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08.12.2021

«Ich wusste sogleich: Ich bin gelähmt»

Madeleine Wildi heute auf dem Balkon ihrer Wohnung in Nottwil. (Bild: AGU)
Madeleine Wildi (links) im Jahr 2000 mit ihrer Schwester Rosemarie. (Bild: ZVG)

Madeleine Wildi heute auf dem Balkon ihrer Wohnung in Nottwil. (Bild: AGU)

Madeleine Wildi heute auf dem Balkon ihrer Wohnung in Nottwil. (Bild: AGU)
Madeleine Wildi (links) im Jahr 2000 mit ihrer Schwester Rosemarie. (Bild: ZVG)

Madeleine Wildi (links) im Jahr 2000 mit ihrer Schwester Rosemarie. (Bild: ZVG)

Unvergessen Madeleine Wildi aus Olten betrieb jahrelang Pferdesport, unternahm lange Spaziergänge mit ihrem Hund und erwarb den Privatpiloten-Flugschein. Seit Mai 2004 ist sie inkomplette Paraplegikerin. Heute lebt sie mit ihrem Partner in Nottwil.

Von: Achim Günter

Madeleine Wildi wurde 1946 in Olten geboren, wo sie auch die ersten vier Jahre aufwuchs. Anschliessend lebte sie mit ihren Eltern und drei Geschwistern in Winznau. Der Vater führte in Olten ein Ladengeschäft. Die Mutter stand ihm jeweils nachmittags zur Seite. Die vier Kinder mussten früh verschiedene Arbeiten in Haus und Garten übernehmen. Auf Geheiss ihres Vaters musste Wildi später ihre Ausbildung im elterlichen Geschäft absolvieren; sie machte eine zweijährige Lehre als Verkäuferin. Anschliessend bildete sie sich beim Kaufmännischen Verband weiter und arbeitete fortan als Kaufmännische Angestellte und Personalfachfrau. Bereits im Herbst 1964, mit erst 18 Jahren, heiratete sie ihre Jugendliebe. Im folgenden Frühling wurde eine Tochter geboren. Die Ehe wurde jedoch bald darauf geschieden.

Wildis zweiter Ehemann verstarb Anfang der 90er-Jahre. Kurz vor seinem Tod hatte sie die Wirteprüfung bestanden; ab 1991 führte sie das Café Rodeo im Oltner Bifang. 2002 zog sie mit ihrem damaligen Partner in ein Eigenheim nach Trimbach um, nachdem sie zuvor jahrzehntelang in Olten gewohnt hatte. Ende der 90er-Jahre bekam sie gesundheitliche Probleme. Im Mai 2004 schliesslich erlitt sie einen einschneidenden medizinischen Vorfall. Seither ist sie querschnittgelähmt (TH10).

 

«Anzeichen gab es schon sechs, sieben Jahre vorher. Ich klagte immer wieder über Vorfälle, hatte kein Gefühl, etwa im Rücken oder in den Beinen. Wenn ich mit dem Hund im Wald spazieren ging, fühlte ich zum Beispiel manchmal den Boden nicht. Das ging bis zur zeitweiligen Blasenlähmung. Es waren schwere Gefühlsstörungen. Das habe ich meinem Hausarzt auch so gesagt. Der hatte mich zuvor schon während vieler Jahre behandelt, kannte mich also in- und auswendig. Doch mein Hausarzt nahm meine körperlichen Ausfälle nie ernst, meinte, sie seien psychisch bedingt.

Am 1. Mai 2004 brachte ich meinen ganzen Garten auf Vordermann. Ich erinnere mich daran, dass mir meine Nachbarin zurief, wieso ich am Feiertag im Garten arbeite. Ich antwortete ihr, das sei mir egal, ich müsse dann arbeiten, wenn ich Zeit hätte. Es war, als ob ich es gespürt hätte: 36 Stunden später war ich querschnittgelähmt. Es passierte während der Nacht. Ich erwachte und spürte, dass mich eine Art Krampf von den Füssen bis hoch zur Brust erfasste. Ich bekam panische Angst, ich würde ersticken. So wollte ich das Bett verlassen, brach zusammen und wusste sogleich: Ich bin gelähmt. Mein Partner alarmierte die Ambulanz. Das Notfallteam konnte mich aber erst nicht mitnehmen. Das Schlafzimmer war im obersten Stockwerk. Die Feuerwehr wurde extra aufgeboten und ich wurde via Hebebühne aus dem Haus gebracht.

