Im Fokus
18.05.2022

«Wer Hunger hat, isst alles»

Auf diesem kleinen Fischerboot trieb Thong Vo mit mehr als 60 weiteren Menschen während 42 Tagen im Südchinesischen Meer – bis zur Rettung durch ein Handelsschiff.
Thong Vo heute.
Der damals neunjährige Bootsflüchtling Thong Vo (schlafend, ganz rechts) nach der Rettung auf dem deutschen Handelsschiff Alexander II. (Bilder: ZVG)

Auf diesem kleinen Fischerboot trieb Thong Vo mit mehr als 60 weiteren Menschen während 42 Tagen im Südchinesischen Meer – bis zur Rettung durch ein Handelsschiff.

Auf diesem kleinen Fischerboot trieb Thong Vo mit mehr als 60 weiteren Menschen während 42 Tagen im Südchinesischen Meer – bis zur Rettung durch ein Handelsschiff.
Thong Vo heute.
Der damals neunjährige Bootsflüchtling Thong Vo (schlafend, ganz rechts) nach der Rettung auf dem deutschen Handelsschiff Alexander II. (Bilder: ZVG)

Thong Vo heute.

Auf diesem kleinen Fischerboot trieb Thong Vo mit mehr als 60 weiteren Menschen während 42 Tagen im Südchinesischen Meer – bis zur Rettung durch ein Handelsschiff.
Thong Vo heute.
Der damals neunjährige Bootsflüchtling Thong Vo (schlafend, ganz rechts) nach der Rettung auf dem deutschen Handelsschiff Alexander II. (Bilder: ZVG)

Der damals neunjährige Bootsflüchtling Thong Vo (schlafend, ganz rechts) nach der Rettung auf dem deutschen Handelsschiff Alexander II. (Bilder: ZVG)

Unvergessen Er flüchtet 1980 wie Abertausende andere Vietnamesen als sogenannte «Boatpeople» aus seiner Heimat – auf besonders dramatische Art und Weise allerdings. 42 Tage lang treibt die Nussschale mit Thong Vo an Bord im Südchinesischen Meer, ehe endlich Rettung naht.

Von: Achim Günter

Thong Vo wird 1970 geboren. Er wächst als mittlerer von drei Brüdern in Zentralvietnam auf. Sein Vater ist ein hoher Offizier des südvietnamesischen Geheimdienstes. Südvietnam führt damals an der Seite der USA Krieg gegen das kommunistische Nordvietnam. Vo und seine Brüder erleben den Krieg hautnah mit. Nach einem Handgranatenanschlag vor ihrem Haus lebt die Familie fortan in einem Militärcamp in vergleichsweise sicherer Umgebung. Am 30. April 1975 endet der Krieg mit dem Sieg Nordvietnams, Vietnam wird wiedervereinigt. Vo erinnert sich an jenen Tag, als sei er gestern gewesen. «Es herrschte eine gespenstische Ruhe. Die Leute schauten sich gegenseitig an, sprachen aber nicht viel.» Zwölf Tage danach stirbt Vos Vater in einem Konzentrationslager, nachdem er zuvor im Beisein der Truppe auf der Flucht in Richtung Saigon (Ho-Chi-Minh-City) gefangen genommen worden ist. Frau und Söhne weilen zu diesem Zeitpunkt bereits in Saigon. In den folgenden Jahren unternimmt Vos Mutter mit ihren drei Söhnen mehrere Fluchtversuche. Sie sieht für die Familie keine Zukunft in Vietnam – und fürchtet, dass ihre Söhne in naher Zukunft für den Krieg gegen die im Nachbarland Kambodscha herrschenden Roten Khmer eingezogen werden. Die Familie zehrt in jenen Jahren von der Substanz, lebt von Ländereien (Zuckerrohr und Ananas) und Zuwendungen bereits geflüchteter Verwandter, verarmt aber zusehends. Es herrscht ein Klima der Angst, viele Leute werden bespitzelt. Und regelmässig wird die Mutter von Quartierparteifunktionären über die Tätigkeiten ihres Mannes ausgefragt. Insgesamt acht Mal scheitern die Fluchtversuche – wegen Wetterpech, zu langer Wartezeiten, Krankheit, Verrat oder Betrug durch die Schlepperbanden. Einmal landet die ganze Familie im Gefängnis. Erst der neunte Fluchtversuch im Herbst 1980 ist erfolgreich. Aber der Preis ist hoch.

