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15.09.2021

«Es heimelet»

Erich Leimgruber beim Schützenhaus Dulliken, wo er fast wöchentlich Alphorn spielt. (Bild: Franz Beidler)

Erich Leimgruber beim Schützenhaus Dulliken, wo er fast wöchentlich Alphorn spielt. (Bild: Franz Beidler)

Was macht eigentlich? Erich Leimgruber stand vier Dekaden im Dienst der Stadt Olten. Auf die Zeit im Ruhestand, den er vor vier Jahren antrat, hat er sich gut vorbereitet.

Von: Franz Beidler

Erich Leimgruber steht breitbeinig hinter dem Schützenhaus oberhalb Dulliken, vor sich die Westflanke des Engelbergs. Mit beiden Händen hält er sein Alphorn, holt Luft und setzt an. Ein weicher Klang tönt durch die wenigen Nebelschwaden, die an diesem Vormittag im Tal hängen, und prallt an der bewaldeten Flanke des Engelbergs ab. Leimgruber hält inne, während die erste Phrase der Melodie das Tal hinunterrollt. «Die Pausen wären im Lied eigentlich nicht vorgesehen», erklärt er später. «Aber so hört man den Hall.» Der sei heute besonders schön. «Das hat mit der feuchten Luft zu tun.»

So wie an diesem Vormittag stellt sich Leimgruber etwa zwei bis drei Mal die Woche hin und spielt Alphorn. Nicht nur hinter dem Dulliker Schützenhaus spielt er, manchmal auch beim Schloss Wartenfels ob Lostorf oder auf dem Spittelberg bei Hägendorf, wo die Töne an den Felswänden der Teufelsschlucht widerhallen. Und manchmal auch beim General Wille-Haus unterhalb der Belchenflue oder auf der Sälihöhe vor dem Allerheiligen. Etwa dreissig Stücke habe er im Repertoire, die er alle auswendig spiele. «Manche klingen sehr ähnlich, da musst du aufpassen, dass du den richtigen Schlenker erwischst», fügt Leimgruber an und lacht. Üben tue er draussen aber nie, er wolle die Leute nicht nerven. «Du gehst mit fertigen Stücken raus», sagt er bestimmt.

Leimgruber, 68 Jahre alt, kümmerte sich während vier Dekaden um Oltens öffentlichen Raum: Er stand dem Oltner Werkhof als stellvertretender Leiter vor. Vor vier Jahren ging er in den Ruhestand. Er habe sich auf das Pensioniertenleben vorbereitet. «Ich habe mir schon frühzeitig Gedanken gemacht, was ich machen will.» Viel spazieren sei der erste Vorsatz gewesen. «Ich bin ein Naturmensch.»

Vom Lukmanier zum Ritomsee

So macht sich Leimgruber fast jede Woche auf und geht wandern. «Z’Berg», wie er es nennt. Seine Lieblingsroute sei wohl jene vom Lukmanier über den Passo Dell’Uomo zum Ritomsee, antwortet Leimgruber, nachdem er einen Moment lang studiert hatte. «Wart, ich zeig’s dir grad», sagt er dann und zieht sein Smartphone aus der Hosentasche. Auf dem Bildschirm öffnet sich eine detaillierte Karte mit Wanderwegen. Die Wanderkarte-App benütze er auf der Wanderung aber nie. «Ich studiere die Karte vorher», erklärt er, während er auf dem Smartphone seine Bildergalerie aufruft. Dann scrollt Leimgruber durch Fotos von saftigen Wiesen in Sonnenstrahlen, spitzen Gipfeln vor blauem Himmel und Nahaufnahmen von Blumen: «Die Blumen bestimme ich dann jeweils mit einer Blumenapp.»

