Im Gespräch
07.10.2020

Selbst ist die Frau, im Bau und am Berg

Shoshana Huber liebt altes Bauhandwerk und den Laufsport. (Bild: mim)

Shoshana Huber liebt altes Bauhandwerk und den Laufsport. (Bild: mim)

Shoshana Huber liebt das alte Bauhandwerk, rennt gerne die Berge hoch und lebt möglichst nachhaltig. Nun möchte sie die Menschen befähigen, selbst eine Reparatur oder Renovation am Haus vorzunehmen.

Von: Mirjam Wetzstein

Ein dunkler, schmaler Gang führt vom Eingang direkt durch das alte Bauernhaus hindurch in den Anbau auf der Rückseite. Das deckenhohe Fenster mit den zahlreichen schwarzen Sprossen ermöglicht einen Blick in den weitläufigen, naturnahen Garten. «Gemeinsam mit meiner Mutter habe ich im Sommer die Fassade unseres Hauses erneuert», erzählt Shoshana Huber während sie ein Glas frisch gepressten Apfelsaft auf den Tisch stellt. Bauarbeiten sind der 32-Jährigen keineswegs fremd. «Mein Vater war Maurer», erklärt die Trimbacherin in Richtung Basel zu verortenden Dialekt.

Die Aussenseiterin

Die Eltern hätten in Basel gelebt, doch mit der Geburt der gemeinsamen Tochter wuchs der Wunsch nach einem eigenen Haus. «In Basel war ein solches jedoch nicht finanzierbar, weshalb meine Eltern ein kleines Objekt im Elsass kauften», erklärt Huber, wieso sie in Frankreich aufgewachsen ist und fügt lachend an: «Da mein Vater ein begeisterter Handwerker war, sah es bei uns zu Hause stets wie auf einer Baustelle aus. Die Kindheit im Elsass sei jedoch nicht immer leicht gewesen. «Als Schweizerin war ich für die Elsässer eine Fremde», erklärt Huber. Zudem lebten die Eltern ein möglichst einfaches Leben. «Ich hatte nie die neusten Kleider oder ein Natel», so Huber. «Auch wenn es nicht immer leicht war die Aussenseiterin zu sein und ich dies von meinen Mitschülern auch zu spüren bekommen habe, trug ich keinen Schaden davon», erzählt die aufgeweckte junge Frau augenzwinkernd. Im Gegenteil scheint sie diese Erfahrung stärker und selbstbestimmter gemacht zu haben. «Ich konnte auch von meiner Kindheit im Elsass profitieren. Durch meine Französischkenntnisse habe ich einen einfacheren Zugang zu Fremdsprachen bekommen. Momentan lerne ich gemeinsam mit meiner Mutter, mit der ich seit dem Tod meines Vaters in einer Wohngemeinschaft lebe, täglich eine Stunde Holländisch.»

Wanderjahre im Ausland

Sie sei sich zuerst nicht sicher gewesen, ob sie überhaupt studieren möchte. «Physik und Philosophie hätten mich nach der Schule interessiert», erzählt Huber, die schliesslich ein paar Wanderjahre absolvierte. «Ich bin wohl in die Fussstapfen meiner Mutter getreten, als ich für ein Jahr im Gastgewerbe im Engadin tätig war. Ich merkte jedoch rasch, dass diese Berufssparte nicht zu mir passt.» Es folgte ein Engagement bei einem Umweltschutzprojekt in Barcelona und zwei Aufenthalte in Frankreich im Bio-Gemüseanbau sowie ein Alpsommer. Während dieser Zeit bastelte die junge Frau gerne an alten Autos und erlernte das Schweisserhandwerk. «Daraus ergaben sich fragen an den Maschinenbau, weshalb ich mich schliesslich für das Maschinenbaustudium entschied», erzählt Huber. Ermutigt durch ihren Professor hängte sie nach dem Bachelor-Abschluss das Masterstudium an, das sie 2015 abschloss. «Während dieser Zeit habe ich an einem EU-Forschungsprojekt mitgearbeitet, bei dem wir ein Werkzeug mit dem Laser herstellten», erzählt die Ingenieurin. Aufgrund dessen wurde Huber direkt nach ihrem Studium von einer Firma angeworben. «Dadurch erhielt ich die Möglichkeit nach Japan und Amerika zu reisen sowie die Städte Kopenhagen und Oxford zu besuchen.»