 

«Meine Mutter litt sehr unter der Situation. Perspektiven für uns bestanden nicht. Und die gesamte Familie, väterlicher- und mütterlicherseits, war bereits ins Ausland geflohen. Wir trennten uns, um durch die Stadt zu schleichen und dann auf kleine Boote zu gelangen. Drei Söhne auf gemeinsamer Reise mit der Mutter – das wäre undenkbar gewesen, viel zu auffällig. Von den Schleppern war alles bis ins Detail organisiert. Ihnen mussten wir blindlings vertrauen, eine andere Chance hatten wir gar nicht. Wir mussten uns völlig ruhig und unauffällig verhalten. Die kleinen Sammelboote waren in Kanälchen lokalisiert. Am Tag XY fuhren sie los und legten schliesslich bei einem grossen Boot an. Unser Boot war drei Meter breit und zwölf Meter lang. Darauf befanden sich 62 Personen. Frauen, Männer, Kinder. Wie Sardinen eingepfercht in den stickigen Schächten des Bootes. Da, wo normalerweise Eis und Fischfänge eingelagert würden.

Wir kalkulierten Nahrung ein für zwei bis drei Tage, etwas blauäugig. Wir dachten, sobald wir das internationale Gewässer erreicht haben würden, würden wir gerettet. Doch das war nicht so. Bis zu unserer Rettung vergingen 42 Tage!

Schon bald ging dem Motor der Treibstoff aus. Und der September ist ein Monat, in dem das Südchinesische Meer sehr ruhig ist. Das Schiff war nicht mehr manövrierfähig, es war überhaupt ein Schrottschiff. Die Lebensmittel gingen schnell zur Neige. Das Leiden begann: Hunger, Durst. Einige Male wurden wir von Piraten überfallen. Fischer aus Thailand, Indonesien, woher auch immer. Die wussten, dass wir Flüchtlinge Vermögen dabeihatten. Sie überfielen uns, raubten uns aus, schlugen die Männer auf unserem Boot zusammen, um uns Angst einzujagen. Sie waren jeweils bewaffnet, zum Beispiel mit Macheten. Wir konnten uns nicht wehren, hatten keine Kraft dazu. Einmal haben sie sogar unseren Schiffsmotor demontiert und mitgenommen, weil sie dachten, wir hätten darin Gold und Schmuck versteckt. Bei jedem Überfall schmissen uns die Piraten aber auch Essen und Getränke hin.

Überleben konnten wir auch deshalb, weil wir ein grosses, im Meer treibendes Fangnetz aufs Boot gezogen hatten. Auf diese Weise konnten wir viele Fische fangen und dadurch über die Runden kommen. Wir assen alles roh, auch die Schuppen und die Augen. Tintenfische verzehrten wir auch oft, noch lebendig. Wer Hunger hat, isst alles. Die Nahrung haben wir untereinander in kleinste Portionen aufgeteilt und zum Beispiel Reiskorn für Reiskorn gegessen. Das grösste Problem war der Wassermangel. Ein-, zweimal hat es geregnet. Da breiteten wir Blachen aus und sammelten das Wasser. Aber wir konnten nur überleben, weil wir teilweise eigenen Urin tranken. Auch konnten wir überleben, weil sich am Boden unseres Holzbootes immer wieder Muscheln ansammelten. Ein WC gab es nicht. Allerdings kann man auch kaum Wasser lösen, wenn man nichts trinkt.

Das Überleben war nur möglich, weil auf dem Boot Disziplin herrschte. Der Zusammenhalt war enorm. Man nahm sehr stark Rücksicht aufeinander. Das Schiff war nicht dicht, es rann ständig Wasser hinein. Die Männer organisierten einen Schichtbetrieb, um permanent Wasser zu schöpfen. Ausserdem beteten wir auch oft miteinander und gaben uns gegenseitig Kraft.

Einmal starb ein Kind. Es war ausgehungert und ausgetrocknet. Wir hatten vorher miteinander besprochen, dass eine allfällige Leiche sofort dem Meer übergeben werden sollte. Denn der Hunger war gross. Die Gedanken, den verstorbenen Menschen zu essen, waren vorhanden. Vater und Mutter wickelten das Kind ein und liessen es ins Wasser gleiten. Aber das Wasser war dermassen ruhig, der Leichnam schwamm einen Tag lang neben unserem Boot her. Das war grausam! Am nächsten Tag war er gottseidank weg. Sonst ist niemand gestorben. Aber zwei junge Frauen wurden bei einem Überfall von Thailändern mitgenommen und verschwanden für immer.

