Im Gespräch
18.12.2019

Der Fährmann mit dem Kontrabass

Mal idyllischer Teich, mal stürmische See: Der Kontrabassist Mich Gerber wird am Samstag, 21. Dezember in der Oltner Galicia Bar auftreten. (Bild: Franz Beidler)

Mal idyllischer Teich, mal stürmische See: Der Kontrabassist Mich Gerber wird am Samstag, 21. Dezember in der Oltner Galicia Bar auftreten. (Bild: Franz Beidler)

Mich Gerber Ein Mensch, ein Kontrabass, viele Reisen: Als Fährmann entführt Mich Gerber mit Saiten, Bogen und Loop-Gerät an entlegene Orte. Am Samstag, 21. Dezember spielt er in der Oltner Galicia Bar.

Franz Beidler

Zehn Tage habe die Reise durch Kampanien gedauert, erzählt Mich Gerber begeistert. Schliesslich seien er und seine Lebenspartnerin Barbara mit dem Schiff im Fährhafen von Neapel eingefahren. «Das war die erste Reise seit Jahren ohne Kontrabass», kommentiert Gerber gedankenverloren. Für einmal eine Ferienreise in Italien also, anstatt einer Konzerttournee quer durch Westeuropa oder Russland, die USA, die Türkei oder Japan. Er reise gerne, stellt Gerber fest. Zum Glück, denkt man sich. Schon seit über zwanzig Jahren steht der gebürtige Berner mit seinem Kontrabass auf Bühnen in der ganzen Welt. In der Oltner Galicia Bar ist er am Samstag, 21. Dezember allerdings erstmals zu Gast. Nur mit Saiten, Bogen und einem Loop-Gerät wird er dann Klang um Klang übereinanderschichten und so alleine, wenn nötig, ein ganzes Orchester formen. Darüber gibt er dem Kontrabass Raum als Soloinstrument und spürt lyrischen Melodien nach. «Die Musik ist fliessend», zieht Gerber eine Analogie zu Wasser, «sie führt Menschen an einen anderen Ort.» Wohin genau, das könne er nicht steuern. «Zum Glück», betont er mit einem milden Lächeln. «Alle haben andere Bilder im Kopf.» Aber er könne die Musik dichter oder leerer machen, ruhiger oder stürmischer, «einem See gleich.» Musikalische Intensitäten, nennt es Gerber. So führt er sein Publikum mal gemächlich am Ufer eines idyllischen Teiches entlang, mal peitscht er es durch meterhohe Wellen in der offenen See. «Musik ist zu einem grossen Teil Mathematik. Was sie bewirkt hingegen nicht.»

Aus Rebellion zum Pinsel und zurück

Dass Gerber mal zum musikalischen Steuermann am Kontrabass werden würde, ist nicht zuletzt seiner Neugierde geschuldet. Als Sohn einer Organistin und eines Geigers in eine äusserst musikalische stadtberner Familie geboren, sah er sich von Kindesbeinen weg gezwungen, des Vaters Handwerk zu erlernen. «Ich spielte nie gerne Violine», sagt Gerber und erinnert sich lachend: «Das kratzt grässlich als Kind.» Mit der Pubertät rebellierte er gegen die elterliche Klangkunst und hing die Musik an den Nagel. Vielmehr begeisterte er sich für die Malerei. «Ich mochte Farben, ihren Geruch, ihre Konsistenz.» Also eignete er sich profundes Wissen in Kunstgeschichte an und machte eine Lehre als Theatermaler. «Das war Mitte der 70er-Jahre und die Zeit der Aktionskunst, da schaute ich mir viele Performances an.» Es war an einer solchen Aufführung, als Gerber seinen Gedanken nachhing: «Musik ist viel feinstofflicher als Malerei.» Das Art Ensemble of Chicago war im Berner Kunstmuseum zu Gast und Gerber fand einen neuen Zugang zu Musik. «Man muss sie immer neu machen, wenn man sie am Leben erhalten will.» Von dieser Erkenntnis gepackt, begann er Kontrabass zu spielen. «Da kann man noch was machen», habe er sich gedacht, denn er befand das Instrument für noch nicht ausgereizt. Da war Gerber 17 Jahre alt.

