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01.06.2022

Der Ruhestand ist noch kein richtiger

Dr. Rudolf Steiner ist auch als bald 77-Jähriger noch immer juristisch tätig, sein Anwalts- und Notariatsbüro in Olten bezeichnet er aber inzwischen als «Hobbyraum». (Bild: Achim Günter)

Dr. Rudolf Steiner ist auch als bald 77-Jähriger noch immer juristisch tätig, sein Anwalts- und Notariatsbüro in Olten bezeichnet er aber inzwischen als «Hobbyraum». (Bild: Achim Günter)

Was macht eigentlich? Er führte in Olten ein Anwalt- und Notariatsbüro, vertrat die FDP während 30 Jahren in drei Parlamenten und war Präsident des Schweizerischen Hauseigentümerverbandes. Rudolf Steiner, inzwischen 76 Jahre alt, hat noch immer zahlreiche Mandate inne.

Von: Achim Günter

Einen Termin mit ihm zu vereinbaren, entpuppt sich als knifflige Angelegenheit. Telefonisch ist er zwar immer mal wieder erreichbar, doch meist sagt er am anderen Ende: «Ich bin gerade im Ausland» oder «Dann werde ich aber nicht hier sein». Alt-Nationalrat Dr. Rudolf Steiner, mitten in Olten aufgewachsen, verbringt einen Gutteil des Jahres nicht in seinem Eigenheim in Lostorf. Rund zwei Monate, erzählt er freimütig, ist er mit seiner Frau in den Schweizer Bergen im Skiurlaub. Und noch länger hielten sie sich in Griechenland auf. Dort besitzen sie seit Jahrzehnten ein Haus.

Wer nun aber folgert, Rudolf Steiner lebe im Dauerferienmodus, irrt sich gewaltig. Als bald 77-Jähriger befindet er sich offiziell zwar längst im Ruhestand. Aber was heisst das schon bei einem wie ihm? Steiner gehörte als FDP-Politiker 30 Jahre verschiedenen Parlamenten an, ist Rechtsanwalt und Notar, versieht bis zum heutigen Tag hohe Ämter in Verbänden und weist noch immer rund ein Dutzend Verwaltungsratsmandate auf. Langeweile kennt er nicht.

«Privileg, noch arbeiten zu dürfen»

Wie viel er noch immer arbeitet, kann er nicht beziffern. «Ich mache es auch nicht wegen des Verdienstes. Ich mache es, weil es mir Freude macht, ich gewisse Erfahrungen weitergeben kann und es den Kopf wachhält. Es ist ein Privileg, dass ich meinen Beruf weiterhin ausüben kann und nicht mit 65 Jahren einen Schnitt machen musste.»

Dank Laptop und Smartphone ist er stets mit der Welt verbunden. Hält er sich zuhause auf, fährt er noch immer jeden Morgen in sein Anwaltsbüro in Olten. Zum Mittagessen kehrt er normalerweise nach Hause zurück. Im Büro beantwortet er Post, gibt seinen Klienten Ratschläge, erledigt notarielle Aufgaben wie das Aufsetzen von Gesellschafts-, Ehe- oder Erbverträgen, Vorsorgeaufträgen oder Testamenten. «Aber nur auf Sparflamme.» Bei den meisten Klienten handle es sich um langjährige Bekannte, oft in seinem Alter. Einen stattlichen Teil seiner Arbeitszeit beanspruchen auch seine Verwaltungsratsmandate. Neben seinem Haupthobby «Büroarbeit» verbringt der 76-Jährige auch gerne Zeit im Garten, mit den drei Grosskindern oder mit der Lektüre von Zeitungen und Büchern.

Schwerer Unfall im letzten Dezember

Gesundheitlich geht es dem Freisinnigen sehr gut. «Wieder sehr gut», präzisiert er. «Ich bin wieder da.» Anfang Dezember stürzte er bei einem Besuch der Zürcher Oper die Treppe hinab und zog sich einen Schädelbruch sowie einen Nasenbein- und Handbruch zu. Von diesem gesundheitlichen Rückschlag scheint er sich bestens erholt zu haben, ebenso von einer Corona-Infektion im Februar.

In allen Jahreszeiten ausser im Winter hält sich das Ehepaar Steiner für einige Wochen auf dem Peloponnes auf. Steiners Augen leuchten, wenn er von dem relativ bescheiden eingerichteten Rückzugsort mit Blick aufs Mittelmeer spricht. «Es ist jeweils ein Tapetenwechsel, der uns guttut. Die Nähe zur Natur, die Verbundenheit auch zu den Einheimischen», schwärmt er.

