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19.01.2022

75 Tage lang ganz allein auf hoher See

Gabi Schenkel.
Soloruderin Gabi Schenkel auf den letzten Metern ihrer total 5282 Kilometer langen Atlantik-Überfahrt. (Bild: Ted Martin/Atlantic Campaigns)

Gabi Schenkel.

Gabi Schenkel.
Soloruderin Gabi Schenkel auf den letzten Metern ihrer total 5282 Kilometer langen Atlantik-Überfahrt. (Bild: Ted Martin/Atlantic Campaigns)

Soloruderin Gabi Schenkel auf den letzten Metern ihrer total 5282 Kilometer langen Atlantik-Überfahrt. (Bild: Ted Martin/Atlantic Campaigns)

Unvergessen Gabi Schenkel, aufgewachsen in Olten und Däniken, hat geschafft, was bisher keine andere Schweizerin geschafft hat: eine Solo-Überfahrt des Atlantiks in einem Ruderboot. Nach zweieinhalb Monaten traf sie in Antigua ein.

Von: Achim Günter

Die bald 45-jährige Gabi Schenkel wurde 1977 in Zürich geboren. Als Primarschülerin zog sie mit ihrer Familie nach Olten um, später nach Däniken. An der Kanti Olten besuchte sie das Gymnasium, das sie 1997 mit der Matura abschloss. Sie wuchs mit einer ein Jahr jüngeren Schwester auf. Mit Beginn des Studiums zog sie nach Lausanne; später wohnte sie meist in der Region Zürich, seit einem Jahr in Einsiedeln. Schenkel arbeitet als Osteopathin mit eigener Praxis in Zürich und Einsiedeln. Seit Jahrzehnten betreibt sie intensiv Sport: Als 17-Jährige bestritt sie das erste von nunmehr vielen Ultra-Marathon-Rennen, dazu liebt sie Langlaufen. Rudern indes konnte sie nicht – bis sie 2017 in einem Artikel über die Atlantic Challenge las und sich dann entschied, bald selber an dieser teilzunehmen.

 

«Ich fand das eine coole Sache und sagte mir: Rudern kann man ja lernen. Davor war ich noch nie in einem Ruderboot oder auf einem Ergometer gesessen. Im August 2018, 16 Monate vor Start der Atlantiküberquerung, belegte ich einen Anfängerkurs im Rudern. Ursprünglich wollte ich in einem Vierer-Team teilnehmen. Einen Tag bevor ich mein Anfängerruderdiplom erhielt, entschied ich mich, es alleine zu versuchen. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was es alles an Vorbereitungsarbeit und Aufwand bedeuten würde.

Im Vorbereitungsjahr arbeitete ich gefühlt 200 Prozent. Ich ging selten vor Mitternacht ins Bett und stand stets zwischen 4 und 6 Uhr auf fürs Training. Zuerst sieben Kilometer Aufwärmen auf dem Velo, dann zwei bis vier Stunden rudern, nach Hause zum Duschen und danach in die Praxis. Nach der Arbeit kochte ich mir etwas, machte Krafttraining und erledigte Organisatorisches. Die Website, das ganze Marketing, die Sponsorensuche – das machte ich alles selber. Die Vorbereitung war eigentlich das Härteste am ganzen Projekt.

Am 12. Dezember 2019 startete ich das Abenteuer auf der Kanareninsel La Gomera, am 25. Februar 2020 kam ich morgens um etwa 8.30 Uhr in Antigua an – nach 74 Tagen, 23 Stunden und 56 Minuten. Der Start war Hardcore. Es hatte enorm starke Winde und Wellen – innert zweier Stunden war ich seekrank, obwohl ich ein Pflaster dagegen verwendete. Und nach fünf Stunden brach in dieser unruhigen See bereits ein erstes Ruder. An den Wellengang gewöhnte ich mich in der Folge rasch. Allerdings wurde ich gleich zu Beginn krank: Erkältung, starker Husten, Taubheit auf einem Ohr, hohes Fieber, Halluzinationen. In den ersten Tagen schlief ich oftmals elf Stunden, hatte überhaupt keine Energie, konnte nicht rudern. Ich liess mich einfach treiben, die Richtung stimmte ja ungefähr.

Zwei Wochen lang hatte ich sehr mit dieser Erkrankung zu kämpfen. Irgendwann überzeugten mich dann meine Ärzte, mit denen ich telefonisch verbunden war, Antibiotika einzunehmen. Danach wurde es langsam besser. In der Folge gewöhnte ich mich sehr gut an die Abläufe auf See. Auch das Reinigen der Unterseite des Bootes schaffte ich. Insgesamt viermal wagte ich mich ins Meer, um das Boot zu putzen. An diesem sammeln sich rasch Algen und folglich Muscheln an, die dann wiederum kleine Fische und folglich grössere Fische anlocken. Ausserdem erhöhen die Muscheln den Wasserwiderstand deutlich und machen das Boot langsamer.

Das Bootputzen war unangenehm. Ich vergewisserte mich jeweils mit einem Rundumblick unter Wasser, dass kein grösserer Fisch in der Nähe schwamm. Ausser ein paar kleineren Fischen bekam ich im Wasser jedoch nie Fische zu Gesicht. Vom Boot aus aber sah ich Wale, Doraden, Delfine, Mahi Mahi. Das war schön! Es ist echt imposant, wenn zum Beispiel Wale unter dem Boot durchschwimmen. Haie sah ich nie.

