Im Fokus
01.09.2021

«Ich war nichts als eine Arbeitskraft»

Heinz Born (ganz rechts), fotografiert mit zwei Geschwistern, im Alter von ungefähr sieben Jahren. Kurz danach wurde er als Verdingbub von seinen Eltern auf einen Hof im Schwarzenburgerland weggegeben. (Bild: ZVG)
Heinz Born heute.

Heinz Born (ganz rechts), fotografiert mit zwei Geschwistern, im Alter von ungefähr sieben Jahren. Kurz danach wurde er als Verdingbub von seinen Eltern auf einen Hof im Schwarzenburgerland weggegeben. (Bild: ZVG)

Heinz Born (ganz rechts), fotografiert mit zwei Geschwistern, im Alter von ungefähr sieben Jahren. Kurz danach wurde er als Verdingbub von seinen Eltern auf einen Hof im Schwarzenburgerland weggegeben. (Bild: ZVG)
Heinz Born heute.

Heinz Born heute.

Unvergessen Heinz Born war eines von 14 Kindern einer mausarmen Oberaargauer Familie. Mit acht Jahren wurde er zu einem Verdingbub. Die Erinnerungen an dieses traurige Kapitel seines Lebens sind dem Lostorfer noch sehr präsent.

Von: Achim Günter

Im September 1940, ziemlich genau ein Jahr nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, wurde Heinz Born im oberaargauischen Bützberg in eine Grossfamilie hineingeboren. Er wuchs als eines der jüngeren von insgesamt 14 Geschwistern auf, zusammen mit zehn Brüdern und drei Schwestern. Der Vater arbeitete hauptberuflich nachts als Barrierewärter bei den SBB. Heinz Borns Eltern besassen einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb mit einigen Kühen und Hühnern und waren quasi Selbstversorger – notgedrungen. Als Achtjähriger wurde Born von seinen Eltern weggegeben. Er kehrte erst nach der Schulzeit mit 16 Jahren nach Hause zurück.

 

«Wir waren drei Buben, die verdingt wurden. Wieso und warum, und wie das damals alles organisiert wurde – das weiss ich nicht. Nach dem Ende der ersten Primarschulklasse brachten mich meine Eltern eines Tages nach Rüeggisberg ins Schwarzenburgerland. Ich kam zu einem Bauernpaar, das weit abseits des Dorfes einen Hof betrieb. Ein vier Jahre älterer Bruder von mir war bereits dort als Verdingbub. Als ich ankam, hütete er Rinder. Ich rannte schnurstracks zu ihm und begrüsste ihn. ‹Was willst du hier, Schafseckel?›, entgegnete er mir. Das war die Begrüssung meines Bruders. Da fragt man sich schon: Ist das wirklich mein Bruder?

Die folgenden Jahre blieb ich dort, besuchte die Schule und musste jahrein, jahraus auf dem Hof mithelfen. Vieles war noch immer Handarbeit. Der Weg in die Schule dauerte eine Stunde. Im Sommer ging ich barfuss, im Winter konnte ich mir Ski anschnallen – Holzlatten vom benachbarten Schreiner, die ersten Jahre ohne richtige Bindung. Damals hatte es noch oft viel Schnee.

Mit diesem Bruder hatte ich damals nie ein gutes Verhältnis. Es kam sogar vor, dass wir uns gegenseitig mit Steinen bewarfen. Ich erinnere mich daran, dass mich mal ein Stein am Hinterkopf traf und ich danach blutüberströmt war. Da war natürlich kein Mami, das mich umsorgt hätte. Ich musste selbst damit klarkommen – Wunde hin oder her. Die Pflegeeltern waren ein Bauer und eine Bäuerin, die eine Magd hatten. Eigene Kinder hatten sie nicht. Die Behandlung war streng, ich war einfach eine Arbeitskraft. Es gab nur Schule und Arbeit. Morgens um fünf musste ich aufstehen und in den Stall helfen gehen. Danach zog ich mich kurz um, ass vielleicht ein Stück Brot oder ein wenig Rösti und rannte danach in die Schule. Zeit zum Waschen blieb nie. Aber ich war nicht der einzige Bub in der Schule, der nach Stall roch… Auf dem Schulweg traf ich keine Mitschüler, da ich nie gemeinsam mit ihnen zur Schule gehen durfte. Der Bauer achtete immer darauf, dass die Kinder von den anderen Höfen Vorsprung hatten. Es ging darum, den Kontakt zu anderen Schülern möglichst zu vermeiden, damit ich möglichst nicht erzählen konnte, was zuhause vor sich ging.

In den ersten Jahren war ich Bettnässer. Mein Bettzeug aber wurde nur ein einziges Mal im Jahr gewechselt. Einmal pro Jahr kam ein Mann der Aufsichtsbehörde vorbei, um nach Pflegekindern wie mir zu schauen. Der Pflegevater verbot mir im Vorfeld, mich richtig zu äussern. Ausserdem konnten wir ohnehin kaum kommunizieren. So wie heute Kinder der 3. oder 4. Klasse reden, haben wir vielleicht in der 8. oder 9. Klasse gesprochen. Es gab für uns ja fast nichts anderes als arbeiten. So gingen Tage, Wochen und Jahre vorbei.