Ein anderer Vorsatz: mehr Pétanque. Dem Spiel mit den geworfenen Kugeln gehört jeweils Leimgrubers ganzer Mittwoch. Am Vormittag spielt er im Oltner Vögeligarten, am Nachmittag im Oltner Stadtgarten. Beide Pétanquebahnen wurden vom Werkhof gebaut, Leimgruber baute an beiden mit. «Das muss irgendwann anfangs der 80er-Jahre gewesen sein», sagt er. Da baute er die erste von zwei Bahnen im Stadtgarten. «Ich hatte keine Ahnung davon, wie das geht», erzählt er und lacht herzhaft. Bis heute erinnert eine Plakette an diese erste Bahn.

Im Oltner Stadtgarten steht auch Leimgrubers Linde. Die Stadt pflanzte sie zu seiner Pensionierung und vergrub darunter eine Flasche mit einer Urkunde drin. «Es ist schön, in Olten verankert zu sein», sagt Leimgruber. Gehe er durch die Stadt, sehe er überall Dinge, die er mitgeprägt habe. «Das macht einen schon stolz.»

«Ätti, komm, wir wollen singen»

Immer montags hütet Leimgruber die beiden jüngsten seiner insgesamt sechs Enkelkinder. «Ätti, komm, wir wollen singen», sagten sie ihm dann, erzählt Leimgruber lächelnd. Also sucht er im Internet nach Kinderliedern, «auf YouTube.» Zu den Aufnahmen singen sie dann zu dritt. Ab und an stimmt Leimgruber auch ein traditionelles Volkslied an, manchmal einen kurzen Jodel. «Sie müssen vor allem Spass haben am Singen», sagt Leimgruber. «Aber ich möchte auch die Folklore weitergeben.» Leimgruber ist Mitglied des Jodlerklubs Heitere Zofingen, mit dem er einmal im Monat singt. «Wir sind leider nur noch ein Häufchen Leute.»

Die Folklore habe ihm halt schon vieles ermöglicht, erklärt Leimgruber dann. «Wegen dem Jodeln kam ich schon nach Belgien oder Deutschland», erzählt er. Und sein Alphorn führte ihn sogar bis nach Shanghai. «Ich wollte ja nicht, aber das Alphorn schleifte mich mit», witzelt er und lacht. 2012 reiste er mit vier anderen Alphornisten an ein Folklorefestival in der chinesischen Millionenmetropole. Später trat er der Alphorngruppe Guldisberg Herzogenbuchsee bei.

Alphorn, Pétanquekugeln, FCZ-Mütze

Leimgrubers Auto ist nach seinen Vorsätzen ausgestattet. «Das Alphorn habe ich immer dabei», sagt er, als er die Tasche mit dem Instrument vorsichtig im Kofferraum verstaut. Er habe schon manches spontanes Ständchen gegeben. Daneben liegt ein Koffer, darin seine Pétanquekugeln. Und die Ablage ziert eine Mütze des FC Zürich. Leimgruber ist Fussballfan.

An den Wochenenden reist Leimgruber oft nach Zürich ins Stadion Letzigrund. Fan des FC Zürich sei er schon seit den 60er-Jahren. Damals spielte ein gewisser Werner Leimgruber in den Reihen der Zürcher, «vermutlich sind wir verwandt.» Jedenfalls teile er sich mit dem Fussballer den Heimatort Herznach. «Ich frage jeden Leimgruber, den ich treffe, nach seinen Daten.» Leider habe er bisher nicht herausfinden können, wo genau sich die Familienlinien denn trennten.

Als der letzte, lange Ton am Engelberg verklungen ist, setzt sich Leimgruber auf die Bank hinter dem Schützenhaus Dulliken, das Alphorn neben sich angelehnt. Kuhglocken schellen das Tal hoch. «Es heimelet», sagt Leimgruber. Er ist in Dulliken aufgewachsen, wohnt schon lange in Lostorf. «Eigentlich war ich mein ganzes Leben hier», sagt er. Nach einer Pause hebt er den Arm und zeigt ins Tal: «Dort drüben musste ich mal Kirschen pflücken. Ich ass so viele, dass mir am Abend schlecht wurde.» Kirschen pflücken habe er daraufhin nie mehr müssen, schiebt Leimgruber nach und lacht.

 

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