Zwei Monate Skiferien in der Schweiz, einige Monate Aufenthalt im Haus in Griechenland – bleibt da noch Zeit für andere Reisen? Steiner schmunzelt. «Doch, doch. Wir sind unternehmungslustig. Dazu habe ich auch noch ein interessantes Mandat, das mich immer wieder in verschiedene europäische Städte führt.» Steiner spricht seine Aufgabe als Finanzverantwortlicher beim Europäischen Hauseigentümerverband an. Diese bekleidet er seit rund 30 Jahren. Ebenfalls zu Beginn der 90er-Jahre übernahm er eine Führungsposition beim Schweizerischen Hauseigentümerverband. Von 2004 bis 2012 fungierte er sogar als dessen Präsident.

Steiner war immer ein politischer Mensch. Von 1973 bis 1981 vertrat er die FDP im Oltner Gemeindeparlament. Nach dem Umzug Anfang der 80er-Jahre nach Lostorf sass er für die FDP während ebenfalls acht Jahren im Kantonsrat (1985 bis 1993), ehe er in den Nationalrat gewählt wurde. Diesem gehörte er während 14 Jahren an – und wäre gerne noch länger in Bern geblieben. Ein schönes Ende war ihm nicht vergönnt. Steiner war 2007 der Leidtragende eines Sitzverlustes der sich im Kriechgang befindenden Solothurner Freisinnigen und schaffte die Wiederwahl nicht mehr.

Zum Schluss seines Nationalratsmandates nahm er Einsitz in der zeitintensiven Finanz- und der Energiekommission. Dazu hatte er die Präsidien inne beim Hauseigentümerverband und beim Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen. Seine Familienmitglieder sprachen sich 2007 denn auch gegen die Option Weitermachen aus – weil sie ihren Mann beziehungsweise Vater nur selten zu Gesicht bekamen. «Aber ich habe das selbst nicht gespürt.» Dazu stand bereits fest: Würde er die Wiederwahl schaffen, könnte er das Präsidium der Finanzkommission übernehmen. Diese Aufgabe hätte Steiner enorm gereizt. Hätte. «Ich war einen Moment lang traurig und enttäuscht, fiel aber nicht in ein Loch.»

Vogelbeobachtung kommt noch zu kurz

Der Jurist verstand sich immer als überzeugter Milizpolitiker. So fiel es ihm leicht, das berufliche Engagement als Anwalt und Notar rasch wieder hochzufahren. «Es war eine Zäsur. Aber im Nachhinein staune ich darüber, was ich davor alles unter einen Hut gebracht und wie die Familie das mitgetragen hatte.» Inzwischen ist «Bern» bereits weit weg. «Die Politik interessiert mich natürlich nach wie vor. Aber ich halte mich raus, rede nicht mehr aktiv mit.» Von seiner Zeit im Bundesparlament seien ihm «wenige, aber sehr intensive Freundschaften» geblieben. Ein naher Freund aus alten Parlamentariertagen besucht ihn demnächst in Griechenland.

Unser Gespräch in seinem Anwaltsbüro in Olten neigt sich dem Ende zu. Wir haben über Vergangenes und Aktuelles gesprochen. Darüber, wie sehr ihn seine vielfältigen Tätigkeiten noch immer in Beschlag nehmen. Ihn, den bald 77-Jährigen. Plötzlich, ganz unvermittelt, sagt Rudolf Steiner: «Kommt dazu, dass ich auch gerne gar nichts mache. Ich sitze gerne einfach im Garten und beobachte die Vögel.»

 

kurz und knapp

Dieses Buch kann ich wärmstens empfehlen

Aktuell lese ich gerade einen historischen Roman von Ildefonso Falcones, einem Anwalt aus Barcelona. In «Die Pfeiler des Glaubens» geht es um die Auseinandersetzungen zwischen den Mauren und Christen in Südspanien. Ich mag historische Romane sehr gerne.

Auf diesen Gegenstand kann ich nicht verzichten

Einen Zapfenzieher… Ich trinke gerne mal ein Glas Weisswein.

An diesem Ort gefällt es mir ausgezeichnet

Daheim, in Lostorf. Da bin ich zuhause, da fühle ich mich sehr wohl.