Im Gespräch
11.12.2019

«Bin über den Wolken hängen geblieben»

Rikscha-Fahrer, Gurus, Hühner, Kakerlaken, Gerüche und Geschmäcker. Bei ihren Reisen um den Globus hat Flugbegleiterin Beatrice Temperli schon viel gesehen und erlebt. (Bild: S. Furter)

Rikscha-Fahrer, Gurus, Hühner, Kakerlaken, Gerüche und Geschmäcker. Bei ihren Reisen um den Globus hat Flugbegleiterin Beatrice Temperli schon viel gesehen und erlebt. (Bild: S. Furter)

Beatrice Temperli geht gerne weg, kommt aber auch gerne wieder nach Hause. Im Gespräch erzählt die Oltnerin über ihren Beruf, die Sicht auf die Schweiz und ihr spätes Mutterglück.

Sonja Furter

Bei manchen Landungen in Zürich hat Flugbegleiterin Beatrice Temperli seit 30 Stunden nicht geschlafen. «Aber das Adrenalin hält mich wach», sagt die Oltnerin und ergänzt mit einem Schmunzeln: «Als Flugbegleiterin verschenke ich unfreiwillig viele Nächte. Doch auch nach einem Nachtflug reicht die Energie noch aus, um anderntags Kleider zu bügeln oder Fenster zu putzen.» Sie lebt nach der Uhr des Landes, in dem sie sich gerade aufhält. In China erwacht sie mit den Chinesen, in Indien mit den Indern und in Olten mit den Schweizern. «In diesem Sinne bin ich sehr «bünzlig»: Ich schaue immer, dass ich nachts schlafe und tagsüber lebe.» Über Jetlag denke sie gar nicht nach, sagt Temperli. «Solche Dinge finden auch im Kopf statt.»

Exotisches Peking

Geboren und aufgewachsen ist Temperli mit zwei älteren Brüdern in Olten. Der Vater führte ein Herrenkonfektionsgeschäft, die Mutter war Hausfrau. «Ich liebe die Schweiz und ich liebe die Dreitannenstadt. Ich bin ein Fan von Olten.» In wenigen Minuten erreiche man den Wald, den schlafenden Riesen Jura oder die Aare. «Draussen zu sein, ist ein Hobby von mir. Ich mag die Berge, das Wandern und meinen Garten. Zudem bewege ich mich gerne, gehe Velofahren, mache Sport, lese, lerne Sprachen, singe oder höre Musik.» Zum Fliegen ist sie 1986 gekommen. Damals absolvierte Temperli das Lehrerseminar, um Bez-Lehrerin zu werden. Aber erstens kommt es im Leben anders und zweitens, als man denkt. Fasziniert von fremden Kulturen wollte sie sich während der Semesterferien als Flugbegleiterin einen finanziellen Zustupf verdienen. «Bis ich etwas von der Welt gesehen hatte, waren bereits drei Jahre vergangen», erklärt sie schmunzelnd, warum sie über den Wolken hängen geblieben ist und ergänzt: «Durch die Anstellung bei der Swiss konnten mein Mann und ich uns die Erwerbs- und Familienarbeit optimal teilen. So hatten wir ein funktionierendes partnerschaftliches Familienmodell.» Vor dreissig Jahren seien Peking in China oder Karachi in Pakistan noch exotische Destinationen gewesen. «Als Westler bist du dort aufgefallen.» Doch nicht nur das ist heute anders. «1988 habe ich in Peking jeweils eine Woche auf den nächsten Flieger gewartet und währenddessen die Umgebung auf dem Velo erkundet. Heute gibt es täglich einen Direktflug.»

Teddybären

Bei ihren Reisen um die Welt hat Beatrice Temperli viel gesehen und erlebt. «In Kamerun bin ich in einem kleinen Bus gefahren, eingequetscht zwischen Hühnern und Einheimischen.» In Bombay machte sie eine unschöne Bekanntschaft mit Kakerlaken auf dem Leintuch. «Und am Ganges, dem heiligen Fluss der Inder, bin ich Rikscha-Fahrern, Gurus sowie Pilgern begegnet und habe gesehen, wie Tote verbrannt wurden.» Dieses Gewühl und diese Geschmäcker seien unglaublich und betörend gewesen. In Peschawar, im Norden Pakistans habe sie einmal eine Waffenfabrik besucht, in der Kinder arbeiteten. «Beim nächsten Flug hatte ich Stofftiere im Gepäck. Die grossen Kinderaugen werde ich nie mehr vergessen.» Einmal habe sie ihre Tochter Aline nach Tansania mitgenommen. «Vor unseren Augen türmte sich der Abfall meterhoch. Batterien, Schuhe, Spritzen, Waschpulver, einfach alles lag da herum.» Das Pet hätten die Einheimischen herausgesammelt, den Rest drei Meter tief im Sand vergraben.

Das Postauto

«Im Ausland sehe ich das Zuhause aus der Distanz. Meine Sicht auf die Heimat hat sich durch die Reisen um den Globus verändert», sagt Temperli. Alles in der Schweiz sei nah, selbst das hinterletzte Tal mit dem Postauto erschlossen. «Wir haben in der Schweiz so viele Schätze, zu denen wir Sorge tragen müssen.» Ihren Beruf reflektiert die Flugbegleiterin auch kritisch. «Ich habe schon ein schlechtes Gewissen wegen dem CO2-Ausstoss und ich wünschte mir, die Flüge würden wieder das kosten, was sie wert sind.» Während zweiundzwanzig Jahren unterstützte Temperli ihren Mann, der bis vor Kurzem eine SAC-Hütte in den Schweizer Bergen führte. «Ich sehe mit meinen eigenen Augen, wie die Gletscher schmelzen.» Bei der Swiss setzt sich Temperli gegen Food Waste ein und motiviert die Crew, ihre eigenen Becher mit an Bord zu bringen. «So sparen wir bis zu hundert Plastikbecher pro Flug.» Vorschreiben wolle sie jedoch niemandem etwas. «Jeder muss bei sich selber anfangen.»

Lachen und Einfachheit

Die Familienkonstellation von Bea Temperli ist so ungewöhnlich wie faszinierend. Ihr Ehemann Hans Berger ist 15 Jahre älter als sie. Als sie sich kennenlernten, habe sie ihm sagen wollen, dass er zu alt für sie sei. Aber dieses Vorhaben verschob sie immer wieder und gab es schliesslich ganz auf. «Hans hat mir einfach gefallen. Das Bodenständige. Das Lachen. Seine Dankbarkeit. Seine Einfachheit.» Zum ersten Mal Mutter wurde Bea im Alter von 38 Jahren, den Sohn gebar sie mit 41. Ihr Mann hat aus erster Ehe Enkel, die älter sind als sein Sohn. «Dass ich in meinem Alter noch die beiden Kinder haben durfte», stellt Temperli etwas ungläubig und mit staunender Dankbarkeit den Satz in den Raum. Zu Tochter und Sohn sage sie jeweils: «Ich weiss, ihr wollt es nicht mehr hören, aber ihr seid mein grösstes Glück.» Seit sie Kinder habe, falle es ihr schwerer, die Koffer zu packen, um ins Flugzeug zu steigen, sagt Temperli. Doch wenn sie dann unterwegs sei, gefalle ihr der Beruf immer noch sehr gut. «Es sind die Begegnungen mit Menschen, die mein Leben bereichern», weiss Temperli und fügt an: «Ich habe Wurzeln, die tief in die Erde hineingewachsen sind. Deshalb gehe ich gerne weg, komme aber auch gerne wieder nach Hause.»

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