Im Gespräch
18.09.2019

«Seelisches Verbluten ist unsichtbar»

Autorin, Komponistin und Produzentin in Personalunion: Evelyne Aeschlimann kommt mit dem Musicaltheater «Captured» in die Schützi Olten. (Bild: Franz Beidler)

Autorin, Komponistin und Produzentin in Personalunion: Evelyne Aeschlimann kommt mit dem Musicaltheater «Captured» in die Schützi Olten. (Bild: Franz Beidler)

Anti-Mobbing-Workshops Das Thema Mobbing braucht mehr Beachtung, findet Autorin und Komponistin Evelyne Aeschlimann. So entstand aus ihrem Musiktheater «Captured» die Idee zu Anti-Mobbing-Workshops.

Franz Beidler

Mobbing: Ein systematisches, feindliches, über einen längeren Zeitraum anhaltendes Verhalten, mit dem eine Person isoliert und ausgegrenzt werden soll. So definiert das Bundesgericht in einem Urteil aus dem Jahr 2005 das Phänomen. «Mobbing ist nur schwer fassbar», weiss auch Evelyne Aeschlimann und findet: «Das Thema braucht mehr Beachtung.» Die 34-jährige Krienserin ist Autorin, Komponistin und Produzentin des Musiktheaters «Captured», das am Freitag, 25. Oktober in der Schützi in Olten zu sehen sein wird. Darin sitzt die Protagonistin zu Unrecht in einem Gefängnis auf einer Insel ein und sieht sich dem Mobbing der anderen Insassinnen ausgesetzt. Regie führt Franca Basoli, die ebenfalls ausgebildete Theaterpädagogin ist. «Da ist es nahe- liegend, dass wir auch Theaterworkshops zum Thema Mobbing anbieten», findet Aeschlimann. Am Nachmittag des Samstags, 5. Oktober sind 16- bis 20-Jährige eingeladen, sich mit Mobbing zu beschäftigen und ihre Fertigkeiten im Umgang damit zu trainieren. Am Nachmittag des Mittwochs, 10. Oktober folgt das gleiche Angebot für 12- bis 16-Jährige. Die Kurse werden vom Max-Müller-Fonds und dem Dachverband Kinder- und Jugendarbeit Kanton Solothurn finanziert und sind für Teilnehmende kostenlos. Neben Basoli fungiert auch der Schauspieler Christoph Wettstein als Leiter, Aeschlimann selber assistiert. «In den Workshops sollen die Teilnehmenden ihr Selbst- vertrauen stärken und sich austauschen können», erklärt sie. In Rollenspielen werden Techniken vermittelt, wie Grenzen gesetzt werden können. Das Angebot richtet sich dabei nicht nur an Mobbing-Opfer, sondern auch an Täter. «Meist sind die Täter selber Opfer», erklärt Aeschlimann.

Gefangene von sich selber

So stellt sie die Situation auch in «Captured» dar: Die Antagonistin mobbt aus Angst, dass ihr die Heldin ihre Machtposition streitig machen könnte. «Alle Figuren im Stück sind auch Gefangene von sich selber», erklärt Aeschlimann. «Captured», zu Deutsch «gefangen», steht als Metapher aber nicht nur für das Handeln der Figuren. «Menschen können auch in emotionale, seelische oder finanzielle Gefangenschaft geraten. Auch dafür steht die Gefängnisinsel», erklärt die Autorin. In der Geschichte beginnen sich die Figuren zu wandeln, als sie ihre versteckten Talente zu entdecken beginnen und damit ein Urvertrauen in die Zukunft zurückgewinnen. «Das Urvertrauen darauf, mit dem was kommen mag, fertig zu werden, ist etwas, das uns oft auch im Alltag fehlt», diagnostiziert Aeschlimann.

