Im Gespräch
16.09.2020

Ohne grosse Pose

Freitag ist Musiktag: Olivia Bärtschi in ihrem Arbeitszimmer in Dulliken. Hier schreibt sie Liedtexte und komponiert die Musik dazu. (Bild: Franz Beidler)

Freitag ist Musiktag: Olivia Bärtschi in ihrem Arbeitszimmer in Dulliken. Hier schreibt sie Liedtexte und komponiert die Musik dazu. (Bild: Franz Beidler)

Olivia Bärtschi Ihre ­Leidenschaft besiegte ihre Scheu und eine Kindheit ohne Vater stärkte ihren Drang zur Unabhängigkeit. Heute steht die Dullikerin Olivia Bärtschi als «Sury» auf der Bühne.

Von: Franz Beidler

Sie habe einfach zur richtigen Zeit die richtigen Leute getroffen, sagt Olivia Bärtschi und lacht leise. Die 30-Jährige sitzt in ihrem Garten hinter dem Haus, wo sie aufwuchs, in Dulliken. Ihr Kater Spooky tigert um den Tisch. Eben hat sie erzählt, wie sie schon als Kind gesungen hatte und schon damals Sängerin werden wollte. Also habe sie sich heimlich mit einem Tonband aufgenommen. «Oh Gott, wie schlimm», sei ihr entfahren, als sie sich die Aufnahme anhörte. Früher habe sie sich nie so recht getraut, vor Anderen zu singen. Heute ist das anders: Zu Beginn des Jahres stellte sie ihr erstes Soloalbum fertig und bald soll eine Single daraus erscheinen. «Ich konnte das Singen einfach nicht bleiben lassen.» Sie war ­14 Jahre alt, als sie sich schliesslich das erste Mal auf die Bühne wagte. Bärtschi war im Dulliker Schülerchor. Am Konzert zum Ende des Schuljahres sang sie einen Solopart. «Meine beste Kollegin meinte, sie wisse, dass ich das könne und wolle», erinnert sich Bärtschi an die nötige Überzeugungsarbeit. Schliesslich obsiegte ihre Leidenschaft über die Scheu.

Vom Rockkonzert zur Musikhochschule

Wenige Jahre später war Bärtschi der Musik treu geblieben. Das Saxophon der Mutter, das sie als Kind aus der Ecke geholt hatte, stellte sie jetzt wieder dahin zurück. Sie spielte nun elektrische Gitarre und manchmal auch Klavier. An ­einem Rockkonzert in Interlaken lernte sie einen Keyboarder kennen, dessen Band eine Sängerin suchte. Während dreier Jahren reiste Bärtschi daraufhin jedes Wochenende ins Neuenburgische Val-de-Travers. Zwei Stunden Zugfahrt hin und zwei zurück nahm sie auf sich, um zu proben. «In einer Band zu singen, war das Grösste für mich.» So lieb­äugelte sie mit einem Gesangsstudium und nahm am Vorsingen der Musikhochschule Luzern teil. «Die anderen trugen schicke Kleider und hatten hochge­steckte Frisuren», erzählt Bärtschi. Sie kam in Jeans, T-Shirt und Converse-Schuhen. Ihr wurde klar: «Das ist nicht meine Welt.» Da war Bärtschi knapp zwanzig Jahre alt.

«Geld oder Zeit»

Ihren Beruf zu finden, hatte Bärtschi schon früher vor eine schwierige Wahl gestellt. «Geld oder Zeit», fasst sie heute zusammen. Mit 16 legte sie die Prüfung für die Fachmittelschule in Olten ab und spielte mit dem Gedanken, Kindergärtnerin zu werden oder gar Psychologie zu studieren. Gleichzeitig bewarb sie sich für eine Lehre als Hochbauzeichnerin. «Da hätte ich einen Lohn gehabt.» Bärtschi wollte ihre alleinerziehende Mutter entlasten, nicht nur finanziell. «Ich wünschte mir oft jemanden an ihre Seite.» Dass sie ohne Vater aufwuchs, bemerkte Bärtschi einzig im Vergleich. Als «Aha-Momente» beschreibt sie es: Andere Kinder werden von ihrem Vater auf den Spielplatz begleitet. Andere Eltern teilen sich Arbeit und Haushalt. Gleichzeitig merkte Bärtschi auch: «Unabhängig zu sein, ist mir wichtig.» Zuletzt zeigte sich das vor zwei Jahren: Nach FMS, Fachmatur und der Ausbildung zur Kindergärtnerin an der Pädagogischen Hochschule in Liestal hatte Bärtschi bis dahin an verschiedenen Orten auf dem Beruf gearbeitet. Dann wechselte sie in den Kindergarten Erlimatt in Däniken. Seither arbeitet sie dort an vier Tagen der Woche. «Freitag ist Musiktag», stellt Bärtschi klar. Dann widme sie sich ihren musikalischen Zielen. Im vergangenen Jahr verbrachte sie fast jeden Freitag im Studio, um ihr Solo-­Album mit der ersten Single «Daddy’s Girl» aufzunehmen. Ebenfalls vor zwei Jahren stieg sie aus ihrer letzten Band aus. Über die Jahre hatte sie alternativen oder Glam-Rock gesungen, einmal sogar Symphonic Metal. «Ich bin bei Auftritten nicht bemüht explosiv, sondern singe einfach gerne», sagt Bärtschi. Als Frontfrau auf der Bühne hätten ihre Mitstreiter manchmal die grosse Pose bei ihr vermisst.

Der zweite Vorname

Heute musiziert Bärtschi als ­Singer-Songwriterin und macht «eine Mischung aus Soul, Blues und Pop.» ­Begleitet wird sie dabei von einem ­Gitarristen. «Sury» lautet ihr Bühnenname. «Das leitet sich von meinem ­zweiten Vornamen Surinder ab.» Der Name ist ein Erbe von ihrem indischen Vater, der eine zweite Familie gründete, als die erste mit Bärtschis Mutter ­zerbrochen war. «Ich hatte wenig ­Kontakt zur indischen Kultur.» So habe sie diese Seite früher eher versteckt.­Inzwischen sei sie aber stolz darauf. Vor einem Jahr traf Bärtschi zum ersten Mal ihre beiden Halbschwestern. «Ich ­wusste schon immer, dass es sie gibt.» Aus ­Respekt gegenüber der anderen Familie habe sie den Kontakt aber nicht ge­-sucht. «Ich wollte nicht dazwischen­funken.» Dann kamen die beiden auf Bärtschi zu. Seither pflegen alle Drei den Kontakt. «Es ist schwierig, das zu ­erklären oder in Worte zu fassen.» Umso wichtiger sei für sie die Musik als ­Ausdrucksmittel, in die ihre Geschichte einfliesst. «Das kommt in meinen Songtexten vor. Meine Musik soll mit meiner Gefühlswelt zu tun haben. Das macht sie authentisch.»

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