Eine neue Welt dank dem Loop

«Mit dem Kontrabass gab ich dann Vollgas», beschreibt er, wenn er sich daran erinnert, dass er fünf Jahre später, mit 22 Jahren, das Studium am Konservatorium Bern aufnahm. «Ich wollte das Handwerk von Grund auf lernen.» Neben Harmonielehre, Rhythmik und Fingertechnik kam Gerber erstmals in Berührung mit der klassischen Avantgarde, die sich damals überwiegend mit atonaler Musik und Improvisation auseinandersetzte. Neben dem Studium spielte er bereits im Sinfonieorchester Bern und blieb danach auch dort. «Die Dirigenten wechselten stetig, das war spannend.» Gemeinsam mit anderen Musikern gründete er die «WIM», die Werkstatt für improvisierte Musik. «Wir experimentierten und entwickelten alle möglichen Theorien», erinnert er sich. Diese Grundhaltung sei ihm aus dieser Zeit geblieben. «Meine Kompositionen entstehen oft aus etwas, das mich gerade interessiert und dem ich dann nachforsche.» Das könne eine Akkordfolge, eine Fingerübung oder ebenso die Aare sein. Als Anfang der 90er-Jahre die Loop-Technologie aufkam, nahm Gerber in deren Verwendung eine Pionierrolle ein. «Da ging für mich eine neue Welt auf.» Er begab sich auf die Suche nach dem ganz eigenen Klang. «Ich hatte genug vom ewigen Interagieren der improvisierten Musik», meint er lachend. Ein Mensch, ein Instrument, hiess der neue Rahmen für seine Klangforschung. Sein erstes Soloalbum Mitte der 90er-Jahre spielte er noch mit einem herkömmlichen Kontrabass ein. Bald darauf fügte er seinem Instrument jedoch eine hohe fünfte Saite hinzu und entwickelte später eine eigene Stimmung dafür. «Das Instrument ist die eigene Stimme, die hat man einfach», sagt Gerber. Seinen eigenen Stil hat er über die Jahre weiterentwickelt. «Das ist ein Prozess, der kein Ziel kennt», beschreibt er die musikalische Selbstsuche. 2018 erschien sein inzwischen sechstes Soloalbum «Shoreline».

Konzerte auf einem Gletscher

Gerber sitzt aber nicht nur an seinen zahlreichen Konzerten, die er Solo, im Duo oder mit seiner vierköpfigen Jamband bestreitet, am Ruder. Seit einigen Jahren arbeitet er nebenbei tatsächlich als Fährmann der Fähre Bodenacker in Muri bei Bern, die jährlich mehr als 30’000 Leute über die Aare befördert. «Ein Hobby, mit dem ich auch noch etwas Geld verdiene», meint Gerber gelassen. Denn er besitzt ebenfalls ein Segelschiff, das in Nidau am Bielersee im Hafen liegt. Er sei gerne auf und am Wasser. So rief er vor über zehn Jahren die Konzertreihe «L’heure bleu» ins Leben, deren Idee es ist, die Musik dort aufzuführen, wo die Inspiration dazu passierte. «Inzwischen gab es schon Konzerte auf dem Brienzersee, dem Hagneckkanal oder dem Aletschgletscher», schwärmt Gerber. Für Aufführungsorte halte er immer ein Auge offen. Aus den Ferien in Neapel brachte er als leidenschaftlicher Koch allerdings nicht musikalische, sondern kulinarische Inspiration mit: «Zuppa di Goze», Miesmuscheln mit Tomätchen aus der Vesuverde, sei sein neustes Lieblingsessen.

Konzert von Mich Gerber

Samstag, 21. Dezember, 20.30 Uhr

Galicia Bar, Unterführungstr. 20, Olten

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