Was geht in einem vor während dieser Zeit? Zuerst ist da Angst. Angst vor einer erneuten Rückschaffung nach Vietnam, Angst vor einem erneuten Überfall, Angst vor dem Versinken des Schiffes. Und daneben drehen sich alle Gedanken nur noch ums Essen und Trinken. Es gab einen lieben Typen auf dem Boot, ein guter Erzähler. Er hat immer wieder übers Essen gesprochen, bis wir anderen mal gesagt haben: ‹Wenn du jetzt nicht zu erzählen aufhörst, schmeissen wir dich ins Meer!›

Unzählige Male sahen wir abends in der Ferne ein Licht. Wir freuten uns enorm. Das gab einen Adrenalinschub, die Hoffnung auf Rettung. Aber am nächsten Tag zerschlug sich die Hoffnung immer wieder. Mehrmals begegneten wir auch grossen Schiffen. Die fuhren vielleicht hundert Meter von uns entfernt vorbei, ignorierten uns aber. Das eine Schiff allerdings nicht, das Schiff, das uns rettete.

Auch dieses fuhr zuerst an uns vorbei. Wir schrien, winkten, machten uns bemerkbar. Keine Reaktion, ein Déjà-vu. Wir legten uns wieder hin. Plötzlich stieg der Rauch des Handelsschiffes jedoch schwarz auf, es machte also ein Bremsmanöver. Nach einer knappen halben Stunde erreichte es uns. Die Besatzung schmiss Nahrung zu uns herunter – dann fuhr das Schiff wieder weg. Wir schrien und weinten. Dann machte das Schiff nochmals kehrt. Ich weiss nicht warum. Nun wurden Frauen und Kinder aufs Schiff hinaufgeholt. Die Männer mussten auf dem Boot bleiben, das Boot wurde jedoch mit einer Schnur am Schiff festgebunden und sollte gezogen werden. Wahrscheinlich sollten wir alle in der Nähe eines Hafens wieder auf unser Boot ausgesetzt werden. Der Plan ging nicht auf. Die Schnur riss und das Boot barst. Dann wurde lange diskutiert, ehe die Besatzung erneut zurückfuhr und auch die Männer rettete. Anschliessend überfuhren sie das Boot und zerstörten es.

Die Retter gingen mit uns sehr sorgsam um. Sie wussten ganz genau, dass unsere Mägen zusammengeschrumpft waren und wir möglicherweise ersticken würden, wenn wir Essen unkontrolliert in uns hineinstopfen würden. Sie gaben uns löffelweise Suppe und fürsorglich dosiert etwas zu trinken. Jeden Tag ein wenig mehr. Gerettet wurden wir von diesem Handelsschiff Alexander II am 14. Oktober 1980, am 18. Oktober traf es im Hafen von Singapur ein.»

 

Thong Vo landet in Singapur sogleich im Spital. Er ist dehydriert, unterernährt, kann nur noch herumkriechen. Und alles dreht sich, weil sich die Ohrmuschel an die Bewegung auf See gewöhnt hat. Im Spital wird er gut umsorgt und «aufgepäppelt». Nach knapp zwei Wochen kommt er in ein Flüchtlingscamp; dort trifft er wieder auf seine Mutter und seine beiden Brüder. Die geflüchteten vietnamesischen Boatpeople können angeben, in welches Land sie emigrieren wollen. Die Schweiz steht bei fast allen Flüchtlingen auf dem ersten Platz. Die Familie Vo kann sehr bald ein Flugzeug nach Genf besteigen. Am 25. November trifft sie in einem Auffanglager in Selzach ein. Dank der Organisation des Kiwanis Club Olten kann sie bald eine komplett möblierte Wohnung in Olten beziehen und hier rasch Fuss fassen. Thong Vos Mutter verdient Geld als Putzfrau, später als Küchengehilfin in einem Oltner Altersheim. Er selbst findet nach kurzer Zeit in der sogenannten Anpassungsklasse Anschluss in der regulären 4. Klasse im Säli-Schulhaus. Wegen seines teilweise überbordenden Ehrgeizes muss er von seinem Primarlehrer und Mentor Emil Dietler oft gebremst werden. Später schafft er den Übertritt ans Gymnasium, legt 1992 an der Kanti Olten die Matura ab und beginnt im Anschluss an der Uni Basel zuerst ein Medizin- und danach ein Pharmaziestudium. Letzteres schliesst er 1999 erfolgreich ab. Heute wohnt Thong Vo, seit 1990 Bürger von Olten, mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Hägendorf. Der 51-Jährige führt mit seiner Frau in Olten und Hägendorf je eine Apotheke. Nach Vietnam kehrt er vor der Jahrtausendwende erstmals zurück; heute unterhält er vielfältige geschäftliche Beziehungen zu Vietnam. Am Samstag ist er Gast in der TV-Livesendung «SRF bi de Lüt» in Olten.