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28.04.2021

Das Feuer lodert und gewinnt an Kraft

Sozialpädagogin Patricia Wälti liebt die Arbeit mit Tieren und Pflanzen auf dem elterlichen Hof in Walterswil. Hier verwöhnt sie ihre beiden Ziegen Vitus und Lea. (Bild: Achim Günter)

Sozialpädagogin Patricia Wälti liebt die Arbeit mit Tieren und Pflanzen auf dem elterlichen Hof in Walterswil. Hier verwöhnt sie ihre beiden Ziegen Vitus und Lea. (Bild: Achim Günter)

Im Gespräch Patricia Wälti wohnt auf einem Bauernhof ausserhalb von Walterswil. Gerne würde sie dereinst ihre prägende Herkunft als Bauerntochter mit ihrem Beruf als Sozialpädagogin kombinieren.

Von: Achim Günter

Ich denke es nur, sie spricht es aus. «Es ist ein Ort, an dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.» Sie meint es liebevoll. Der Ort, den Patricia Wälti so treffend charakterisiert, ist ihr Zuhause – seit eh und je. Wegzuziehen fiele ihr sehr schwer: «Manchmal hadere ich damit, wenn ich daran denke, ich müsste hier mal weg. Hier wird mir nie langweilig, auch als Kinder war uns nie langweilig.»

Die heute 26-Jährige ist auf einem Drei-Generationen-Bauernhof aufgewachsen, zusammen mit einem zwei Jahre jüngeren Bruder und einer fast sechs Jahre jüngeren Schwester. Der Betrieb liegt an der Südflanke des Engelbergs, allerdings in einer gegen Norden abfallenden, von Wäldern eingefassten Senke. Der für heutige Verhältnisse kleine Hof betreibt Mutterkuhhaltung mit gut 30 Tieren. Er befindet sich auf Walterswiler Gemeindegebiet, ist aber ein ganzes Stückchen vom Dorfzentrum entfernt. «Für mich war die Kindheit hier enorm schön. Wir konnten in der Natur alles machen, was wir wollten», schwärmt Wälti. Sie hätten überall Hütten gebaut, oft draussen gespielt, die Tiere umsorgt.

Letzteres macht Patricia Wälti noch heute. Neben den Kühen und Rindern gehören viele Katzen, Hühner und ein Hund zum Hof ihrer Eltern – sowie zwei betagte Ziegen. Vitus und Lea sind 13-jährig, haben Wälti deren halbes Leben lang begleitet. Beide sind gesundheitlich angeschlagen, das Ende wohl nicht mehr allzu fern. Der Gedanke daran stimmt die Bauerntochter traurig.

Den Schritt ins Unbekannte gewagt

Trotz unbeschwerter Jugend mit unzähligen positiven Erinnerungen: Sie hätten als Kinder auch oft anpacken müssen, erinnert sich Wälti, die Mitglied eines Turnvereins ist, gerne mit dem Bike umherstreift und Paartanz betreibt. «Aber ich habe das sehr gerne gemacht. Nach getaner Arbeit bekamen wir einen Landjäger und ein Stück Brot überreicht und vergassen schnell wieder, dass es sehr anstrengend gewesen war», sagt die 26-Jährige und lacht. Nach der obligatorischen Schulzeit, die sie grösstenteils in Safenwil absolviert hat, machte sie eine Lehre als Detailhandelsangestellte bei der Landi in Kölliken. Bei Begegnungen mit Kunden merkte sie, dass sie sich gerne vertieft mit Menschen beschäftigen würde. «Mir fielen Leute auf mit Problemen oder einfach mit Redebedarf.» Sie wagte den Schritt ins Unbekannte und begann ein einjähriges Praktikum als Sozialpädagogin. «Ich dachte, wenn es nichts ist für mich, gehe ich zurück in die Landi.»

Doch Patricia Wälti blieb ihrem neuen Beruf treu. Sie liess sich zur Sozialpädagogin ausbilden, zuerst in einem Wohnheim für Menschen mit kognitiver und körperlicher Beeinträchtigung, danach in einer Einrichtung für Menschen mit schweren Autismus-Spektrum-Störungen. Sie pendelte zwei Jahre beinahe täglich von Walterswil in die Umgebung von Basel. Seit letztem Sommer und dem Abschluss der Zweitlehre arbeitet sie in Aarau in einem Wohnheim für psychisch kranke Frauen in einem 80-Prozent-Pensum. Man müsse in einem solchen Job darauf achten, seine Batterien regelmässig aufzuladen. «Dann helfe ich auf dem Bauernhof, bestelle den Garten, kümmere mich um die Tiere. So stelle ich meine Balance wieder her und sammle Geduld für die nächste Arbeitswoche.»

Inzwischen sind wir nicht mehr allein auf dem Gartensitzplatz. Katze Cindy leistet uns Gesellschaft, mal kriegt sie Streicheleinheiten von Patricia Wälti, mal sucht sie auf meinem Schoss Zuwendung. Es sind alltägliche Situationen wie diese, welche im Hinterkopf der Sozialpädagogin eine Vision spriessen lassen. Es sei bekannt, führt Wälti aus, dass Pflanzen oder Tiere über enorme Ressourcen verfügten, um Menschen zu heilen. «Die Vision wäre, dass hier im Garten dereinst Menschen, die mit einer Beeinträchtigung leben, oder Kinder mit schwierigen Lebensumständen unter Begleitung etwas anpflanzen oder sich um die Tiere kümmern könnten.»

Wird aus der Vision dereinst Realität?

Wälti hat auf dem elterlichen Bauernhof eine eigene Wohnung bezogen, bald wird ihr Freund bei ihr einziehen. Und da weder er noch ihre Geschwister Landwirte sind, «müsste man den Hof irgendwann mal umfunktionieren können. Das wäre mein Traum.» Sie weiss, dass das momentan nicht viel mehr als ein Wunsch für die Zukunft ist. «Es braucht dafür Erfahrung. Und es braucht vor allem auch eine Institution, die Unterstützung bietet.» Über beides verfügt Patricia Wälti noch nicht. Aber die gedankliche Saat ist gelegt. «Es brennt ein Feuer in mir, um das, was ich in der Kindheit erlebt habe, anderen mitzugeben.» Durchaus möglich also, dass aus der Vision dereinst Realität wird und der Hof in der schattigen Senke, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, eines Tages eine andere Bestimmung erfahren wird.

 

Diese Person möchte ich gerne mal treffen

Die ist schon gestorben. Freddie Mercury hätte ich gerne mal getroffen. Er war ein sehr spezieller Vogel, hatte kein einfaches Leben, glaubte aber sehr stark an sich und gab nie auf.

So entspanne ich mich am besten

In der Natur und bei den Tieren. Und auch in den Bergen.

Dieses Verhalten ärgert mich

Arrogantes, selbstverliebtes Auftreten.

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