Im Gespräch
14.04.2021

Time Out als Chance

Die Leute hinter «motti»: (v.l.) Matthias von Arx, Fabienne Hurni und David Bieli. (Bild: zvg)

Die Leute hinter «motti»: (v.l.) Matthias von Arx, Fabienne Hurni und David Bieli. (Bild: zvg)

Jugendförderung Kinder, die von der ­Schule gewiesen werden, sollen nicht sich selber überlassen sein. Das gilt auch für Jugendliche ohne Anschlusslösung. Das Jungunternehmen «motti» aus Trimbach will hier ab Sommer Hand bieten.

Von: Franz Beidler

Was wird eigentlich aus Kindern, die von der Schule fliegen? «Time Out» nennt sich das in neudeutschem Jargon: Wer den Unterricht erheblich stört, kann vorübergehend der Schule verwiesen werden. Bis zu zwölf Wochen am Stück. Pro Schuljahr. Was machen die Kinder also in dieser Zeit?

Das fragten sich auch Fabienne Hurni und Matthias von Arx. Die Trimbacher Sozialpädagogen arbeiteten zusammen in einem Kinderheim mit angeschlossenem Landwirtschaftsbetrieb. Auf diesem pflanzen die Kinder den Garten an, jäten Unkraut, füttern die Tiere, misten den Stall oder flicken auch mal einen Zaun. «Die Arbeiten auf einem Bauernhof sind sehr vielfältig», weiss von Arx. Schnell wurde ihm klar: «Das hat pädagogisches Potenzial.» Zu diesem Schluss kam der heute 32-Jährige dann auch in seiner Abschlussarbeit der Ausbildung zum Sozialpädagogen.

Ganz ähnlich Hurni: Die 28-Jährige schloss ihren Bachelor in Sozialer Arbeit mit einer Arbeit über Landwirtschaft und deren Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung von Kindern ab.

So kamen von Arx und Hurni auf die Idee, Kindern im Time Out die Möglichkeit zu geben, sich in der Landwirtschaft zu betätigen. «Das war eigentlich der Startschuss zu «motti»», blickt Hurni zurück. Sie und von Arx erzählten David Bieli davon. Der 36-Jährige hatte zu Beginn des Jahres 2019 die «Kinder- und Jugendförderung Bieli GmbH» gegründet, nachdem er lange in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Trimbach tätig gewesen war. «Ich war damals auf der Suche nach Ideen, die sich unter dem Dach der Firma umsetzen lassen», erinnert er sich. Hurnis und von Arx’ Vorschlag stiess bei Bieli auf offene Ohren.

«Wir arbeiteten wild darauf los»

Im Sommer 2019 begannen die drei, das Konzept auszuarbeiten. «Wir arbeiteten wild drauf los», erinnert sich Hurni lachend. Das heranwachsende Projekt brauchte nun einen Namen. «motti leitet sich ab von Motivation», erklärt Hurni. «Und das Doppel-T sieht aus wie eine Brücke.» Damit ist der Leitgedanke im Namen verewigt: Eine Zeitspanne, die motiviert und Brücken schlägt.

Bald erhärtete sich auch der Verdacht, dass im bisherigen Verfahren eine Lücke besteht. «Jede Schule, die wir gefragt haben, kennt die Schwierigkeiten mit den Time Outs», berichtet Hurni. Denn dem ausgeschlossenen Kind fehlt eine Tagesstruktur. «In diesen extremen Fällen brauchen die Schulen aber eine Verschnaufpause», gibt Hurni zu bedenken. Oft kämen die betroffenen Kinder eh schon aus einem schwierigen Umfeld. «Umso mehr brauchen sie Unterstützung.» Ähnlich geht es Jugendlichen, die nach der obligatorischen Schulzeit keine Anschlusslösung finden: Sie stehen genau dann unter besonderem Druck, wenn sie eh schon in Schwierigkeiten stecken.

Bei der Arbeit begleiten

«motti» begleitet Kinder bei der landwirtschaftlichen Arbeit, Jugendliche bei der Arbeit in einem Einsatzbetrieb. Die Betriebe übernehmen die fachliche Anleitung, «motti» die soziale. So haben die Kinder und Jugendlichen immer zwei Ansprechpersonen. Anstatt in der Schule zu sitzen, arbeiten sie mit Erwachsenen zusammen. Die Jugendlichen sprechen ihren Lohn bei jeder Auszahlung mit den Betrieben ab. Im Gespräch wird die Leistung gemeinsam mit dem Betrieb und «motti» besprochen. So lernen die Jugendlichen, sich einzuschätzen.

Diese Gespräche verlangen von den Vorgesetzten Fingerspitzengefühl. Nicht zuletzt deshalb legt «motti» Wert darauf, die jeweiligen Verantwortlichen persönlich zu kennen. «Ebenso, wie die Jugendlichen leiten wir auch die Betriebe an», erklärt von Arx. «Der Einsatz soll auch für sie ein Gewinn sein.»

Die Schwierigkeit der Finanzierung

Im Herbst des letzten Jahres war «motti» schliesslich so ausgereift, dass Hurni, von Arx und Bieli damit an der Swiss Startup Challenge der Fachhochschule Nordwestschweiz teilnahmen – für Sozialunternehmen eher selten. «motti» belegte überraschend den neunten Platz. «Das war sehr gross für uns», erinnert sich Bieli. Nun stand fest, dass «motti» im Jahr 2021 starten soll.

«Die grosse Schwierigkeit ist die Finanzierung», sagt Bieli zum geplanten Start im kommenden Sommer. Vier Betriebe sind von «motti» bereits überzeugt, für acht Jugendliche wären Kapazitäten vorhanden. In einer ersten Phase will sich das Projekt aus Stiftungsgeldern finanzieren. «Damit können wir den Beweis erbringen, dass «motti» funktioniert», erklärt Bieli. So sollen später auch Kanton und Gemeinden das Angebot nutzen. Die Time Outs in den Schulen sind oftmals Vorboten von schwierigen Lebensläufen. «‹motti› bedeutet einen vergleichsweise kleinen finanziellen Aufwand für eine nachhaltige Integration in die Arbeitswelt.»

www.motti.info

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