Im Gespräch
27.05.2020

Wenn Heimat in der Fremde entsteht

Brigitte Salvisberg vor ihrem liebsten Ausblick: Die Idylle gleich oberhalb von Olten hinter dem Wald am Mühletäli. (Bild: Franz Beidler)

Brigitte Salvisberg vor ihrem liebsten Ausblick: Die Idylle gleich oberhalb von Olten hinter dem Wald am Mühletäli. (Bild: Franz Beidler)

Brigitte Salvisberg Eigentlich wollte Brigitte Salvisberg nicht in Olten bleiben und nie als Lehrerin arbeiten. Trotzdem tut sie heute beides. Und: Der Musikerin und Uroltnerin ist wohl damit.

Von: Franz Beidler

Der schönste Morgen sei jener des Sonntags, sagt Brigitte Salvisberg. Dann nämlich schwingt sie sich gegen halb neun Uhr auf ihr Fahrrad und radelt quer durch Olten über die alte Holzbrücke und die Altstadt hoch zur Pauluskirche. Dort begleitet sie den sonntäglichen Gottesdienst an der Orgel. Seit gut 30 Jahren arbeitet Salvisberg als Organistin der reformierten Kirchgemeinde Olten. «Olten schläft dann noch und ist ganz still», schwärmt die 51-Jährige von ihrem wöchentlichen Ritual. Es ist einer der wenigen Fixpunkte ihres üblichen Wochenablaufs. «Einen typischen Tag gibt es nicht», sagt Salvisberg und zählt ihre vielen Engagements auf: Sie unterrichtet Klavier an den Musikschulen Untergäu und Wolfwil-Fulenbach. Über dreissig Klavierschülerinnen und Klavierschüler motiviert sie zum täglichen Üben, sucht passende Stücke und organisiert regelmässig Konzerte für die Eleven. Sie begleitet den katholischen Kirchenchor Dulliken als Chororganistin. Sie veranstaltet die Abendmusik in der Pauluskirche, ein Konzertzyklus mit rund sechs Konzerten im Winterhalbjahr. Und sie erteilt auch Orgelstunden: «Das sind aber nur einige wenige», winkt sie lachend ab. Für sie als Musikerin sei die Vielfalt nicht ungewöhnlich. «Nur die Steuerbehörde ist jeweils etwas verwirrt, wenn ich zehn Lohnausweise einreiche», witzelt sie.

Ein Wink des Schicksals

Dass sie Musikerin werden würde, stand für Salvisberg nicht immer fest. «Ich interessiere mich auch sehr für Sprachen und fasste sogar ein Pharmaziestudium ins Auge», erinnert sie sich. Auf der linken Oltner Stadtseite, «der engeren», im altehrwürdigen Schöngrundquartier aufgewachsen, war sie sechzehn Jahre alt, als sie an ihrer Konfirmation von den Orgelklängen überwältigt wurde. Salvisberg beschloss, das Instrument zu lernen. Nach der Matur legte sie die Aufnahmeprüfung zum Orgelstudium an der Musikhochschule Basel ab. «Ich sagte mir: Wenn ich aufgenommen werde, dann ist das wohl ein Zeichen.» Sie wurde aufgenommen und sollte also Musikerin werden.

Sehnsuchtsland Frankreich

Nach vier Jahren Orgelstudium in Basel zog es Salvisberg nach Paris. «Ich hegte schon immer eine grosse Liebe für Frankreich», erzählt sie. «Früher verbrachten wir die Ferien immer in Südfrankreich.» Die Familienreisen führten jedoch selten an die Badestrände. «Das waren Kulturferien», stellt Salvisberg klar. «Wegen meinem Vater mussten wir unzählige Loire-Schlösser besichtigen.» Sie kenne wohl fast jede romanische Kirche in Frankreich, witzelt sie. «Ich stamme halt aus einer typischen Lehrerfamilie.» So beschloss sie schon früh, dass sie nie Lehrerin werden würde. Die Liebe zu Frankreich ist ihr bis heute geblieben, sie hat sich nur in den Norden verlagert. Jeden Sommer verbringt Salvisberg ein paar Wochen in der Bretagne. Die Weite des Meeres und die Meerluft ziehen sie dorthin. «Ich mag keine Hitze und der viele Wind lüftet den Kopf durch», sagt sie schmunzelnd. Baden hingegen, das müsse nicht sein.

Schritt in die Selbstständigkeit

Ein Jahr lang blieb Salvisberg in Paris, um zu studieren. «Das war ein Schritt in die Selbstständigkeit und ein Befreiungsschlag», blickt sie zurück. Im Elternhaus, in Olten und überhaupt in der Schweiz, sei alles immer sauber und geordnet, eng und pedantisch gewesen. So hatte sie schon früh beschlossen, dass sie ihr Leben nicht nur in Olten verbringen würde. Paris war anders: «In meinem damaligen Appartement riss ständig die Kordel an der Toilettenspülung», erinnert sich Salvisberg lachend. «Diese französische Lebensweise, das Laisser-faire, prägte mich sehr.» Als sie aus Paris zurückkehrte, habe sie einen kleinen Kulturschock erlebt. Trotzdem erlangte sie an der Musikhochschule in Zürich das Konzertreifediplom für Orgel und trat die Stelle als Organistin an der Oltner Pauluskirche und später jene an den beiden Musikschulen an.

Für Olten entschieden

«Ich sagte, ich würde nie als Lehrerin arbeiten und nicht in Olten bleiben und heute tue ich beides», stellt Salvisberg gelassen fest. Spätestens vor sieben Jahren entschloss sie sich für die Dreitannenstadt. Damals kaufte sie sich hier eine Eigentumswohnung, allerdings auf der rechten Stadtseite, «jene mit dem offenen Esprit.» Seit ihrer Kindheit habe sich Olten sehr gewandelt. Das kulturelle Angebot sei viel grösser und mit der autofreien Innenstadt lade der Ort nun zum Verweilen ein. «Olten hat heute eine ganz andere Ausstrahlung, jetzt bin ich sehr wohl hier.» Dennoch entflieht Salvisberg dem Städtchen gerne: beim Salsa tanzen ober beim Singen. «Singen ist für mich der nichtberufliche Teil der Musik», sagt sie, die über die Jahre in unzähligen Chören mitwirkte. Auch braucht Salvisberg die Natur. «Ihre Runde» nennt sie den Spaziergang, der sie von ihrer Wohnung das Mühletäli hoch, hinter den Wartburghöfen vorbei und durch den Wald wieder zurückführt. Nach Tagen, die mit vormittäglichem Üben und nachmittäglichem Unterrichten prall gefüllt sind, lädt sie hier ihre Energiereserven wieder auf. «Manchmal jogge ich die Runde auch», bemerkt sie. Oder sie nimmt ihr Velo und fährt der Aare entlang Richtung Winznau. «Dann habe ich aufgetankt.»

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