Zuneigung oder Dankbarkeit seitens der Pflegeeltern – so was gab es überhaupt nicht. Ich musste Befehle entgegennehmen und bekam regelmässig Ohrfeigen. Die Arbeit, die ich verrichten musste, war meist pickelhart. Und ich hatte ständig Druck vom Bauern. Die Bauersleute spielten zudem meinen Bruder und mich gegeneinander aus. Die Pflegemutter war herzkrank und hatte nichts zu sagen. Der Pflegevater war ein ganz rabiater Kerl. Ich vermute, dass die Magd seine Sonntagsfrau war. Oftmals unternahm er mit ihr am Sonntag mit dem Töff einen Ausflug.

Wenn es mal Bohnen und Hamme zu essen gab, bekamen wir Verdingkinder immer die Schwarte mit viel Fett dran. Rotes Fleisch erhielten wir nie. Eine Verwandte des Pflegevaters führte in Bern ein Lebensmittelgeschäft und schickte gelegentlich Bananen zu uns auf den Hof. Der Bauer fragte mich dann jeweils: ‹Willst du auch von den Bananen?› Ich bekam aber immer nur die Bananenschale. Die assen wir Verdingkinder. Ich litt oft Hunger. Auf dem Schulweg sammelte ich in Obstgärten am Boden liegende Früchte ein, zum Beispiel Butterbirnen. Ich erinnere mich, dass ich mal einige aufgelesen und dann im Wald für später versteckt habe. Wir hatten ein Paar Kleider für den Stall, ein anderes Paar für die Schule, dazu ein paar Holzschuhe. Andere Kleider hatten wir nicht. Wir waren arm bis zum Geht-nicht-mehr.

In der Schule gab es einen jüngeren Lehrer, der einigermassen Verständnis für meine Situation zeigte. Da war aber auch ein älterer, der mit seinen Fäusten auf meinen Kopf schlug, wenn ich zu spät zur Schule kam. Habe ich auf dem Bauernhof davon erzählt, bekam ich eine Ohrfeige, verbunden mit der Aufforderung, das nächste Mal schneller zu laufen. Ich besuchte diese Schule in Rüeggisberg während acht Jahren. In dieser Zeit konnte ich immer nur an Weihnachten für zwei Tage nach Hause. In der Oberstufe empfand ich meine Eltern eigentlich nicht mehr als meine Eltern – ich fühlte mich fremd zuhause. Eine wirkliche Beziehung zu meinen Eltern hatte ich ja nicht mehr. Von meinem Vater, der starb, als ich im zweiten Lehrjahr war, weiss ich nicht viel mehr als seinen Namen.

1956 organisierte meine Gotte für mich eine Lehrstelle als Dreher bei der Firma Nencki in Langenthal. Am Samstag kehrte ich nach Hause zurück, am Montag um 7 Uhr begann die Lehre. Auf den Bauernbetrieb in Rüeggisberg kehrte ich in den folgenden Jahrzehnten nie mehr zurück.»

 

Im zweiten Monat in der Lehre wurde Heinz Born längere Zeit schwer krank. Die Diagnose: schwere Unterernährung. Eine Folge des jahrelangen Darbens im Schwarzenburgerland. Born musste in der Lehrzeit enorm viel Schulstoff nachholen. Über seine Bildung in der obligatorischen Schule sagt er heute: «Am Ende der neun Jahre konnte man ein Vogelhäuschen bauen und eine schöne Kuh zeichnen.» Ausser handwerklichen Fähigkeiten habe er kaum etwas beherrscht. Richtig lesen und schreiben oder rechnen habe er erst in der Lehre gelernt. Er hatte einen guten Lehrmeister; erstmals in seinem Leben habe sich damals jemand um ihn gekümmert. Auch dank dessen Unterstützung habe er die vierjährige Lehre mit der Note 5.6 abgeschlossen. Nach der Rekrutenschule in Payerne wollte Born Französisch lernen und trat deshalb eine Stelle als Konstruktionsschlosser im neuenburgischen Peseux an. In den folgenden Jahrzehnten arbeitete er bei verschiedenen Arbeitgebern in der Region Olten, machte daneben unter anderem eine KV-Weiterbildung und eine Ausbildung als Baumwärter. Mit 21 Jahren lernte er beim Tanzen seine spätere Frau Ruth kennen. Mit ihr hat er zwei Töchter (drei Enkelinnen). Seit 1978 wohnt das Paar in einem Eigenheim in Lostorf. In Kürze wird Heinz Born 81 – bei bester Gesundheit. Im Spital, erzählt er stolz, sei er noch nie gewesen. Er ist noch immer sehr aktiv, seine Tage sind ausgefüllt. Er macht bei diversen Liegenschaften Gartenunterhalt, leitet Kurse bei Obst- und Gartenbauvereinen und ist Imker mit rund 30 Bienenvölkern. Über seine Erlebnisse als Verdingbub hat er lange Zeit ausser mit seiner Frau nicht gesprochen. «Ich habe mich geniert, etwas zu erzählen.»

Günstige Komplettlösungen von update AG