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24.11.2021

Angekommen im Leben nach der Karriere

«Ich habe genug Badminton gespielt in meinem Leben.» Christian Bösiger ist noch immer sehr sportlich, übt «seinen» Sport aber nicht mehr aus. (Bild: Achim Günter)

«Ich habe genug Badminton gespielt in meinem Leben.» Christian Bösiger ist noch immer sehr sportlich, übt «seinen» Sport aber nicht mehr aus. (Bild: Achim Günter)

Was macht eigentlich? Er war mehr als ein Jahrzehnt der beste Schweizer Badmintonspieler, vertrat die Schweiz auch an Olympischen Spielen. Heute hat der Hägendörfer Christian Bösiger einen Bürojob – und ist mit seinem Leben sehr zufrieden.

Von: Achim Günter

Wir treffen uns an der trendigen Europaallee, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Zürcher Hauptbahnhof. Der Gesprächspartner ist aus seinem Wohnort Opfikon angereist. Er kann es sich erlauben, seine Arbeit über den Mittag für eine Weile zu unterbrechen. Christian Bösiger arbeitet als Wirtschaftsinformatiker – und war lange Jahre der beste Schweizer Badmintonspieler. Vielleicht wäre er das noch immer, wäre er nicht längst zurückgetreten.

Der gebürtige Oltner, der in Hägendorf aufgewachsen und dort auch bis vor fünf Jahren gelebt hat, ist inzwischen 37 Jahre alt. Topleistungen im Badminton wären in diesem Alter noch sehr gut möglich. Bösiger aber verliess die internationale Bühne bereits 2012 mit 28, 2019 dann auch die nationale. Heute greift er überhaupt nicht mehr zum Badmintonracket. «Ich habe genug Badminton gespielt in meinem Leben», sagt er erstaunlich nüchtern. «Ich bin glücklich, wie es ist. Und ich vermisse es auch nicht, am Wochenende in der Halle zu stehen. Hingegen freue ich mich, andere Sportarten machen zu können.» Er fährt oft Velo, joggt regelmässig und verbringt im Winter viel Zeit auf den Langlaufskis. Und hin und wieder trifft er sich mit Kollegen zum Tennis- oder Squashspielen.

Für SRF regelmässig am Mikrofon

Verbunden mit dem Badmintonsport ist er aber durchaus noch. Einerseits durch den Kollegenkreis, andererseits werde er immer mal wieder angefragt, um Trainings zu leiten. Und da ist noch was: Bösiger ist seit beinahe zehn Jahren der Badminton-Experte des Schweizer Fernsehens SRF. Bei Grossanlässen sitzt er also neben dem Kommentator am Mikrofon und bringt das Insiderwissen ein. Zuletzt war das im Sommer der Fall bei den Auftritten der Schweizer Frauen-Nummer 1 Sabrina Jaquet bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Auch Bösiger war Olympionike. 2008 vertrat der Hägendörfer die Schweiz in Peking. Seine Sportart, die meist nur ein Schattendasein fristet, stand da ausnahmsweise mal im Mittelpunkt. Im Reich der Mitte hat Badminton einen ungleich höheren Stellenwert als beispielsweise hierzulande. Sportlich war er sehr zufrieden, wenngleich bei erstbester Gelegenheit Endstation war. Er habe bei seinem Olympiaauftritt gegen seinen polnischen Widersacher eines seiner besten Matches überhaupt gespielt und ein Duell auf Augenhöhe über drei Sätze geliefert.

Olympia ist ihm auch sonst in bester Erinnerung. Der damals 24-Jährige war zehn Tage vor der Eröffnungsfeier angereist, bestritt dann am zweiten Wettkampftag sein einziges Match und blieb danach als Zuschauer bis zum Ende der Spiele im Olympischen Dorf. Er genoss es sehr, sich während eines Monats mit anderen Athleten oder Zuschauern auszutauschen und Wettkämpfe vieler anderer Sportarten hautnah mitzuverfolgen.

Eine zweite Olympiateilnahme blieb dem x-fachen Schweizermeister in der Folge verwehrt. Die Qualifikation für Olympia 2012 in London verpasste er. Daraufhin verabschiedete er sich vom internationalen Wettkampfgeschehen, mit erst 28 Jahren. «Etwas zu früh», meint er. Zu früh? «Ein guter Europäer erreicht seinen Leistungszenit normalerweise mit 30 oder ein wenig älter. Insofern habe ich zu früh aufgehört und vielleicht mein bestes Badminton gar nie gespielt.» Aber nochmals einen ganzen vierjährigen Olympiazyklus auf sich nehmen – das wollte er nicht mehr. Zumal er sich bewusst gewesen sei, dass es ohne Steigerung nicht realistisch gewesen wäre, sich nochmals qualifizieren zu können. Überdies hatte er seinerzeit mit Verletzungen zu kämpfen. Er musste sich zweimal an der Achillessehne operieren lassen.

«Würde nicht mehr alles gleich machen»

Badminton war für Bösiger fortan Hobby. Immerhin ein Hobby auf Topniveau: National spielte er die folgenden sieben Jahre Interclub auf NLA-Niveau, zuerst mit dem angestammten Team Solothurn, nach dessen Rückzug aus der höchsten Spielklasse mit dem BC Uzwil. Weitere Schweizermeistertitel sollten folgen, sowohl im Einzel als auch im Doppel. Am Ende der Karriere totalisierte Bösiger auf seinem Konto acht SM-Titel im Doppel, deren fünf im Einzel.

Bösiger war nie Vollprofi. Die langjährige Schweizer Nummer 1 hat daneben immer entweder studiert oder gearbeitet. Aber von 2004 bis 2012 betrieb er den Trainingsaufwand eines Profi-Badmintonspielers, trainierte zweimal täglich und ordnete seinen Alltag dem Sport unter. Heute bilanziert er: «Ich habe vieles richtig gemacht, würde aber wohl nicht mehr alles gleich machen.» Im Rückblick bedauert er ein wenig, zu Beginn der Karriere nicht mal den Schritt ins Ausland gewagt, nicht mal für ein Jahr wirklich nur auf die Karte Sport gesetzt zu haben, mal wirklich keine Kompromisse eingegangen zu sein. «Aber mir war es halt immer wichtig, in der Schweiz zu leben.»

In der Region Olten anzutreffen ist das Ehrenmitglied seines Stammvereins BC Olten heute vor allem, wenn er seine Eltern in Hägendorf besucht. 2016 zog Bösiger nach Zürich. Im kommenden Frühjahr wird gar ein Umzug in die Region Wil folgen; Bösigers Frau, die er vor einem guten Jahr geheiratet hat, stammt aus der Ostschweiz.

Der Übergang in die Berufswelt ist ihm bestens gelungen. Auch eine mentale Leere habe sich nach dem Karriereende nicht eingestellt. «Ich hatte ja nie alles dem Sport untergeordnet.» Und an Herausforderungen fehle es ihm heute im Berufsalltag keineswegs. «Ich habe heute viel mehr Challenges als früher als Sportler.»

Und wie ist das nun mit dem Badmintonracket, wird er es wirklich nie mehr in die Hand nehmen? «Ich möchte in irgendeiner Art und Weise dem Sport etwas zurückgeben.» In ein paar Jahren kann er sich deshalb ein Engagement in der Juniorenförderung vorstellen. Und auch die Wettkampfbühne wird Christian Bösiger dereinst wohl wieder betreten, an einem gut besetzten internationalen Senioren-Wettkampf. «Das würde mich durchaus reizen.»

 

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