Im Gespräch
22.05.2019

«Ich kenne viele Oltner Stadtoriginale»

Vom Stammgast zum Kneipenwirt. Franz Käser posiert in Olten vor dem Eingang zur Paraiba Bar, «mim zwoite Dihei.» (Bild: Sonja Furter)

Vom Stammgast zum Kneipenwirt. Franz Käser posiert in Olten vor dem Eingang zur Paraiba Bar, «mim zwoite Dihei.» (Bild: Sonja Furter)

Franz Käser erzählt, wie er vom Stammgast zum Barkeeper in der Paraiba Bar wurde und warum der Ländiweg als Abbild der Oltner Bevölkerung verstanden werden kann.

Sonja Furter

Den Assoziationen, die sein Nachname Käser weckt, wird Franz nicht ganz gerecht. «Ich bin nicht so der Käsefreund», verrät der 38-Jährige Mitinhaber und Barkeeper der Paraiba Bar. So esse er hin und wieder Raclette, aber kein Fondue. Dafür möge er das Währschafte wie Rösti, Kartoffeln oder Bratwurst an der schweizerischen Küche. «Ich bin kein Patriot, aber in einem gewissen Sinn urschweizerisch.» Es ziehe ihn nicht weg von seinem Heimatland, nicht in die Ferne. Er lebt gerne hier. «Ich bin ein Stadtoriginal, das viele Oltner Stadtoriginale kennt.» Die Schweiz als Land werde für ihn nicht durch die Landesgrenze oder die Bundesverfassung definiert, sondern durch ihre Werte. «Ich denke da an den Fall eines Asylanten, der an einer fortgeschrittenen Leberkrankheit erkrankt war. Die Schweiz war das einzige Land, in dem er medizinische Behandlung erhalten hat.»

Fumoir im Lift

Franz Käser nippt an seiner Limonade, während er erzählt, die glimmende Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt. Hinter der schwarzen Lifttüre in der Paraiba Bar bietet ein Fumoir den Besuchern der Bar einen Platz zum Rauchen und Reden. Zwei Tage vor der Eröffnung warten die Toiletten noch auf ihre Reinigung. Eine Aufgabe, die Käser nicht ungern übernimmt.
Er mag das Handwerkliche, das Putzen der Bar. Jedoch betont er: «Kein Mensch will seinen Lebensunterhalt ausschliesslich mit dem Putzen von Toiletten verdienen müssen. Und ich bin weder gemacht für einen Job im Büro noch am Fliessband.» Zur Philosophie und Gesellschafts- wissenschaft ist Käser vor Jahren durch sein Interesse an Metaphysik gekommen. Dass er wohl nie Philosophie-Professor werde, sei ihm schon während des Studiums klar gewesen. «Das hätte zu meiner Lebenseinstellung und zu mir als Typ einfach nicht gepasst.»

«Paraiba, mis zwoite Dihei»

Geboren ist Käser als Jüngster von drei Kindern einer Schreinerin und eines Ingenieurs in Hägendorf. Schon als Kind und später als Jugendlicher sei Olten für ihn als Hägendörfer die Bezugsstadt gewesen. «Olten ist Industriestadt und Knotenpunkt zugleich. Auch ohne Flughafen führt der Lebensweg vieler Menschen durch Olten. Zum Beispiel beim Umsteigen am Bahnhof.» Auch empfindet Käser die Stadt als «abgefuckt» im Sinne von ehrlich. Und die Paraiba ist für ihn wie ein zweites Zuhause. «Paraiba, mis zwoite Dihei», zitiert er einen Werbeslogan. Auch der als Brennpunkt verschriene Ländiweg hat für ihn einen Reiz. «Dort treffe ich Punks an und begegne Eritreern genauso wie einem Schweizer Pärchen. Es ist ein Abbild der Oltner Bevölkerung.» Zum Kritikpunkt der Nebelstadt Olten sagt Käser: «Nebel haben wir halt. Und ja, manchmal schlägt er schon aufs Gemüt.»

Schlägereien als Teil der Arbeit

Nach dem Studium hat ihn sein beruflicher Weg nach Aarau geführt, wo er ein Praktikum im sozialen Bereich absolviert hat. «Männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund suchen Job.» Als Coach war es seine Aufgabe, die Männer bei der Lehrstellensuche zu unterstützen. «Kein Schul-abschluss, schlechte Noten oder Schlägereien unter den Jugendlichen mit Messer und Schlagring, das war Teil unserer Arbeit», hält Käser fest und gesteht sich ein: «Wenn ich die Jugendlichen einfach so im Alltag angetroffen hätte, hätte ich sie auch in eine Schublade gesteckt.» Durch sein Praktikum habe er aber gelernt, dass jeder Mensch etwas machen wolle, egal wie unmotiviert er sich nach aussen hin gebe. «Ich hatte Tränen in den Augen, als ein junger Serbe mir von seiner neuen Lehrstelle erzählt hat.»

Der Kreis schliesst sich

Als ein Kollege von ihm die Paraiba Bar vor dreizehn Jahren eröffnet hat, war Käser noch Stammgast. «Dass ich Barkeeper geworden bin, war nicht geplant. Es ist einfach passiert», resümiert er und ergänzt lachend: «Ich bin nicht der, der besonders gut Drinks mischt.» Er wirke eher im Hintergrund und fülle zum Beispiel die Getränkevorräte wieder auf. Seine Freizeit verbringt Käser gerne auf Hügeln, schwimmt, taucht und springt vom Sprungbrett. «Beim Besuch der Badi habe ich heute nicht mehr den Anspruch, einen ganzen Kilometer zu schwimmen. Die Freude an der Bewegung kommt vor dem sportlichen Ziel.» Auch verbringt er gerne Zeit mit Familie und Freunden, spielt Gitarre und singt dazu. «Aber nur im stillen Kämmerlein.» Für die Zukunft fasst Käser eine berufliche Veränderung ins Auge. «Das Nachtleben zehrt an den Kräften. Und auch mit Alkohol will ich nicht mehr arbeiten», sagt er. Zwar habe Alkohol durchaus auch positive Aspekte, «aber ich sehe tagtäglich, was Leute unter Alkoholeinfluss tun, was sie sonst nie tun würden.» Die Droge mache die Menschen ehrlicher und bringe sie dazu, viel zu reden und Persönliches preiszugeben. Auch privat wird sich in wenigen Wochen für Käser viel verändern: Er wird einen Pflegesohn aufnehmen. Deshalb zieht der 38-Jährige zurück zu seiner Mutter, welche ihn gemeinsam mit der Schwester bei der Betreuung unterstützen wird. In der Paraiba Bar wird Käser künftig noch in einem reduzierten Pensum tätig sein. Der Kreis schliesst sich: Der Philosoph zieht von Olten zurück nach Hägendorf und der Soziologe engagiert sich, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

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