Von US-Serie inspiriert

«Die Geschichte ist von der US-Serie «Orange is the new black» inspiriert», erzählt sie. Im Jahr 2015 begann sie an «Captured» zu schreiben. «Den Entschluss, das Projekt durchzuziehen, fasste ich aber erst etwa ein Jahr später», erinnert sie sich. Also kontaktierte sie den erfahrenen Bühnenbauer und Choreografen Jakob Schönenberger, der unter anderem schon die Bühnen- bilder für Musicals wie «Grease», «Aida» oder «Hair» gebaut hatte. «Wir haben uns noch am selben Tag getroffen und Jakob gefiel die Projektidee», erinnert sich Aeschlimann. Für «Captured» entwarf Schönenberger nicht nur das Logo, sondern auch Bühnenbilder, die auf einer Wand aus LED-Leuchten angezeigt werden. Das Bühnenbild wird damit beweglich. Lange habe sie nach einer Regisseurin oder einem Regisseur gesucht, erinnert sich Aeschlimann. «So ging das Drehbuch durch viele Hände und nahm immer neue Formen an. Ich hatte schon Säle für die Aufführungen gemietet, aber noch keine Regisseurin», erzählt sie lachend. Erst im Juli 2017, wenige Monate vor der Premiere, fand sie schliesslich Franca Basoli.

Grosses Interesse im Geheimen

Mit den erfolgreichen Aufführungen des Musiktheaters wuchs der Wunsch, das Publikum nicht nur zuschauen, sondern die Erkenntnisse der Figuren auch miterleben zu lassen. Die Idee der Anti-Mobbing-Workshops war geboren. Ende Sommer fanden sie bereits in Zug, Thun und Zürich statt. Weitere in Aarau, Bern und schliesslich in Olten folgen. «Das Thema Mobbing stösst auf grosses Interesse», weiss Aeschlimann aus dieser Erfahrung. Herauslesen lasse sich das vor allem an den Suchanfragen im Internet und weniger an den Teilnehmerzahlen an den bisherigen Kursen. «Die Teilnahme an einem Anti-Mobbing-Workshop ist auch ein Outing», so Aeschlimann. Aus Angst, auch noch dafür gemobbt zu werden, trauen sich Betroffene möglicherweise nicht, sich an- zumelden und ihre Situation damit wenigstens ein Stück weit öffentlich zu machen. «Ein Teufels- kreis, der schwierig zu durchbrechen ist», weiss Aeschlimann. Umso wichtiger sei es, dass Mobbing mehr Beachtung gerade auch an Schulen erhalte. «Wir lernen so vieles in der Schule: Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften. Aber mindestens ebenso wichtig ist ein Grundwissen über Selbstwertgefühl und Toleranz», so Aeschlimann.

«Es geht darum, ein Zeichen zu setzen»

In den Anti-Mobbing-Workshops sollen die Teilnehmenden deshalb ihre Gefühle in Worte fassen, damit sie sich ihrer bewusst werden. «Erst wenn etwas bewusst wird, kann es sich verändern.» Deshalb spielen die Teilnehmenden in Rollenspielen mal Täter, mal Opfer und tauschen sich danach über die erlebte Gefühlswelt aus. «So können sie in geschütztem Rahmen die verschie- denen Rollen austesten», erklärt Aeschlimann. Dass ein einzelner Nachmittag dabei nicht ausreicht, um eine möglicherweise verfahrene Situation vollständig zu lösen, ist sich auch Aeschlimann bewusst. «Es geht jedoch darum, ein Zeichen zu setzen und auf das Thema aufmerksam zu machen.» Nach wie vor käme seelischen Verletzungen im Vergleich zu körperlichen zu wenig Aufmerksamkeit zu. «Bei der Geburt unseres ersten Sohnes verlor ich zwei Liter Blut», berichtet die zweifache Mutter. «Natürlich war mein Umfeld sehr besorgt. Verblutet jemand aber seelisch, ist das unsichtbar.» Mobbing sei leider immer noch ein Tabuthema. Je nachdem, wie viel Anklang die Workshops fänden, könne sie sich vorstellen, diese regelmässig anzubieten.

Anti-Mobbing-Workshop
Samstag, 5. Oktober für 16- bis 20-Jährige
Mittwoch, 9. Oktober für 12- bis 16-Jährige
Jeweils von 14 bis 17 Uhr in den Räumen der Freien Evangelischen Gemeinde,
Mühlegasse 10, Olten

www.captured-musical.ch

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