Laufen als zweite Leidenschaft

Während eines solchen Amerika-Aufenthalts hat Huber ihre zweite Leidenschaft neben dem Bau entdeckt. «Ein Kollege hat mich in Utah zu einem Berglauf mitgenommen. Anfänglich fand ich Joggen blöd und hatte erst kurz zuvor etwas ernsthafter mit dem Rennen begonnen. An diesem Lauf hat es mir völlig den Ärmel reingenommen», erzählt Huber begeistert. Seither rennt die 32-Jährige regelmässig, insbesondere die Bergläufe haben es ihr angetan. «Im 2017 habe ich als Stellvertretung für eine Kollegin am «Scenic Trail» im Tessin mit nahezu 4000 Höhenmeter teilgenommen und das klappte ganz gut», meint Huber schmunzelnd. Aber auch Triathlon steht auf dem Programm. Dies bezeugen die verschiedenen Rennräder und Joggingschuhe, die im Anbau stehen. Daneben praktiziert die Trimbacherin Yoga und Pilates. «Diese drei Sportarten unterstützen einander optimal», ist Huber überzeugt, die nun im Sommer die Kurzausbildung zur Erwachsenensportleiterin im Bereich Berglauf und Trail abgeschlossen hat.

Alte, nachhaltige Bauweise

Nachdem in ihrer Firma unbezahlter Urlaub nicht möglich war, kündigte Huber Mitte 2018 ihre Stelle. «Mein Wunsch war es, ein Problem am Haus selbst beheben zu können. Aus diesem Grund habe ich mir in den vergangenen Jahren verschiedenes Handwerk selbst beigebracht. Dafür habe ich neue und alte Quellen durchgeackert, mit Fachpersonen gesprochen und viel ausprobiert», erzählt Huber. Die junge Frau interessiert sich insbesondere für die alte Bauweise und den nachhaltigen Bau. «Ich beschäftige mich mit den Möglichkeiten, welche einem die alte Handwerkskunst im nachhaltigen Bauen eröffnen. Früher wurde ökologischer, heisst auch mit mehr regionalem Baumaterial gebaut als heute, wo vermehrt auch Zusätze wie Kunststoff verwendet werden», zeigt Huber auf. Sie versuche ausserdem, wenn immer möglich, ohne Elektrizität zu arbeiten und nachhaltig zu leben. Dies jedoch nicht ohne Kompromisse. «Ich bin nicht fern der Gesellschaft, aber auch nicht ganz drin», beschreibt Huber ihren Lebensstil.

Ein frisches Konzept

Nachdem sie ihre Lehrjahre mit der Erarbeitung von Kalkputz-Techniken, dem Erstellen von Leinölfarben, Lehmbau, Ofenrestaurationen und Drechselarbeiten sowie weiterem Handwerk abgeschlossen hat, möchte Huber nun ihr Wissen weitergeben. «Ich möchte Personen befähigen, eine Reparatur an ihrem Haus selber auszuführen», erklärt die 32-Jährige. Dies solle keine Konkurrenz gegenüber Handwerkern sein. Dasselbe gelte im Sport: Gerne coache sie beispielsweise die Lauftechnik oder helfe beim Konditionsaufbau. «Bei beiden Bereichen ist mir eine individuelle Betreuung der Person wichtig», betont Huber, die ein eigenes Bezahlmodell erarbeitet hat. «Der Preis ergibt sich aus meiner Leistung, dem Organisationsaufwand und dem Wissen, das ich eingebracht habe. Den Preis bestimmt aber auch, wie viel der Kunde selbst geleistet hat. Ausserdem sind seine finanziellen Mittel entscheidend», erklärt Huber das Modell und fügt an: «Ich bin überzeugt, dass wir ein frisches Konzept für unser wirtschaftliches Zusammenleben probieren müssen.» Für dieses Projekt gibt sich Huber ein Jahr Zeit. Und was steht als Nächstes an? «Ich möchte einen Ofen bauen, die Berechnung habe ich bereits vorgenommen», erzählt sie und lächelt.

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