Im Gespräch
06.11.2019

«Kunst kennt kein Alter»

Ihr ganzes Leben hat Katharina Menin in der Dreitannenstadt verbracht. «Dort, wo man mich hinstellt, baue ich ein Nest.» (Bild: S. Furter)

Ihr ganzes Leben hat Katharina Menin in der Dreitannenstadt verbracht. «Dort, wo man mich hinstellt, baue ich ein Nest.» (Bild: S. Furter)

Katharina Menin lebt ein bewegtes Leben und ist voller Ideen. Die Oltnerin spielt leiden- schaftlich gerne Theater und hat im Alter von 75 Jahren ihre eigene Kunst-Galerie er- öffnet.

Sonja Furter

Als «Ida Easy» surft und bloggt Katharina Menin im Internet oder bestellt im Restaurant einen Kaf- fee mit Wi-Fi-Code. In den Werbeclips eines Händlers für Computerzubehör verkörpert die Laien- schauspielerin prototypisch die ältere Generation und sagt in die Kamera: «Checkst du eigentlich gar nichts? Internet. Surfen. Hallo. Oh Mann, kein Wunder, dass dich keiner liked.» Ida Easy ist in der virtuellen Welt zu Hause, fast schon ein «Digital Native». Im Gegensatz zu Katharina Menin, welche der Figur ihr Gesicht und ihre Stimme geliehen hat und lachend die Hände verwirft: «Digital Native? Bitte keine englischen Wörter, die verstehe ich nicht. In diesem Punkt bin ich eine sture Alte. Ich mag keine Abkürzungen und keine Anglizismen. Wir leben in der Schweiz und ich bin der Meinung, dass wir hier einfach Deutsch sprechen sollten.»

In Bewegung

Am Schwager Institut hat Menin vor rund 19 Jahren die Ausbildung zur Laienschauspielerin absol- viert, anschliessend während eines Jahres das Theaterhaus Gessnerallee besucht und ein Semi- nar bei Maria Becker in der «Commedia dell’ Arte» und bei Serena Wey absolviert. Es folgten Auftritte mit den Gäuer Spielleuten und dem Behindertentheater sowie Produktionen wie die «Schlossspiele Falkenstein», «Kalk», «Zug der Zeit», «Landesstreik» und Werbeaufträge für ver- schiedene Firmen. Die Oltnerin ist ständig in Bewegung und lebt ein bewegtes Leben. Aktuell ist sie beim Stück «37 Ansichtskarten» der Liebhabertheater-Gesellschaft Solothurn auf der Bühne zu sehen. «Dort spiele ich eine verwirrte Grossmutter in einer etwas verrückten Familie. Solche Rol- len gefallen mir. Ich liebe schwarzen Humor.» Über die Kunst, in eine andere Rolle zu schlüpfen, sagt die Schauspielerin: «Ich kann auch lachen, wenn ich traurig bin.» Auf der Bühne lerne man, sture Vorstellungen loszulassen und neue Wege zu gehen. «Theater hat mir geholfen, Hemmun- gen zu überwinden. Ich habe heute mehr Mut, auf Leute zuzugehen.»

Essensmarken

«Die meisten meiner Freundinnen sind jünger als ich. Ich glaube, das hält mich jung», sagt Menin, die 1944 als Kind der Nachkriegszeit in Bern geboren wurde und in Olten aufgewachsen ist. «Ich erinnere mich noch an die Essensmarken, die mein Vater ins Portemonnaie steckte, um damit But- ter und Brot einzukaufen.» Dank eines Architekten-Kollegen des Vaters konnte Menin nach der Bezirksschule eine Lehre als Hochbauzeichnerin machen. Sie war damit das dritte Mädchen im ganzen Kanton Solothurn, das diese Ausbildung absolviert hat. «Mit 24 Jungs auf die Schulreise ins Tessin zu gehen war wirklich etwas Besonderes», erzählt sie schmunzelnd.

Liebe im Büro

Ihren Ehemann, einen Tessiner, hat sie ganz klassisch während der Ausbildung im Architekturbüro kennen gelernt. Der Rest ist Liebesgeschichte. Menin heiratete mit 22 Jahren und blieb mit ihrem Mann in Olten. Das Paar hatte zwei Söhne und eine Tochter. «Ich habe es geschätzt, dass ich zu Hause bei den Kindern bleiben, und ganz für meine Familie da sein konnte. Die Jahre als Mutter waren die schönsten in meinem Leben.» Ein toller Vater sei ihr Mann für die Kinder gewesen, schwärmt sie. «Zusammen haben wir es geschafft, eine Familie aufzubauen. Leider ist mein Mann jung an Krebs verstorben.»

Die Galeristin

Seit 25 Jahren ist die dreifache Grossmutter nun Witfrau, aber immer voller Ideen. Kürzlich hat sie im Alter von 75 Jahren ihre eigene Galerie eröffnet. «Kunst gerne zu haben, kennt kein Alter», kommentiert sie diesen Schritt schmunzelnd. Als sie in dem leeren Raum an der Baslerstrasse gestanden habe, sei ihr der Gedanke gekommen: «Das ist eine Galerie.» Mit viel Herzblut wurde in der Folge die «Galerie 23» eingerichtet, die Wände in den Farben grün, grau, cognac und apricot gestrichen. «Ich bin gerne hier und freue mich jedes Mal, wenn die Türe aufgeht und je- mand die Ausstellung besucht. Mein Hauptanliegen ist es, den Menschen die Kunst näher zu bringen.»

Grosse Veränderungen

Theater und die Galerie betreibe sie, weil es einfach schön sei, so Menin. Die Oltnerin spielt Kla- vier und besucht Saxofonunterricht. «Mir macht es nach wie vor Spass, alles Mögliche auszupro- bieren», sagt sie über ihre Hobbies. Früher hat sie zudem Glas geritzt, Holz geschnitzt, viel ge- strickt, Enten- und Gänseeier bemalt oder Musiknoten fürs Orchester transponiert. Mit Ausnahme von drei Jahren in Zürich nach der Lehre hat Menin fast die ganzen 75 Jahre ihres Lebens in Olten verbracht. Früher sei die Baslerstrasse eine Beizenstrasse gewesen, heute habe es eine Baustelle vor dem Fenster. «Olten hat sich sehr stark verändert. Oder vielleicht habe auch ich mich ver- ändert», sinniert Menin. Sie reise sehr gerne, komme aber auch gerne wieder nach Hause. Nach Olten. «Ich glaube, dass ich überall meine Zelte aufschlagen könnte, denn ich habe nicht sehr ausgeprägte Heimatgefühle, sondern sehe mich vielmehr als Erdenbürgerin. Dort, wo man mich hinstellt, baue ich ein Nest.»

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