Liebe und Drogen», erzählt der einstige Weltenbummler, der ab und zu an einer Demo teilnahm, sich grund- sätzlich aber nicht als sehr politischen Menschen beschreibt. «Im Berkeley der 70er-Jahre hörte ich erstmals von Ökologie und der Verschmutzung der Welt», so Wyss, der sich 15 Jahre mit dem Buddhismus und der Meditation auseinandersetzte. «Ich habe viele Jahre eine Wand angestarrt», meint er lachend. Mit seinem ausgeprägten Antikapitalismus-Sinn hielt sich Wyss in einer ersten Phase durch Gelegenheitsjobs und später als Lehrer über Wasser und suchte ein durch Stimulan- zien scheinbar greifbar nahes Paradies. Das kalifornische Lehrerpatent verhalf ihm nach elf Jahren in Kalifornien zu einem Job an einer internationalen Schule in der griechischen Hauptstadt Athen. Immer wieder mit Unterbrüchen in Kalifornien verbrachte er ein Jahr im spanischen Sevilla und anschliessend zwei Jahre im nepalesischen Kathmandu. «Ich schätzte die Herzlichkeit der Nepali und das einfache Leben. Das Volk hatte nichts und war trotzdem zufriedener, als es die Menschen hierzulande je sein werden.» Nach weiteren zwei Jahren im griechischen Thessaloniki kehrte der Weltenbummler mit unzähligen Gedichten in die Schweiz zurück. «Ich hätte nie gedacht, dass dies passieren würde», so Wyss, der sich nicht als Schweizer aber auf jeden Fall als Europäer fühlt. «Ein ständiges Nomadenleben führen, wollte ich aber nicht.»

Die Liebe zu Wortspielen

«Obwohl ich vieles in der Schweiz verpasst habe, bereue ich es keineswegs, weggegangen zu sein, denn ich fühle mich sehr bereichert.» Dies auch wenn Wyss den vielen Reisen aus ökolo- gischen Gründen nicht mehr nur positiv gegenübersteht. «Es ist für mich ein Leichtes zu sagen, dass man nicht mehr fliegen sollte. Ich habe ja schliesslich die Welt gesehen», gibt sich Wyss selbstkritisch. Zurück in der Schweiz unterrichtete er an einer amerikanischen Schule im zürche- rischen Kirchberg, bis ihm 1991 der Rektor des Gymnasiums Muttenz trotz fehlendem hiesigen Lehrerpatent eine Stelle verschaffte. Wyss lernte dort seine heutige Ehefrau kennen, mit der er einen 25-jährigen Sohn hat. Die Liebe zur Sprache blieb dem Vielgereisten auch während seiner fast 20-jährigen Lehrtätigkeit in Englisch und Französisch am Gymnasium Muttenz erhalten. 2015 veröffentlichte er nach Jahren des stillen Schaffens unter dem aus seiner Zeit in Kalifornien her- rührenden Namen Marcos Sequoia den Gedichtband «Words Got in My Way» in Englisch mit Übersetzungen ins Oltner- sowie ins Hochdeutsch. 2017 folgte sein erster Roman «The Darling Bombs of April». Der Sprachliebhaber, der als Hobby seit 2004 als Laienschauspieler auf der Bühne steht, begeistert sich für die Werke von Shakespeare und empfindet die Sprache des iri- schen Schriftstellers John Banville als wunderbar. Angesprochen auf das Buchfestival meint Wyss, der linguistisch schöne Sätze bei der Buchlektüre unterstreicht: «Ich sehe mich nicht als Schrift- steller, doch es bereitet mir viel Freude, als Satzschmied treffende Worte zu suchen. Zudem bietet die Unzufriedenheit darüber, was in der Welt passiert, einen Nährboden, um Gedanken niederzu- schreiben.»

www.buchfestival.ch

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