Im Gespräch
10.04.2019

«Ich habe eine naive Lust am Denken»

Voneinander, miteinander, nebeneinander. Drei wichtige Schlagworte im Leben von Student Jonas Frey. (Bild: Sonja Furter)

Voneinander, miteinander, nebeneinander. Drei wichtige Schlagworte im Leben von Student Jonas Frey. (Bild: Sonja Furter)

Jonas Frey wünscht sich einen offenen Diskurs zwischen Menschen, der verschiedenste Ansichten zulässt. Im Gespräch verrät er, warum der Bahnhof Olten und das Kulturlokal «Coq d’Or» für ihn das Tor zur Welt sind.

Sonja Furter

Er stellt gerne absolute, grundsätzliche Fragen. Solche wie diese: «Warum bin ich interessiert an der Fragestellung, wo wir als Gesellschaft herkommen?» Jonas Frey studiert an der Universität die Fächer Geschichte und Philosophie und sagt über sich selbst: «Ich habe eine naive Lust am Denken.» Um seine Gedanken zu ordnen greift der 23-Jährige gelegentlich zu Bleistift und Papier. Dabei entstehen oft lyrische und prosaische Texte. «Die Zartheit einer Poesie sagt mehr als ein Satz, den ich hier in diesem Interview sage. Es ist ein Gedicht über das Leben.» Nebst seiner Tätigkeit als Student organisiert Jonas Frey kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Polit-Podien und in naher Zukunft eine Literatur-Reihe im Coq d’Or. Das sei für ihn praktische, gelebte Geisteswissenschaft. Deshalb ist das «Coq» für ihn mehr als nur ein Kulturzentrum. Es ist für ihn eine Art zu Hause, das er auch als Treffpunkt für das Gespräch vorgeschlagen hat. Mit einem «Säntisbier» in der Hand philosophiert Frey in einem roten Sessel vor einer rot gestrichenen Wand sitzend über Gott und die Welt. Immer wieder läuft ein anderer Barbesucher an Frey vorbei und mischt sich spontan ins Gespräch ein. «Ich könnte dir stundenlang zuhören, wie du redest und Fragen beantwortest», sagt einer. Jonas Frey lächelt und meint, dass dies ein schönes Kompliment sei. «Hier im Coq treffe ich Menschen aus anderen Lebenswelten. Es sind Menschen, die ich sonst im Alltag nicht treffen würde.»

Philosophie der Existenz

Voneinander, miteinander, nebeneinander. Das sind wichtige Schlagworte in Freys Leben. Und ein Grund, warum er sich ausserparlamentarisch in der jungen SP Region Olten engagiert. «Politische Fragen waren in meinem Elternhaus omnipräsent. Ich habe sie quasi mit der Muttermilch aufgesogen.» Bereits in der Primarschule habe ihn die Frage beschäftigt, ob es einen Unterschied zwischen Schweizer Kindern und solchen von Ausländern gebe. «Ich selbst habe keinen Unterschied feststellen können.» Dass die Schweiz eine dynamische Verfassung hat, die nicht an fundamentale Grundsätze gebunden ist, empfindet er als positiv. «Auch wir Menschen sind dynamisch, verändern uns von Tag zu Tag.» Gefragt nach seinem Lieblingsphilosophen denkt er kurz nach. «Vielleicht der Existenzphilosophe Camus.» Aber so absolut lasse sich das nicht sagen. So sei er zum Beispiel kein grosser Fan von Kant, «aber ich mag gewisse Gedanken von ihm».

Schranken sprengen

In der Kleinstadt Olten mit gegen 20’000 Einwohnern im bürgerlichen Kanton Solothurn gelegen, sind für Frey zwei Orte die Tore zur Welt. Zum einen das Kulturlokal Coq d’Or und zum anderen der Bahnhof Olten. «Im Coq kommt die Welt zu mir. Ich treffe zum Beispiel auf Bandmitglieder aus den USA, aus Paris oder aus London, die mir aus ihrem Leben erzählen.» Das sprenge so manche Schranke in der eigenen Gedankenwelt. Der Bahnhof hingegen biete ihm die Möglichkeit, andere Lebenswelten aktiv zu entdecken. «Von Olten kann ich mit dem Zug direkt nach Berlin oder Mailand fahren.» Seiner Erfahrung nach befinden sich Oltnerinnen und Oltner oft in einem Verteidigungsmodus, weil sie sich gegen das neblige Stadt-Image behaupten müssten. «Meine These ist, dass Olten auch deshalb offener ist für alle, die hierher kommen wollen.» In Olten zu leben heisse für ihn nicht, sieben Tage die Woche hier zu sein. «Ich gehe gerne weg von Olten. Aber jedes Mal, wenn ich mit dem Zug zurückfahre, ist dies ein schönes Gefühl.» Ebenfalls mit dem Zug verbindet Frey ein Kindheitserlebnis. Der Jüngste von drei Kindern ist jeweils mit dem Nachtzug mit seiner Familie in den Süden Italiens gefahren. «Ich bin zum rhythmischen Rattern der Räder im dunklen Zug eingeschlafen. Als ich am nächsten Morgen im ruhigen Zugabteil aufgewacht bin, hat schon die Sonne Kalabriens durchs Fenster geblinzelt.»

Mauer vor dem Fenster

Sich selbst beschreibt Frey als reflektiert, engagiert und kritisch. «Auch Selbstironie darf nicht fehlen.» Mit Freunden besucht er gerne Konzerte und pflegt das Kochen und Essen als Freizeitbeschäftigung. «Auch lese ich gerne, schreibe, führe Streitgespräche und geniesse eine Diskussion bei einem guten Bier.» Besonders seine Ferienreisen nach Peru, Bolivien, Argentinien, Uruguay, Palästina und Israel hätten ihm vor Augen geführt, wie privilegiert er selber sei. «Als Schweizer bin ich es mir gewohnt, frei reisen zu können. In Palästina hingegen war ich mit bis zu acht Metern hohen Mauern konfrontiert, die mir die Schranken anderer im Kontrast zu meiner Freiheit vor Augen geführt haben.» Für die Zukunft der lokalen wie auch der globalen Politik wünscht sich Frey deshalb einen offenen Diskurs, in dem über alles gesprochen werden kann. «So viele Menschen wie möglich sollen ihre Meinung sagen können. Unabhängig von ihrer Einstellung, ihrer Herkunft oder ihrem sozialen Status.»

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