Im Gespräch
08.07.2020

«Tiere mochte ich mehr als Musik»

Fränzi Gössi und Delizio, ihr Oldenburger Wallach, auf dem Reiterhof Dulliken. Seit bald einem Jahr ist Gössi hier zu Hause. (Bild: Franz Beidler)

Fränzi Gössi und Delizio, ihr Oldenburger Wallach, auf dem Reiterhof Dulliken. Seit bald einem Jahr ist Gössi hier zu Hause. (Bild: Franz Beidler)

Fränzi Gössi Der Gerechtigkeitssinn ihrer Mutter brachte Fränzi Gössi von ihrem Traum ab, Eifersucht führte sie wieder zurück. Über Bern und Glarus fand sie nach Dulliken, wo sie ihren eigenen Reiterhof führt.

Von: Franz Beidler

Das Inserat habe sie aufbewahrt, sagt Fränzi Gössi. «Einen Moment.» Die 49-Jährige springt auf und mit einem Satz aus dem Reiterstübli, einem metallenen Kubus auf dem grossen Gelände hinter dem Dulliker Bahnhof. Kurz darauf kehrt sie zurück und legt einen weissen, mit roten Herzen verzierten Holzrahmen auf den Tisch. «Zu vermieten: Reitbetrieb, Kt. SO, 22 Auslaufboxen, mit Halle, Reitplatz, Weiden, Wohnung usw.» ist dort zu lesen, darunter eine Telefonnummer. Im Sommer des letzten Jahres sass Gössi im bernischen Münsingen im Café ihres Bruders, als sie das Inserat in der Zeitschrift «Tierwelt» entdeckte. «Ruf an», habe ihr Bruder sie ermutigt. «Das kann ich doch nicht bezahlen», habe sie geantwortet. Zwei Tage lang rang sie mit sich, bevor sie eine SMS an die Nummer im Inserat schickte. «Ich bekam sofort eine Antwort», erinnert sich Gössi. Sie zögerte einen weiteren Tag, rechnete immer wieder nach, bis sie sich überzeugt hatte. «Dann rief ich an.» Im August 2019 unterzeichnete sie den Vertrag und wurde zur neuen Pächterin des Reiterhofs in Dulliken. Seither betreibt sie dort eine Reitschule mit fünf Schulpferden, bildet ein weiteres aus, kümmert sich um fünf fremde Pferde, sogenannte Pensionspferde und trainiert mit ihrem achtjährigen Oldenburger Wallach Delizio. Mit ihm nimmt Gössi regelmässig an Turnieren im Dressurreiten teil.

Ein Reiterhof im Aufbau

«Mein Beruf», schiesst es aus Gössi heraus, als sie ihre Hobbys aufzählen soll, gefolgt von vergnügtem Lachen. «Der Reiterhof befindet sich noch im Aufbau», sagt sie dann. Im Sommer beginnt ihr Tag um fünf Uhr, «mit viel Kaffee.» Dann füttert sie die Pferde und bringt sie auf die Weide. «Danach habe ich Hunger.» Brot, Butter, Fleisch, manchmal auch Käse, aber immer ein Joghurt, «am liebsten Haselnuss», gönnt sie sich dann. Dazu mehr Kaffee. Den Tag durch erteilt sie Reitunterricht und trainiert mit Delizio. Abends, im Reiterstübli, erledigt sie die Büroarbeiten. Oder sie sitzt noch mit Leuten vom Hof zusammen, Pferdebesitzern oder Reitschülern. «Manchmal gibts dann einen Prosecco», erzählt Gössi schmunzelnd. Ein Wochenende hingegen gibt es nicht.

Aus Eifersucht zum Reiten

«Zum Reiten fand ich erst spät», meint Gössi. Sie war dreissig Jahre alt, Mutter dreier Söhne und führte zusammen mit ihrem Ehemann die Milchzentrale Glarus. Dieser versorgte den Hof einer Reitlehrerin regelmässig mit Pferdefutter. «Da wurde ich eifersüchtig», sagt Gössi, fasst sich an die Stirn und lacht kopfschüttelnd. So bestand sie eines Tages darauf, ihren Ehemann zu begleiten. «Da sah ich den Hof und die Pferde und fand das toll.» Selber zu reiten, ist ein Traum aus ihrer Kindheit, der über die Jahre in Vergessenheit geraten war. In Schliern bei Köniz (BE) wuchs Gössi auf. «Rechne das mal vier», habe ihre Mutter geantwortet, als sie als 10-Jährige um Reitstunden bettelte. Gössis drei Geschwister wollten zwar nicht reiten, aber der Gerechtigkeitssinn der Mutter verbot es, für eines der Kinder mehr Geld auszugeben. Stattdessen erhielt Gössi Klavierstunden und spielte Querflöte in der Jugendmusik Bümpliz. «Tiere mochte ich mehr als Musik», stellt Gössi fest und erzählt, wie sie als Kind Frösche fing, um sie in ihrem Puppenhaus zu umsorgen. Auf Gössis Drängen hin bekam die Familie zwar kein Pferd, dafür einen Hund. «Ringgi», erinnert sie sich. «Er hat mich darüber hinweg getröstet.» Nach der Lehre als Parfümverkäuferin zog Gössi als 21-Jährige nach Luzern, wo sie die Leitung einer Parfümfiliale übernahm und ihren späteren Ehemann kennenlernte. Drei Jahre später kam der erste Sohn zur Welt. «Ich dachte, Reiten müsse man als Kind lernen. Das weiss ich inzwischen besser.» Die Frau, die von Gössis Ehemann Pferdefutter bezog, wurde Gössis erste Reitlehrerin. Ein Jahr später, mit 31 Jahren, erlangte sie das Reiterbrevet.

Die erste eigene Reitschule

Fünf Jahre danach übernahm Gössi jenen Stall in Mollis (GL), in dem sie ihr eigenes Pferd in Pension hatte. Um ihr Hobby zu finanzieren, gründete sie eine Reitschule und erlangte die Dressurlizenz. Die Schule lief so gut, dass sie bald nach Ziegelbrücke (GL) übersiedelte. «Stall Gössi» hiess der Hof mit eigener Reithalle, wo sie elf Pferde unterhielt, eine Vollzeitaufgabe. «Deshalb wollte ich den Beruf nun lernen.» Die Zweitausbildung zur Pferdefachfrau absolvierte sie innerhalb von einem Jahr. «Von der Milchzentrale entfernte ich mich immer mehr», erzählt sie vom Geschäft, das sie zusammen mit ihrem Ehemann aufgebaut hatte. Irgendwann hielt die Beziehung nicht mehr. Im Sommer 2019 wollte Gössi zurück nach Bern ziehen, zu ihren Eltern und Geschwistern, die in der Region geblieben waren. «Ich suchte Arbeit in der Gegend», erzählt Gössi. Dann besuchte sie das Café ihres Bruders. «Wegen dem Aufbau der Reitschule habe ich keine Bedenken», sagt Gössi gelassen. Über den Sommer veranstaltet sie Reitlager für Kinder. «Bisher haben sich immer nur Mädchen angemeldet.» Ihnen bringt sie den Reitsport nahe, zeigt, wie ein Stall zu misten oder ein Pferd zu bürsten ist. Das Geschäft mit der Betreuung von fremden Pferden, den Pensionären, sei das Einzige, was ihr manchmal Sorgen bereite. Sie verbringe auch gerne Zeit weg vom Hof. «Ein Ausflug, ins Kino, Essen gehen oder Ausschlafen am Sonntag», zählt Gössi auf und beschliesst: «Noch drei Pensionäre, dann engagiere ich eine Aushilfe.»

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