Im Gespräch
06.03.2019

«Niemand wollte der Schüler-Diddl sein»

Die Haare mit Gel zu Stacheln frisiert, ein Ring in der Nase und Piercings an den Ohren. Seinem Äusseren widmet der Primarlehrer Julian Spring jeweils die allererste Schulstunde. (Bild: S. Furter)

Die Haare mit Gel zu Stacheln frisiert, ein Ring in der Nase und Piercings an den Ohren. Seinem Äusseren widmet der Primarlehrer Julian Spring jeweils die allererste Schulstunde. (Bild: S. Furter)

Julian Spring wohnt an der Starrkircherstrasse in Olten. Im Gespräch verrät der Primarlehrer und Musiker, warum seine «Sheba»-Katzen kein Sheba-Futter bekommen.

Sonja Furter

Kurz vor dem Ellbogen windet sich eine tätowierte Linie um seinen rechten Arm. Gleich dahinter sind Punkte und Striche in die Haut ge-stochen. Es sind Morsezeichen mit einer geheimen Nachricht. «Nur meine Freundin und ich wissen, was der Morse-Code bedeutet», sagt Julian Spring mit einem verschmitzten Lächeln. Statt eines Verlobungsringes am Finger trägt der Lehrer ein Verlobungstattoo am Arm. «Das klassische sich-Ringe-anstecken hätte zu uns als Paar nicht gepasst.» Seine Freundin wohnt mit Spring zusammen in einer Wohnung an der Starrkircher- strasse in Olten. «Tatsächlich wohnen wir direkt an der Grenze zur Nachbargemeinde Starrkirch-Wil und die Strasse verläuft sozusagen über die Stadtgrenze hinweg», sagt der 28-Jährige und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: «Uns war aber wichtig, dass wir zur Oltner Seite gehören.»

Annäherungsversuchen ausgewichen

Ebenfalls zur Familie gehören die zwei Katzen der Rasse «British Shorthair.» Bekannt sind die grauen Katzen vor allem aus der Werbung für das «Sheba»-Futter. «Unsere Katzen haben leider einen empfindlichen Magen und bekommen deshalb kein «Sheba»-Futter, sondern das vom Tierarzt empfohlene», erzählt Spring lachend und ergänzt: «Dieses ist zwar sauteuer, aber das Katzenklo dankt es uns.» Dass Spring heute verlobt ist, hätte er selbst wohl am allerwenigsten gedacht. «Lange Zeit wollte ich gar keine Freundin und bin Annäherungsversuchen geschickt ausgewichen.» So hatte es seine heutige Verlobte nicht einfach. «Sie musste schon hart um mich kämpfen. Unser Kennenlernen ist darum keine klassische Liebesgeschichte.» Doch während es sich für Spring früher so anfühlte, als müsse er für zwei denken, sagt er heute: «Ich will für zwei denken.»

«Läli» der Lehrer

Aufgewachsen ist der 28-Jährige mit seinem drei Jahre älteren Bruder auf dem Allerheiligenberg in Hägendorf. Sein Vater war als Mechaniker bei einer Höhenklinik angestellt, die Mutter als Pflegefachfrau tätig. Bei der Wahl der Spielzeuge sei er wohl kein durchschnittliches Kind gewesen, lacht Spring. «Ich hatte Diddl-Figuren und Barbie-Puppen und veranstaltete mit den wenigen Nachbarskindern vom Berg in den dunklen Gängen im Keller der Klinik schon mal ein Rennen mit dem Rollstuhl.» Bereits als Kind habe er in jedem Freundschaftsbuch als Berufswunsch «Lehrer» angegeben. Als «Lehrer-Diddl» habe er Arbeitsblätter mit schwierigen Aufgaben erstellt, erzählt Spring und fügt lachend hinzu: «Natürlich wollte keines meiner Gspänli auf dem Berg Schüler-Diddl sein.» Ebenfalls in der Kindheit ist sein Spitzname «Läli» entstanden. Heute würden ihn fast alle so nennen. Einige seiner Freunde wüssten gar seinen richtigen Namen nicht. «Als ich ungefähr dreijährig war, habe ich meinen Bruder Dädibum und mich Lälibum genannt. Da im Kindergarten viele meinen richtigen Namen nicht verstanden haben, habe ich begonnen, mich mit Läli vorzustellen. Da fand ich es dann ok, wenn das Gegenüber noch einmal nachfragen musste.»

Klavier am Bahnhof

Seit «Läli» in Olten wohnt, hat er den Ort noch mehr schätzen gelernt. «Die Dreitannenstadt ist weder zu gross noch zu klein. Hier kennt man sich, aber nur, wenn man will.» Auch biete Olten viele verschiedene Geschäfte zum Einkaufen. «In der Stadt finde ich alles, was ich zum Leben brauche.» Besonders das Klavier am Bahnhof finde er «mega cool» und wenn ein Gitarrenspieler sich in einer Unterführung ein Plätzchen gesucht habe, freue ihn das auch. «Viele kennen von Olten nur den Bahnhof, da sie beim Umsteigen von Perron zu Perron hetzen.» In seiner Freizeit ist Spring viel mit Kollegen unterwegs, tanzt Salsa mit seiner Freundin oder beschäftigt sich mit Musik. Seine eigene Musikkarriere startete 2007 während der Kantonsschulzeit, als die Band «Rag Dolls» gegründet wurde. Weil Spring zufällig einen alten Bass zu Hause hatte, durfte er mitmachen. «Eigentlich habe ich Klavier gespielt und keine Saiteninstrumente. Aber für klassischen Rock war eben der Bass gefragt. Zum Glück ist er ein dankbares Anfänger-Instrument.»

Schmuck macht Schule

Seit der Auflösung der Band im Jahr 2014 spielt Spring in den beiden Formationen «Les Touristes» und «Neighbor». Daneben ist er in einem 70%-Pensum als Primarlehrer tätig. Seinen verschiedenen Piercings an Ohren und Nase widmet er jeweils die allererste Schulstunde. «Der Schmuck ist ein Überbleibsel aus meiner Teenie-Zeit, in denen jedes Jahr ein Piercing mehr dazu kam. Die Primarschüler finden es natürlich speziell. Wenn sie neu zu mir in die Klasse kommen, werde ich zuerst nur angegafft.» Besonders würde die Kinder interessieren, ob das Stechen weh getan habe. «Manchmal antworte ich als Scherz, dass es wie verrückt geblutet hat.» Nachdem die Fragen zu seinem Äusseren geklärt seien, beginne der eigentliche Unterricht. Er entspreche sicher nicht dem Bild des klassischen Lehrers. «Ich stehe mit allen Piercings und gänzlich wenig Verständnis für veraltete Knigge- und Kleiderregeln vor meiner Schulklasse. Ich will den Kindern zeigen, dass Vielfalt Platz hat und vieles möglich ist. Ich verkörpere nicht den «allmächtigen» Lehrer, sondern versuche, die Kinder durch Empathie und Humor für das Lernen zu begeistern.» An seinem Beruf liebe er, dass kein Tag wie der andere sei. «Ich mache zwar einen Plan. Doch dann hat ein Schüler seinen Finken verloren und ein anderer seinen Bleistift und wieder einer ist von seinem Banknachbarn getreten worden. Es kommt eben immer anders, als ursprünglich gedacht.»

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