Ich hatte unheimliche Schmerzen, wäre beinahe durchgedreht vor lauter Schmerzen. Sie gaben mir Infusionen, um mich überhaupt transportieren zu können. Ich wurde mit einer Halskrause versehen und ermahnt, mich möglichst nicht zu bewegen. In Olten im Spital sagte ich: ‹Ich bin querschnittgelähmt.› Mir wurde entgegnet: ‹Woher wollen Sie das wissen?› Aber das merkt man, das merkt man sofort. Das Kantonsspital Olten verfügte damals nicht über eine Neurologie-Station, so dass ich nach Aarau verlegt wurde. Dort wurde während drei, vier Tagen immer wieder untersucht, es wurden mehrere MRI gemacht. Ich konnte den Schmerz genau lokalisieren. Aber erst nach etwa fünf Tagen erkannten die Ärzte im MRI, dass im Rückenmark etwas passiert sein musste. Die Diagnose lautete: Spinalis-anterior-Syndrom. Das bedeutet, dass die Durchblutung des Rückenmarks unterbrochen war – wie bei einem Herzinfarkt, wenn sich die Arterie verschliesst. Bei mir hatte sich im Rückenmark eine haarfeine Arterie verschlossen. Das erleidet eine Person auf eine Million Leute. Es gibt zwei Arten: entweder sofort oder schleichend. Bei mir war es eindeutig schleichend. Es hatte sich ja über Jahre angebahnt. Hätte man eine Angioskopie gemacht, wäre das festgestellt worden und hätte behandelt werden können.

In diesen Jahren hatte ich immer wieder versucht, einen Termin bei einem Neurologen zu erhalten. Hätte mein Hausarzt reagiert, hätte man das operieren können und ich sässe nun nicht im Rollstuhl. Das wurde mir so in Aarau und später im SPZ in Nottwil bestätigt. Aber ist die Durchblutung mal unterbrochen, lässt sich nichts mehr dagegen unternehmen. Im Kantonsspital Aarau wurde mir dann beschieden, ich müsse nun monatelang in die Rehabilitation, ich könne wählen zwischen Basel und Nottwil. Ich sagte: ‹Nottwil, das ist doch da, wo die Leute im Rollstuhl sind?› ‹Ja, das sind Sie nun auch.› Offenbar meinten die Ärzte, ich hätte die ganze Tragweite schon begriffen. Aber das war nicht so. Im Innersten hatte ich schon gehofft, dass eines Tages eine Besserung möglich sein würde und ich wieder würde gehen können.

Siebeneinhalb Monate war ich in der Folge in Nottwil. Die dortigen Ärzte rieten mir, den Hausarzt zu verklagen. Aber gemacht habe ich das nicht. Gehen hätte ich ja ohnehin nicht mehr können. Aber ich mache mir heute zum Vorwurf, den Arzt im Vorfeld des Ereignisses nicht gewechselt zu haben. Schliesslich hatte ich wiederholt den Wunsch geäussert, zu einem Neurologen überwiesen zu werden. ‹Sie brauchen keinen Neurologen, Sie brauchen einen Psychologen›, war seine Antwort.

Während der Zeit in Nottwil merkte ich, dass zuhause etwas abläuft. Mein Partner, mit dem ich über Jahre zusammen gewesen war, besuchte mich manchmal das ganze Wochenende über nicht. Und am Schluss der Reha hatte er keine Zeit, um mich abzuholen. Die Tochter holte mich ab – kurz vor Weihnachten. Während dieser Zeit hatte sich mein Partner also quasi von mir verabschiedet und sich bereits neu orientiert. Das war der zweite Hammer. Nach dem Neujahr schmiss ich ihn aus dem Haus. Fortan lebte ich allein im behindertengerecht umgebauten Haus in Trimbach.»

 

Schon während der Reha im SPZ in Nottwil wurde Wildi angefragt, ob sie der Rollstuhlcurling-Nationalmannschaft angehören wolle. Bereits im Februar 2005 nahm sie in Bern das Training auf. 2006 erlebte sie die Paralympics in Turin mit, 2007 erkämpfte sie mit dem Schweizer Team an der WM in Schweden die Silbermedaille. Mehrere Schweizermeistertitel kamen dazu. Vor den Paralympics 2010 in Vancouver trat sie, wie auch alle übrigen Nationalmannschaftsmitglieder, wegen Unstimmigkeiten mit der Trainerin zurück.

Ihr Café hatte Wildi bereits während der Reha-Zeit verkauft. Im Herbst 2005 trat sie erneut eine Arbeitsstelle im HR-Bereich an. Diese musste sie 2007 aufgeben, als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde. 2008 zog sie mit ihrem neuen Partner um nach Nottwil. Diesen hatte sie beim Rollstuhl-Curling kennen gelernt. Inzwischen 75 Jahre alt und längst an den Rollstuhl gewöhnt, sagt Madeleine Wildi: «Das Erschreckende ist, dass ich mir heute gar nicht mehr vorstellen kann, jemals gelaufen zu sein.» Sie führe ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben.

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