Im Gespräch
20.11.2019

«Die Bühne werde ich nie verlassen»

Von Grenchen nach Olten. Zwischen Tom Muster und der Dreitannenstadt war es «Liebe auf den zweiten Blick». (Bild: S. Furter)

Von Grenchen nach Olten. Zwischen Tom Muster und der Dreitannenstadt war es «Liebe auf den zweiten Blick». (Bild: S. Furter)

Tom Muster ist in einem Mehrgenerationenhaus gross geworden und spielt leiden- schaftlich gerne Theater. Im Gespräch verrät der 21-Jährige, warum er manchmal mit Max Mustermann verwechselt wird.

Sonja Furter

Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher als andere. Dieser Satz aus der Theaterversion von «Farm der Tiere» ist im WhatsApp-Status von Tom Muster zu lesen. Die Worte stehen aber auch sinnbildlich für seine Liebe zur darstellenden Kunst und für philosophische Fragen, die sich der Neu-Oltner stellt. «Das Theater ist eine gute Kunstform, um den Zuschauern einen Spiegel vorzuhalten und sie zum Nachdenken anzuregen. Als Individuum stelle ich mir Fragen wie: Wer hat das Recht, einen Mörder zu töten?» Als Maturarbeit hat Muster deshalb ein Theaterstück über die letzte zivile Hinrichtung in der Schweiz geschrieben. «Für mich war klar: Wenn ich ein Stück schreibe, dann etwas Dramatisches. Ich bin ab und an auch eine kleine Drama-Queen», sagt Muster lachend. Es habe ihn emotional bewegt, dass die letzte Hinrichtung des Mörders Hans Vollenweider im Jahr 1940, also vor nicht allzu langer Zeit, vollzogen worden sei. «Es sollte länger her sein, ist es aber nicht.» Für das Spielen der Hauptrolle habe er sich über die figurentech- nischen Eigenschaften der historischen Person Gedanken gemacht: Wie waren wohl die Gangart, die Frisur und die Kleidung des Verbrechers Vollenweider? «Das hat mir geholfen in den Charak- ter hineinzufinden.» Der Mörder stehe für ihn stellvertretend für das Paradoxon der Todesstrafe. «Du willst jemanden für etwas Schlechtes bestrafen und tust dadurch selber etwas Schlechtes.»

Der Platzhalter

Neben dem Theater geht Muster gerne joggen, schwimmt oder macht Ausdauersport. Sich selbst beschreibt der Neu-Oltner als herzlich, kreativ, offen und als Familienmensch, der gerne Zeit mit Freunden verbringt. «Mit mir kann man über alles reden. Ich bin da, wenn ich gebraucht werde.» Aufgewachsen ist der 21-Jährige in Grenchen. Die Mutter ist Graveurin und führt als Geschäfts- führerin ein Kleinunternehmen, der Vater ist eidgenössisch diplomierter Metallbauschlosser. «Ich habe auch einen jüngeren Bruder. Da er grösser ist als ich, wäre es wohl nicht korrekt, vom «kleinen Bruder» zu sprechen», präzisiert Muster schmunzelnd. Seine Kindheit hat er in einem Mehrgenerationenhaus verbracht, wo Eltern und Grosseltern unter einem Dach leben. «Als ich klein war, bin ich sonntags aufgestanden, habe mich angezogen, bin bei den Grosseltern im Bett noch einmal unter die Decke geschlüpft und habe ihnen ohne Ende Geschichten erzählt.» Weil sein Nachname Muster stark an die fiktive Person «Max Mustermann» erinnert, wird Tom Muster gelegentlich gefragt: «Ist das ein Witz oder heisst du wirklich so?» Der heute 21-Jährige erzählt eine weitere Anekdote: «Beim ersten Arbeitstag vom Zivildiensteinsatz wurde ich von einigen Mitarbeitenden nicht erwartet, weil sie dachten, dass ich ein Platzhalter im neuen Tabellensystem des Schulleiters sei.»

Charaktersache

Durch eine Schulfreundin kam Muster als Siebenjähriger zum Kindertheater. Seither ist für den Laienschauspieler klar: «Die Bühne werde ich nie verlassen. Sie ist mein zweites zu Hause.» Auch ein Charakter, mit dem er auf den ersten Blick nichts gemeinsam habe, sei oft nicht weit von ihm selbst entfernt. «Ich muss nur den Teil in mir drinnen finden, der noch vor sich hin schlummert.» Die grösste Faszination am Theater mache für ihn die Magie des Moments aus, welche die dar- stellende Kunst biete. «Theater hat dieses ewig Aktuelle. Jedes Bühnenstück hat eine Botschaft, aber nicht jeder versteht diese Botschaft gleich. Viele Zuschauer identifizieren sich irgendwann im Stück mit dem Schauspieler und realisieren: Das ist doch bei mir in der Realität auch so», erzählt Muster, der klassischen Gesang studiert und betont, dass dies im Moment der richtige Weg sei. Für die Zukunft schliesse er jedoch eine Richtungsänderung hin zum professionellen Schauspieler nicht aus.

Auf den zweiten Blick

«Ich bin begeistert, dass ich von Olten aus gute Verbindungen habe», sagt der Student, der viel unterwegs und nur selten zu Hause ist. In die Dreitannenstadt hat es ihn durch Zufall verschlagen. «Für den Zivildienst bin ich jeden Tag von Grenchen nach Horgen im Kanton Zürich gependelt. Das habe ich zwei Monate durchgehalten, dann war ich total erschöpft.» Gemeinsam mit einer Kollegin habe er deshalb Ende 2017 eine Wohnung in der Eisenbahnerstadt bezogen. Bis dahin sei Olten für ihn eine Stadt gewesen, an der er mit dem Zug vorbeigefahren oder wo er umge- stiegen sei. «Mein erster realer Eindruck von Olten war nicht mega sympathisch, es fehlte der Charme», erinnert sich Muster. «Es brauchte Zeit, um mir bewusst zu werden, dass dies mein neues zu Hause ist.» Es sei also nicht Liebe auf den ersten, sondern eher auf den zweiten Blick gewesen. «Ich habe jedoch zu schätzen gelernt, was die Stadt zu bieten hat. Beispielsweise das vielfältige kulturelle Angebot mit den Tanztagen, Theatervorstellungen und Opern. Aber auch der kleine, jedoch sehr schöne und heimelige Teil der Altstadt sowie die Naturnähe mit Aare und Wald geniesse ich sehr.»

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