Kolumne
27.04.2022

Nur «Ja» heisst Ja

Irène Dietschi, Journalistin.
         
         
            
               (Bild: Daniela Friedli)

Irène Dietschi, Journalistin.

Von: Irène Dietschi

Am Bahnhof fällt mir ein Plakat ins Auge: «Dank der Organspende haben meine Kinder weiterhin eine Mutter», steht beim Bild von Monica, 44, lungentransplantiert. Das Plakat wirbt für ein Ja zum Transplantationsgesetz, über das am 15. Mai abgestimmt wird. Es sei «eine Abstimmung fürs Leben», behauptet die Kampagne. Wer möchte solch eindringlichen Worten widersprechen? Wer hat schon Zweifel bei einem Gesetz, das grossmehrheitlich als «lebensbejahend» bezeichnet wird?

Ich zum Beispiel. Ich werde mit «Nein» stimmen. Und bevor Ihnen jetzt vor Empörung das Blut in die Wangen schiesst, lesen Sie bitte weiter.

Die Organentnahme ist ein Gewaltakt – «der grösste Eingriff, den man bei einem Menschen überhaupt vornehmen kann», beschrieb ihn der Arzt Alex Frei im Tages-Anzeiger. Sechs Stunden dauert es, um einem hirntoten Patienten Herz, Leber, Nieren, Bauchspeicheldrüse, beide Lungenflügel aus dem Leib und die Hornhäute von den Augäpfeln zu schneiden. Biologisch ist der Patient noch am Leben: Er wird beatmet, sein Herz schlägt.

Dafür soll nun also keine explizite Zustimmung mehr nötig sein. Nur wenn die Patientin zu Lebzeiten ein «Nein» hinterlegt hat oder die Angehörigen widersprechen, gilt jemand in Zukunft als nicht spendebereit. Hingegen werden Unschlüssigkeit oder Schweigen als «Ja» zur Organspende gewertet.

Die Nationale Ethikkommission hat argumentiert, mit dieser Regelung würden Grundrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder das Recht auf den eigenen Körper verletzt. Kaum jemand hat zugehört. Ich finde: Die Organspende ist ein Geschenk – das grösste, das man anderen Menschen machen kann. Man muss sie aus ganzem Herzen wollen. Und nur ein explizites «Ja» ist ein Ja.