Kleider trug ich nur bei der Abfahrt und bei der Ankunft und wenn ich mich selber fotografierte oder filmte. Und ins Meer ging ich mit dem Bikini. Ansonsten war ich immer splitterfasernackt. Mitten im Meer sieht dich ja keiner. Und Kleider erzeugen Reibung – ohne ist angenehmer. Auch Sonnencrème lässt sich ohne Kleider leichter auftragen. Ich schützte mich immer mit Schutzfaktor 50 gegen tagtäglich zwölf Stunden Sonneneinstrahlung. Abends vor dem Gang in die Schlafkabine wusch ich die Sonnencrème ab.

Mental am anspruchvollsten war das Alleinsein, die fehlende Möglichkeit, jemanden anfassen zu können. Irgendwann weiss man nicht mehr, wo man aufhört und wo das Wasser anfängt. Das Aussehen wird einem völlig egal. Und wenn man so lange alleine ist, kommt alles Schlimme aus der Vergangenheit hoch: das Ausgegrenztsein in der Schule, die Schwierigkeiten in Beziehungen. Man kann sich diesen Gedanken nicht entziehen: Es gibt keinen Kühlschrank, kein Netflix, kein Shoppingcenter. Man wird gnadenlos mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Ich wusste, dass diese Vergangenheitsbewältigung vermutlich kommen würde. Aber mit dieser Intensität hätte ich nicht gerechnet. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich so vieles schöngeredet hatte, was mir widerfahren war.

Trotz regelmässiger kleinerer Blessuren lief es nach der Krankheit gleich am Anfang rund. Bis zum 9. Januar, als es grosse Wellen gab. Zuerst fand ich das supercool, weil ich mich freute, dadurch schneller voranzukommen. Doch dann erfasste mich eine Monsterwelle parallel zum Boot, es drehte mich einmal um die Längsachse und schmiss mich von Bord. Über einen Klettergurt war ich zwar immer mit dem Boot verbunden, doch bei diesem Vorfall zerbrach ein zweites Ruder. Nun hatte ich kein Reserveruder mehr. Und auch eines der beiden Satellitentelefone gab nach dem Wasserbad den Geist auf.

Das Boot verfügte über zwei Kabinen, die sich luftdicht verschliessen liessen. Jede Nacht schlief ich sechs bis acht Stunden. Teilweise wurde ich dabei nur vier Kilometer pro Stunde westwärts getrieben, zweimal sogar 17 Kilometer. Aber wirklich gut vorwärts kommt man, wenn man zusätzlich rudert. Ich ging nie mit einem schlechten Gefühl ins Bett – egal was tagsüber passiert war. Ich achtete bewusst darauf, nicht traurig oder frustriert schlafen zu gehen, damit der Schlaf auch erholsam war.

Morgens setzte ich mir jeweils Tagesziele, machte Rechenspiele und beschäftigte so den Kopf. Ich ass fast nur Gefriergetrocknetes aus dem Beutel, angerührt mit heissem Wasser. Das Wasser stammte aus einer Entsalzungsmaschine, war also Meerwasser, das mittels Solarantrieb in Süsswasser verwandelt worden war. Ich hatte jedoch lange Mühe mit Essen und ass eigentlich bis Ende Januar zu wenig. Nahm ich insbesondere mittags zu viel zu mir, rebellierte mein Magen regelmässig. Ich ruderte in La Gomera mit 60 Kilogramm Körpergewicht los und verlor bis zum Ende 6,4 Kilogramm. Ich hatte drei Eimer an Bord: einen für die Toilette, einen zum Waschen und einen als Ersatz.

300 Meilen vor Ankunft in Antigua geriet ich in eine Gegenströmung. Im Schlaf merkte ich das nicht. Ich wurde rund 30 Kilometer nach Süden abgetrieben und musste dann aus dieser Gegenströmung herausrudern. Ich wusste, ich würde es schaffen. Aber das war anstrengend. Und meine Begleiter an Land konnten nicht mehr mit mir reden, weil inzwischen beide Satellitentelefone kaputt waren. Sie mussten sich auf meine geschriebenen Worte verlassen.

Als ich mich schliesslich Antigua näherte, sah ich nachts schon von weitem die Lichtverschmutzung über der Insel. Bei Sonnenaufgang war ich schon fast da. Eine grosse Gefühlsregung stellte sich nicht ein, als ich das Festland erblickte. Ich empfand es eher wie eine logische Folge. Bei der Zielankunft traten kurz zwei, drei Tränen in die Augen, Freude stieg hoch. Dann trat eine Leere ein. Zuerst verstand ich nichts. Ich war so lange alleine auf dem Atlantik gewesen, und in diesem Zielhafen hatte es unheimlich viele Menschen und Boote, viele hupten sehr laut. Das war zu viel, es war wie eine Überreizung der Sinne. Ich konnte es gar nicht geniessen, weil es einfach zu viel war.»

 

Gabi Schenkel arbeitete das Erlebte auf der Atlantik-Überfahrt und auch die schmerzhaften Erfahrungen in ihrem bisherigen Leben in einem Buch auf. Das Werk mit dem Namen «Solo auf See» soll am 6. Mai erscheinen. Gelegentlich hält sie auch Vorträge. Schenkels damaliges Boot ist momentan wieder bei der Atlantic Challenge unterwegs – besetzt von zwei Frauen. Schenkel rudert nur noch selten. Im Sommerhalbjahr ist sie hin und wieder kurz auf dem Sihlsee unterwegs. «Ich geniesse die Ruhe auf dem Wasser», sagt sie.