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01.06.2021

«Ich wurde täglich zweimal verhört»

Heinz Wegner.
Mit dem ersten im Westen verdienten Lohn konnte sich der damals als Müller tätige Heinz Wegner 1955 im pfälzischen Zweibrücken neu einkleiden. (Bild: ZVG)

Heinz Wegner.

Heinz Wegner.
Mit dem ersten im Westen verdienten Lohn konnte sich der damals als Müller tätige Heinz Wegner 1955 im pfälzischen Zweibrücken neu einkleiden. (Bild: ZVG)

Mit dem ersten im Westen verdienten Lohn konnte sich der damals als Müller tätige Heinz Wegner 1955 im pfälzischen Zweibrücken neu einkleiden. (Bild: ZVG)

Unvergessen Der Lostorfer Heinz Wegner berichtet von seiner Flucht aus der DDR in den Westen im Jahr 1955 – und warum er sich dazu entschlossen hatte.

Von: Achim Günter

1932 in Pommern im Deutschen Reich geboren, wuchs Heinz Wegner in Boblin bei Stettin mit vier Schwestern auf. Sein Vater war Vorarbeiter in einem grossen Rittergut. 1941 wurde dieser von der Wehrmacht eingezogen. 1944 sah ihn die Familie letztmals. Danach gab es nie mehr ein Lebenszeichen von ihm. Nach dem Einmarsch der Sowjets 1945 flüchtete die Mutter mit den Kindern kurzzeitig westwärts, kehrte dann aber bald zurück. Fortan lebten die Wegners unter polnischer Herrschaft, nachdem die Oder-Neisse-Linie als neue Westgrenze Polens bestimmt worden war. «Das war noch schlimmer als zuvor unter russischer Besatzung. Es gab gar nichts», erinnert sich Wegner. Die Familie floh in die russisch besetzte sogenannte Ostzone, nach Mecklenburg, und kam in einer Zweizimmerwohnung bei Verwandten unter. Heinz Wegner absolvierte dort seine restlichen Schuljahre und arbeitete nach erfolgloser Lehrstellensuche zwei Jahre lang als Knecht auf einem Landwirtschaftsbetrieb, ehe er eine Lehrstelle in einer Mühle fand.

«Nach der Lehre blieb ich auf dem Beruf und arbeitete als Müller unter anderem in einem grossen Lebensmittelkombinat in Wurzen, Sachsen. Dort produzierten wir ausschliesslich für die Russen. In dieser Zeit habe ich den Aufstand am 17. Juni 1953 in Berlin miterlebt. Wir haben uns auch in Wurzen darüber gefreut und haben mitgefeiert – in der Hoffnung, dass die sowjetrussische Besatzungszeit enden würde und wir frei sein würden. Aber die russischen Panzer machten alles zunichte.

All diejenigen, die sich bei den Feiern beteiligt hatten, wurden verhaftet – auch ich. Aber weil unser Betrieb ja ausschliesslich für die Russen produzierte, mussten sie uns schnell wieder freilassen, damit der Betrieb wieder laufen konnte und die Russen ihre Lebensmittel erhielten. Wir produzierten pro Tag rund 400 Tonnen Getreide: Weizen, Roggen, Hafer, Gerste und – wenn ich mich recht erinnere – auch Mais.

Was mich ebenfalls geprägt hat: Im März 1953 starb Stalin. Da haben wir erkannt, was Propaganda bewirken kann. Es gab im Betrieb eingefleischte Kommunisten, die durch den Betrieb rannten und riefen: ‹Väterchen Stalin ist gestorben!› Das hat uns lächerlich gedünkt, denn für uns war Stalin noch immer ein Feind. Wenn man am Kriegsende den Einmarsch der Russen erlebt hat, wie die russischen Horden über die Frauen hergefallen sind – zum Beispiel auch über meine Schwestern und Mutter –, konnte man Stalin keine Träne nachweinen.

Es gab weitere Vorfälle, die in mir die Erkenntnis reifen liessen, dass ich in diesem System auf Dauer nicht würde leben können. Zum Beispiel fuhr ich einmal mit dem Zug heim zu meiner Mutter. Der Weg von Sachsen nach Mecklenburg führte via Berlin. Im Zug gab es eine Grenz- und Militärkontrolle. Ich las ein Buch. Der Kontrolleur fragte mich, was ich denn da für westliche Schundromane lese. Ich begehrte auf und sagte, das habe mit Ost und West nichts zu tun, sondern sei bereits vor dem Krieg geschrieben worden. Es handelte sich um einen Dreigroschenroman, einen seichten Liebesroman. Wir gerieten in Streit. Gegenüber sass ein Mann, der mir unablässig Zeichen gab. Der Grenzkontrolleur sagte schliesslich: ‹Das Buch ist konfisziert, das nehme ich mit!› Ich wurde wütend. Aber der Kontrolleur wies mich zurecht und meinte, er tue bloss seine Pflicht. Als er weggegangen war, sagte der mir gegenübersitzende junge Mann, er sei so froh, dass ich schliesslich klein beigegeben hätte. Er habe mal das gleiche erlebt, wurde dann aber mitgenommen und habe danach ein halbes Jahr in Bautzen im Gefängnis gesessen.

Solche Erlebnisse haben mich geformt, geprägt. Ich wusste: Da würde ich irgendwann im Knast landen. Ich habe das mit meiner Mutter und meinen Arbeitskollegen besprochen. Wir waren uns einig: Wir wollen weg, in den goldenen Westen! Wir konnten ja in den ersten Jahren Radiosender aus dem Westen empfangen, zuerst RIAS und auch Beromünster. Später aber wurden die Sender gestört, es wurden Pfeiftöne darübergelegt.

