Im Gespräch
14.08.2019

«Ich bin eine Oltner Konstante»

Rosa Bluse mit pinken Lippenstiften als Motiv: Die Oltnerin Esthy Wyss liebt Schuhe, Taschen und Modeschmuck. (Bild: Sue Baer)

Rosa Bluse mit pinken Lippenstiften als Motiv: Die Oltnerin Esthy Wyss liebt Schuhe, Taschen und Modeschmuck. (Bild: Sue Baer)

Esthy Wyss Hammele hat die kurzen Fingernägel gegen extravaganten Schmuck getauscht. Ein Gespräch über missverstandene Liedstrophen, ein breites Lächeln im Gesicht und die Freude am Leben.

Sonja Furter

Am elften November feiert Esthy Wyss ihren Geburtstag. Sie ist an einem Schnapszahlendatum am Martinstag geboren. Auf ihren Fünfzigsten stiess die Oltnerin am 11.11.2011 an. «Ich finde es Hammer», sagt Wyss über die besondere Ziffernfolge. Wäre sie ein Junge geworden, würde sie heute Martin heissen. Als Mädchen wurde sie eine Esther, dafür ist sie am Martinstag geboren und mit einem Martin verheiratet. «Wirklich witzig, dass es ausgerechnet ein Martin geworden ist», lacht die Unternehmerin etwas ungläubig. Kennengelernt hat sie ihren Ehemann auf dem Tennisplatz. «Ich war damals nicht auf der Suche und als Single sehr glücklich im Leben», erinnert sie sich. Trotzdem kamen die beiden ins Gespräch. «Wir haben geredet und ich habe gemerkt, dass ich ganz mich selber bin. Einfach Esthy, ohne mich zu verstellen.» Immer mehr habe diese Liebe ihr den Ärmel reingenommen, so Wyss. «Einmal habe ich zu ihm gesagt, dass er einer sei, den ich noch heiraten würde. Da bin ich über mich selber erschrocken, dass ich das gesagt habe. Weil ich überzeugt war, dass ich nie den Bund der Ehe eingehen würde.» Doch das Leben wäre nicht das Leben, wenn es nicht ungeplante Wendungen gäbe. Heute trägt Wyss nicht nur eine rosa Bluse mit hellrosa Lippenstiften darauf, sondern auch Hammele als zweiten Nachnamen.

Hals über Kopf

Sich selbst beschreibt die 58-Jährige als fröhlich, positiv, spontan, offen und beziehungsorientiert. «Ich liebe Menschen und kann mit allen», sagt Wyss. Geboren und aufgewachsen ist sie als Jüngere von zwei Schwestern in der Dreitannenstadt. «Ich bin eine richtige Oltnerin.» Wyss’ Mutter war Hausfrau und arbeitete im Büro eines Hoch- und Tiefbaugeschäfts, der Vater war als Banker tätig. Wenn in der katholischen Kirche «Oh, lasset uns anbeten» angestimmt wurde, hat die kleine Esthy immer ganz laut und überzeugt gesungen: «Oh lasset uns am Leben.» Noch heute würden ihr an Weihnachten von Familienmitgliedern deswegen vielsagende Blicke zugeworfen, erzählt Wyss lachend. Als Kind sei es für sie das Schlimmste gewesen, zum Zahnarzt zu gehen. Nicht trotzdem, sondern gerade deshalb hat sie sich später für die Ausbildung zur Dentalassistentin entschieden. «Als Zahnarztgehilfin konnte ich den Leuten die Angst nehmen. Ich wusste, wie es den Patienten ergeht und hatte Verständnis.» Nach dreissig Jahren in weisser Berufskleidung und mit kurz geschnittenen Fingernägeln orientierte sich Wyss beruflich noch einmal neu. Sie eröffnete eine Boutique in der Oltner Altstadt, die sie zusammen mit Geschäftspartnerin Gisela Wymann führt. «Schuhe, Taschen und Schmuck sind Gegenstände, die ich auch persönlich liebe», schwärmt sie. «Als beim Brainstorming zur Namensfindung des Ladens der Vorschlag «Head over Heels» kam, habe ich innerlich gewusst, dass er es ist.» Der Ausdruck steht für das Verliebtsein und bedeutet einerseits von Kopf bis Fuss aber auch Hals über Kopf.

Lebensfreude

An ihrem Beruf als Unternehmerin liebe sie den Kontakt zu Menschen, so Wyss. «Jeder Tag ist spannend. Ich erlebe so viel.» Immer wieder ergäben sich beim Kaffee trinken nette und tiefgründige Gespräche. «Manchmal frage ich mich, ob auf meiner Stirn das Wort «Lebenshilfe» steht», erzählt sie lachend. Und wie sie es sagt, wird klar, dass sie es nicht ganz ernst meint. Genauso, wenn sie über Besucher ihres Geschäfts sagt: «Man kann hier reinkommen und kommt ungeschoren davon.» Woher kommt ihr Humor? «Ich kann nichts dafür, dass ich ein fröhlicher Mensch bin», resümiert sie und lacht schon wieder. «Jeden Morgen bin ich dankbar, dass ein neuer Tag auf mich wartet.» Die Zeit sei viel zu kostbar, um zu grübeln. «Ich sehe überall nur das Positive.» Schon als Kind sei sie ein sehr zufriedenes Mädchen gewesen. «Es gibt Fotos im Familienalbum, auf denen ich ein breites Lächeln im Gesicht habe, während meine Schwester eine Schnute zieht.» Ihr Vater habe ihr einmal gesagt: «Ich hoffe nicht, dass du einmal so viel weinen musst im Leben, wie du lachst.»

Das kleine Städtchen

In ihrer Freizeit hält sich Wyss viel in der Natur auf. «Ich gehe mehrmals pro Woche walken und fahre mit dem Velo zur Arbeit.» Auch lese sie gerne. «Ich mag das Genre Krimi. Über Mord und Totschlag kann ich besser lesen, als bewegte Bilder davon im Film zu sehen.» Neben Polizeiromanen sei sie Fan vom Oltner Autor Alex Capus. Auch das Dekorieren ist ein Hobby von ihr. «Manchmal möchte ich am liebsten die ganze Hütte umstellen.» Sie ist gerne im Garten, geht wandern oder auf Reisen in Australien, Amerika, Südafrika, der Nordsee oder Griechenland. «Von Olten aus ist man schnell in der ganzen Welt. Nicht nur in Zürich oder Basel, sondern auch an Flughäfen.» Gegenüber ihrer Heimat empfinde sie Stadtstolz. «Einmal Olten, immer Olten.» Wenn sie früher über die alte Brücke ging, sei der Nebel so dick gewesen, dass sie die andere Seite nicht gesehen habe. «Das ist heute nicht mehr so.» Olten sei einfach ihre Heimat. «Es ist ein überschaubares Städtchen. Man kennt sich. Es ist schön, dass gegrüsst wird.» Auch seien die Dreitannenstädter authentisch und das Gegenteil von oberflächlich. Wyss war zudem lange Zeit eine aktive Fasnächtlerin und ist noch immer ein «Rätschwyb». «Menschen kommen und gehen. Doch ich halte hier im Städtchen an der Aare die Stellung. Ich bin eine Oltner Konstante.»

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