Im Gespräch
17.03.2021

Rebellin im Hosenanzug

Die kreative Anita Rickli Lack vor einem ehemaligen Oltner Trafoturm, der einen Teil des heimischen Gartens ausmacht. (Bild: Denise Donatsch)

Die kreative Anita Rickli Lack vor einem ehemaligen Oltner Trafoturm, der einen Teil des heimischen Gartens ausmacht. (Bild: Denise Donatsch)

Anita Rickli Lack Sie erinnert sich, ein wildes Kind gewesen zu sein, welches frei wie der Wind auf einem Härkinger Bauernhof aufgewachsen ist. Heute wohnt sie in Olten und arbeitet seit 25 Jahren im Heilpädagogischen Schulzentrum (HPSZ) in Olten.

Von: Denise Donatsch

Im Wohnzimmer der Familie Rickli Lack, deren Haus am Ufer der Oltner Dünnern liegt, steht ein imposantes Büchergestell. Bei näherer Betrachtung entdeckt man viele bekannte Titel und Autoren, darunter auch Friedrich Glauser. «Glauser war eine meiner Lektüren, die ich während meiner Ausbildung zur Kindergärtnerin gelesen habe», bemerkt Anita Rickli Lack und erwähnt, dass sie es liebe, von Büchern umgeben zu sein. Insbesondere Kriminalgeschichten hätten es ihr angetan, jedoch nicht bloss in Buchform, sondern auch am Bildschirm. «Am Sonntagabend bin ich für die Aussenwelt nicht erreichbar, dann schaue ich nämlich den Tatort.» Bei diesem seit Jahren gefrönten Ritual liesse sie sich wirklich nur sehr ungern stören.

Neben ihrer Passion für Geschichten rund um die düsteren Seiten des Menschen, hat die 1970 geborene Frau auch eine ausgeprägt ästhetische Ader, was man dem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer unschwer entnehmen kann. «Ich bin grundsätzlich eine kreative Person, die es liebt an neuen Ideen und Möglichkeiten herumzutüfteln.» Dies aber nicht nur in jenen Bereichen, in denen es um Design und um die Verschönerung der Dinge geht, sondern auch im sozialen Bereich, wo neue, unkonventionelle Lösungswege gefragt sind.

Gerade deshalb sei sie auch so gerne in ihrem Beruf als Heilpädagogin am HPSZ Olten tätig. Dort treffe sie nämlich täglich auf die verschiedensten Situationen und müsse, um ihren Schülerinnen und Schülern gerecht werden zu können, immer wieder neue Unterrichtsstrategien ausprobieren. «Mir wird grundsätzlich sehr schnell langweilig, wenn ich zu wenig Abwechslung habe.» In ihrem Beruf sei dies jedoch überhaupt nicht der Fall.

An ihrem Arbeitsplatz habe sie glücklicherweise ganz unterschiedliche Aufgabenbereiche zu erfüllen. Nebst den üblichen Schulfächern wie Mathematik und Deutsch, unterrichte sie beispielsweise an der institutsinternen Oberstufe auch das Fach Hauswirtschaft. «Das macht mir grosse Freude, da ich den Jugendlichen auf diesem Weg praktisches Wissen weitergeben und sie teilweise sogar auf eine mögliche berufliche Tätigkeit vorbereiten kann.» Einige der Schülerinnen und Schüler würden nämlich im Anschluss an ihre schulische Ausbildung am HPSZ gerne in den Bereichen Gastronomie und Hauswirtschaft arbeiten. Dabei mitzuwirken, Jugendliche mit Behinderung auf dem Weg dorthin zu begleiten, ist für Rickli Lack deshalb eine besonders erfüllende Aufgabe.

Inklusion als Normalität

Den Ursprung ihrer Affinität für den heilpädagogischen Beruf vermutet die zweifache Mutter in ihrer Kindheit. «Ich bin auf einem Bauernhof in Härkingen aufgewachsen, und mit uns auf dem Hof lebte Ernst, ein Mann mit einer geistigen Behinderung.» Ihr Grossvater habe ihn in den 30er-Jahren bei sich aufgenommen. Für sie sei es somit von Geburt an völlig normal gewesen, dass auch Menschen mit Behinderung Teil des alltäglichen Lebens sind. «Ernst hat mit uns gegessen, hat im Stall gearbeitet, er war einfach Teil der Familie.»

An eine Situation kann sich die leidenschaftliche Wohnzimmer-Tänzerin besonders gut erinnern. «Einmal sassen Ernst und ich zusammen auf dem Kachelofen in der Stube, und ich brachte ihm auf einer Schiefertafel bei, seinen Namen zu schreiben.» Rickli Lack glaubt noch heute, dass genau solche Situationen sie tief geprägt hätten und dass sie auch deshalb von Kindesbeinen an wusste, dass sie einen pädagogischen Beruf erlernen möchte.

Rebellin im glänzendblauen Hosenanzug

Weil es in Rickli Lacks Jugend während der 80er-Jahre noch nicht möglich war, direkt nach der obligatorischen Schulzeit ins Kindergärtnerinnenseminar einzusteigen, absolvierte sie ein Zwischenjahr. Bei dieser Gelegenheit besuchte sie die bäuerliche Hauswirtschaftsschule am Wallierhof in Riedholz. «Dies war eine interessante Erfahrung, ich blieb aber meinem Weg treu und strebte die Ausbildung zur Kindergärtnerin an.»

Sogar etwas rebellisch zeigte sie sich, als sie innerhalb dieses Jahres eine Tracht hätten nähen sollen. «Erstens besass ich schon eine wunderschöne Tracht, zweitens wollte ich etwas Modernes nähen.» So kam es, dass sie sich einen für diese Zeit ultramodernen, blauglänzenden Hosenanzug mit dicken Schulterpolstern anfertigte, was wohl bei einigen Mitschülerinnen für Staunen gesorgt haben dürfte. Jedenfalls bereut die aktive Frau, die auch gerne mit Werkzeug hantiert, keine Sekunde, dass sie sich für den pädagogischen Weg entschieden hat und freut sich auch heute noch auf viele weitere Herausforderungen.

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