Im Gespräch
06.02.2019

Vom Containern zur «RestEssBar»

Raphael Schär ist überzeugt, dass das kleinstädtische Olten mehr zu bieten hat als einen möglichst tiefen Steuerfuss. (Bild: Sonja Furter)

Raphael Schär ist überzeugt, dass das kleinstädtische Olten mehr zu bieten hat als einen möglichst tiefen Steuerfuss. (Bild: Sonja Furter)

Raphael Schär trinkt Kaffee mit Hafermilch, kocht Gerichte mit Blut und serviert Insekten auf dem Teller. Im Gespräch verrät er, warum er sich einen «Kampagnenbart» wachsen lässt.

Sonja Furter

Lemuren äugen von den Fotografien an der Wand auf den Esstisch, auf dem ein Tetra-Pack Hafermilch für den Kaffee bereitsteht. «Bei meiner Reise auf Madagaskar vor vier Jahren habe ich diese Lemuren, sowie Geckos und Chamäleons im Regenwald entdeckt», erzählt der Maschinenbauingenieur und Grünen-Politiker Raphael Schär. Um mit der madagassischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen, haben er und seine Ehefrau die lokalen Busse und die Züge auf der Insel benutzt. «In den Bussen sitzen die Passagiere sehr eng. Jenseits dessen, was in der Schweiz erlaubt wäre. Dadurch sind aber sehr spannende Begegnungen entstanden», erzählt Schär mit einem Schmunzeln. Dass er auf das Flugzeug gesetzt hat, um auf den achten Kontinent zu reisen, gibt der Politiker unumwunden zu. «Ich habe die dadurch verursachte CO2-Emission auf «My Climate» kompensiert. Aber natürlich ist das eine Art moderner Ablasshandel, auf den ich angesichts der Klimakrise nicht stolz bin. Darum war es wohl eine der letzten Lang-streckenreisen. In Europa geht sowieso alles mit dem Zug – auch bis nach Lappland in Nordschweden.» Das Klischee, dass er als «Grüner» sicher konsequenter Vegetarier sei, widerlegt er teilweise. «Ich bin Flexitarier.» Vom Tier verwende er vor allem die Innereien und verzichte auf den Kauf von Edelstücken. Und wenn im Restaurant auf einem Teller Reste eines Fleischgerichtes übrig blieben, esse er diese auf. «Lebensmittel wegzuwerfen schmerzt mich mehr, als Fleisch zu essen», sagt der Politiker.

Vier Richtige im Lotto

Geboren ist Schär in der aargauischen Stadt Brugg. Mit nur acht Tagen ist er nach Grabs im St. Galler Rheintal gezogen. «In diesem Dorf an der Grenze zum Fürstentum Liechtenstein am Fusse von Bergen um die 2000 Meter über Meer bin ich aufgewachsen.» Als Ältester von vier Geschwistern hat er dort eine unbeschwerte Kindheit verbracht. «Allerdings habe ich als sechsjähriger mal ein Auto zerkratzt. So zumindest haben es meine Eltern mir erzählt. Ich interpretiere das so, dass sich damals schon bei mir eine frühkindliche Abneigung gegen Autos gezeigt hat», sagt Schär schmunzelnd. An der Kantonsschule hat Schär das Schwerpunktfach Bio-Chemie gewählt, sich dann aber für das Studium zum Maschinenbauingenieur entschieden. Seine drei Brüder sind zwei Jahre jünger als er und Drillinge. «Als Zahleninteressierter hat mich die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines solchen Ereignisses interessiert. Die Wahrscheinlich- keit, mit Drillingen schwanger zu sein, liegt bei 1:7’000 oder bei 0,01%. Das entspricht ungefähr der Wahrscheinlichkeit für vier Richtige im Lotto. Der berühmte Lotto-Sechser hingegen ist mit 0,0000064% sehr viel unwahrschein-licher als Eltern von Drillingen zu werden.»

Frische Früchte

Mit seinen WG-Kollegen vom Studium ist Schär zum ersten Mal «containern» gegangen. «Als ich in den Container einer Denner-Filiale hinein geschaut habe, fand ich vor allem krass, wie viel darin war.» Etwas naiv habe er nicht viele entsorgte Lebensmittel erwartet. «Einige Früchte waren noch so frisch, dass ich direkt hätte hinein beissen können.» Diese Erfahrung hat entscheidend dazu beigetragen, dass Schär die «RestEssBar», einen öffentlichen Kühlschrank und ein Umweltprojekt, in Olten mitbegründet hat. «Wir bieten den Läden eine Alternative zum Wegwerfen von abgelaufenen Lebensmitteln.» Auch die Hafermilch für den Kaffee stamme aus der «RestEssBar», verrät Schär. «Von einigen Geschäften wurden wir gefragt, ob die Kunden dann nicht einfach zu uns statt zu ihnen kämen.» Eine Sorge, die Schär für unbegründet hält. «Lebensmittel wegzuwerfen ist für sie auch mit Kosten verbunden. Wenn sie am Ende eines Tages so viel weg-werfen, dass sie eine Umsatzeinbusse erleiden, wenn sie es der «RestEssBar» übergeben, dann war die Mengen-planung schlicht falsch.»

Alle Himmelsrichtungen

Als gebürtiger Aargauer und Ostschweizer durch Prägung lebt Schär heute in Olten im Kanton Solothurn. «In vier verschiedenen Himmelsrichtungen gelangt man von der Dreitannenstadt aus in einen Wald», zeigt er sich begeistert. Es gebe nichts, was ihm im kleinstädtischen Olten fehle. «Ich bin auch nie als Zuzüger abgestempelt worden.» Da er kein Auto besitze und auch keines wolle, sei der Bahnhof Dreh- und Angelpunkt. Als er noch an der Baslerstrasse «zmitzt im Chueche» gewohnt habe, sei er mit seiner Ehefrau bei Regen unter den Vordächern trockenen Fusses ins Kino Capitol gelangt. Er ist überzeugt: «Olten hat so viel mehr zu bieten als einen möglichst tiefen Steuerfuss.»

Der Kampagnenbart

In seiner Freizeit ist Schär gerne draussen, geht Wandern, Gummiboot-Fahren oder Tauchen. «Ebenfalls schätze ich die Experimentalküche.» So habe er einmal einen Blutkochkurs und einen Insektenkochkurs besucht. «Als ich jedoch morgens um zehn Uhr auf nüchternen Magen aus einer Schüssel Blut hätte kosten sollen, war die Grenze meiner Experimentierfreudigkeit erreicht», erinnert sich Schär lachend, der fasziniert davon ist, dass Blut beim Kochen ähnliche Eigen- schaften entfaltet wie ein Hühnerei. Momentan lässt er sich einen Bart wachsen, den «Kampagnenbart». «Es ist spannend, zu schauen, wie mein Umfeld darauf reagiert. Und für mich zu merken, ab welcher Länge die Haare anfangen zu stören.» Das Ziel sei es, den Bart bis mindestens zum 10. Februar wachsen zu lassen, jenem Tag, an dem über die Zersiedelungs- initiative abgestimmt wird. «Jedoch werde ich den Rasierer prophylaktisch in die Skiferien mitnehmen, falls mir Eiszapfen vom Bart hängen sollten.»

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