Im Gespräch
27.03.2019

«Legt die Angst ab, etwas falsch zu machen»

Die Liebe zu Olten ist in den vergangenen neun Jahren gewachsen. Corina Bolliger hinter ihrem Haus im Garten, der genauso verwildert wie verwunschen ist. (Bild: Sonja Furter)

Die Liebe zu Olten ist in den vergangenen neun Jahren gewachsen. Corina Bolliger hinter ihrem Haus im Garten, der genauso verwildert wie verwunschen ist. (Bild: Sonja Furter)

Corina Bolliger schätzt an Olten das Unkonventionelle und Selbstgestrickte. Im Gespräch verrät sie, warum sie nicht schweigen kann und sich Exotik auf der Zunge gönnt.

Sonja Furter

Neben einem Altbau in der Oltner Innenstadt steht ein neongrünes Fahrrad im Schuppen, an der Haustüre prangt ein Aufkleber «Fotografieren verboten». Hier lebt Corina Bolliger in einer Wohngemeinschaft. «Der Aufkleber hängt schon lange dort und er ist absolut scherzhaft zu verstehen.» Denn während sie als Lehrerin den Unterricht vorbereitet, feilt im Zimmer nebenan die bekannte Slam-Poetin Lisa Christ an ihren Texten und widmet sich der dritte Mitbewohner Claude Hurni der Fotografie. Über den Altbau, der seit über zwei Jahren ihr Zuhause ist, sagt sie: «Alte Häuser haben ihren eigenen Charme, auch wenn sie viel Arbeit machen.» So sei auch nach einem Putztag nicht alles blitzblank und der Garten hinter dem Haus sei ebenso verwildert wie verwunschen. «Aber genau deshalb liebe ich diesen Hinterhof.»

Gitarrenklänge und Haarschere

Aufgewachsen ist Bolliger mit einem zwei Jahre jüngeren Bruder im aargauischen Oberkulm. Der Vater war von Beruf Bäcker, die Mutter gelernte Metzgerin. «Da erstaunt es wohl nicht, dass wir immer sehr gutes Brot und Fleisch gegessen haben.» Als Vierjährige hatte sie eine Brigitte Bardot-Frisur. Dies änderte sich beim Eintritt in den Kindergarten, den sie mit Kurzhaarfrisur und Gel in den Strähnen als «Igeli» besuchte. Als Kind wollte Bolliger Gitarrenlehrerin, Rockstar oder Coiffeuse werden. «Hauptsache, etwas Kreatives.» Gerne hätte sie Kundinnen und Kunden die Haare gefärbt oder Frisuren aufs Haupt gezaubert. Als die Berufswahl dann tatsächlich anstand, entschied sie sich jedoch für eine Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau im Dorfbeck in Oberkulm. Nach der Lehre holte sie die Matura nach und schrieb sich an der Pädagogischen Hochschule ein. «Noch nie habe ich so viel gelernt wie in dieser Zeit. Sowohl, was die Anzahl Stunden wie auch das Wissen betrifft.» Ihren Schülern will sie deshalb vermitteln, dass Wissen alles andere als verstaubt sei. «Kinder sind wie Schwämme, die alles aufsaugen.» Im schulischen Alltag erlebe sie als Lehrerin auch immer wieder lustige Situationen. Zum Beispiel, wenn sie genervt sage «das war jetzt echt mühsam!» und dann ein Kind frage: «Frau Bolliger, was heisst mühsam?»

Nicht schweigen

Nebst ihrem Beruf als Lehrerin ist Bolliger für die Junge SP engagiert und sitzt im Gemeinderat von Olten. «Dabei waren meine Eltern gar nicht politisch und aktuelle Abstimmungsvorlagen waren bei uns am Familientisch kein Gesprächsthema.» Politisiert worden sei sie vor allem durch «Punk-Rock-Lieder mit Botschaft» und durch die Ausschaffungsinitiave der SVP im Jahr 2010. «Viele Ausländer, die in der Schweiz leben sind in ihren Herkunftsländern auch Ausländer.» Bolliger redet sich in Fahrt, während sie das sagt. «Ein Türke, der in der dritten Generation in der Schweiz geboren wird, hat keine Verbindung mehr zu dem Land seiner Staatsangehörigkeit.» Ihre Mutter sage ihr oft, dass sie keine Nerven hätte, um an stundenlangen Sitzungen teilzunehmen. «Die habe ich ehrlich gesagt auch nicht immer», gibt Bolliger zu und lacht. «Aber ich kann auch nicht schweigen.»

Die Welle

Sich selbst beschreibt die junge Frau mit der runden Brille und den tropfenförmigen Ohrringen als leidenschaftlich und hartnäckig. «Und hoffentlich bin ich auch lustig», sagt sie lachend. In ihrer Freizeit steht die 28-Jährige gerne auf dem Surfbrett. Sie liebt das Salzwasser, den Strand und die blaue Farbe des Meeres. «Wenn ich eine Welle erwische, hat sich alle Anstrengung dafür gelohnt.» Auch schätze sie eine gute Küche: «Wobei ich lieber esse als koche.» Durch ihre Reisen in unterschiedliche Länder hat sie die verschiedensten Geschmäcker schätzen gelernt. «Ich gönne mir Exotik auf der Zunge.»

Bahnpunkt Null

Vom Aargau in den Kanton Solothurn ist Bolliger unter anderem wegen der guten ÖV-Verbin- dungen gezogen. Seit neun Jahren lebt sie nun in der Dreitannenstadt und sagt: «Hier habe ich sehr schnell Freunde gefunden.» Olten habe eine perfekte Lage. Durch den Bahnpunkt Null sei man schnell im Aargau, in Zürich oder Bern, «kann aber auch ohne Umsteigen nach Hamburg oder Mailand fahren.» Von ihren Freunden wurde sie immer wieder gefragt, warum sie in Olten wohne und ob das nicht gefährlich sei. «Für diese Einstellung habe ich wenig Verständnis. Es ist gerade das Unkonventionelle, Selbstgestrickte, das mir an der Stadt so gefällt.» Olten sei wie ein grosses Dorf und die Schützi wie eine grosse Familie. «Viele «Migranten» aus anderen Schweizer Städten finden hier ein Zuhause. Oltnerin bin ich nicht nebenbei, es ist eine bewusste Entscheidung.» Ihren Primarschülern sage sie immer wieder, dass sie Selbstvertrauen haben sollen. Den Oltnerinnen und Oltnern möchte sie darum sagen: «Seid stolz auf eure Stadt.» Viele Oltner würden sich durch die Vorurteile gegenüber ihrer Stadt gehemmt fühlen und sich manchmal nicht trauen, etwas anzupacken. «Deshalb: Legt die Angst ab, etwas falsch zu machen», betont Bolliger.

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