Eine meiner Schwestern hat zu diesem Zeitpunkt bereits als Krankenschwester im Westen gearbeitet. Ich wollte auch fliehen und dann später die Mutter nachholen. In der Zwischenzeit hatte ich eine Fachschule besucht und arbeitete nun als Laborant und Güterkontrolleur in Brandenburg, in der Nähe von Berlin. Eines Tages im Jahr 1955 vereinbarte ich mit einigen Kollegen: Wir hauen ab in den Westen!

Damals gab es in Berlin die Ringbahn, und die Mauer war ja noch nicht gebaut. Die Ringbahn fuhr mal durch den Ost-, dann wieder durch den Westteil. Leute aus dem Osten durften aber im Westen auf keinen Fall aussteigen. Meine Kollegen und ich setzten uns in verschiedene Waggons. Bei der Kontrolle versprachen wir, wir würden im Ostteil aussteigen. Wir stiegen aber im Westen aus, als der Zug ganz kurz anhielt. Wahrscheinlich hatten wir glaubwürdig gewirkt. Einer unserer Kollegen schaffte die Flucht jedoch nicht. Der sass, wie ich später erfahren habe, wegen ‹Republikflucht› monatelang im Gefängnis. Damals flüchteten täglich an die 1000 Personen, hauptsächlich junge Leute.

Ich ging zum erstbesten Polizeiposten und meldete mich als Flüchtling aus der DDR. Wir wurden dann im Auffanglager Berlin-Tempelhof untergebracht, in einem Flugzeughangar. Dort wurden wir von den Alliierten, von Engländern, Franzosen, Amerikanern und auch Deutschen, verhört und gefragt, warum wir geflohen waren. Während vier Wochen wurde ich täglich zweimal verhört, mal von den Franzosen, mal von den Engländern, mal von den Amerikanern. Die waren sehr gut informiert, wussten ganz genau, wer wo gearbeitet hatte. Nach vier Wochen wurde ich anerkannter DDR-Flüchtling und bekam Ausreisepapiere nach Westdeutschland. Ausreisen per Zug konnte man wegen der Insellage Berlins inmitten der DDR ja nicht, also wurden wir per Flugzeug gratis ausgeflogen. Im Auffanglager in Bremervörde konnte ich dann wählen, wo in Westdeutschland ich mich als anerkannter Flüchtling niederlassen wollte. Ich entschied mich für Süddeutschland.

In einem Auffanglager in Worms fand ich Unterschlupf. Jeden Tag ging ich aufs Arbeitsamt und suchte nach Arbeit. Plötzlich bekam ich ein Angebot als einfacher Beifahrer in einem Mühlenbetrieb. Die Stelle war allerdings im Saarland – und das gehörte damals noch zu Frankreich. Das war mir jedoch egal. Ich kriegte Ausreisepapiere, fuhr ins Saarland und nahm unter einem Baron meine erste Arbeitsstelle im Westen an. Als ich mich vorstellte, sagte er: ‹Als Beifahrer? Nein, Sie mit Ihren Arbeitspapieren können gleich bei mir im Betrieb anfangen.› Ich antwortete: ‹Noch so gerne.› In diesem Betrieb arbeitete ich dann ein Jahr lang als Müller und konnte mich da etablieren. An sechs Tagen pro Woche habe ich zwölf Stunden gearbeitet, eine Woche Tag-, eine Woche Nachtschicht. So konnte ich Geld verdienen und mich dann auch besser einkleiden. Geflüchtet war ich nur mit einer Aktentasche, Gepäck konnte ich ja nicht mitnehmen.

Im Saarland lernte ich den Unterschied kennen zwischen Diktatur – zuerst Hitler-Diktatur, dann kommunistische Diktatur – und Freiheit. Damals konnte das Saarland abstimmen, ob es zu Frankreich oder Deutschland gehören wollte. Das gesamte Abstimmungsprozedere, den Abstimmungskampf – all das kannte ich zuvor nicht. Der damalige Ministerpräsident Hoffmann befürwortete das europäische Statut des Saarlandes. Bei einem Abstimmungsauftritt in einem Saal mit vielleicht 50 Leuten sah ich, wie sie den auspfiffen und ausbuhten. Aber der konnte sich da dennoch ohne Bodyguards bewegen. Diese Szene hat mir gezeigt, dass ich den richtigen Weg beschritten hatte mit dem Weggang aus der kommunistischen Diktatur in die sogenannt freie Welt.»

1957 nahm Wegner eine Arbeit als Müller im Kanton Waadt an – ohne jegliche Französischkenntnisse. Eine Weiterbildung als Betriebstechniker ermöglichte ihm dann eine erfolgreiche Berufskarriere, die ihn Anfang der 1960er-Jahre zur damaligen Nago nach Olten führte. 1963 heiratete er, 1964 wurde seine einzige Tochter geboren. Die Familie Wegner lebte zuerst in Trimbach, ab Ende der 70er-Jahre dann in Lostorf. Seine Mutter traf er erstmals wieder, als diese das Rentenalter erreicht hatte und in den Westen ausreisen durfte, eine seiner Schwestern sah er erst wieder nach dem Mauerfall. Zuletzt arbeitete Wegner als Geschäftsleiter des Oltner Standorts von Lindt+Sprüngli. Seinen Geburtsort Boblin hat er nie wieder besucht. Heute ist Heinz Wegner 88, verwitwet und lebt in Lostorf – schon seit fast 40 Jahren als Schweizer.

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