Kolumne
04.05.2022

Der Backsteinäquator

Finja Basan, Wahloltnerin und Kommunikationsmitarbeiterin.
         
         
            
               (Bild: Timo Orubolo)

Finja Basan, Wahloltnerin und Kommunikationsmitarbeiterin.

Von: Finja Basan

Gibts hier eigentlich eine Backsteinpflicht?», fragt der Schweizer unter uns meine norddeutsche Familie schmunzelnd mit einem Blick in diese Bilderbuchsiedlung. Wir lachen herzlich, denn er könnte Recht haben. Wir sind zu Besuch im Alten Land. Dieses Fleckchen Erde ist das grösste zusammenhängende Obstanbaugebiet Europas. Das erzählt meine Mutter stolz auf jeder Autofahrt zur Familie. Auch wenige Minuten vorher, als wir eine Kurve nach der anderen nehmen, während rechts und links die blühenden Apfelbäume vorbeiziehen. Dieses Fleckchen Erde ist ein Apfelparadies. Ein Ort, der Lust auf Frühling und frischen Apfelkuchen macht. Und ein Ort, der eine Backsteinpflicht wirklich realistisch scheinen lässt.

Bevor die Hochzeit, die uns in den Norden bringt, losgeht, heisst es: Pufferzeit abbummeln. Der mögliche Stau war dann nämlich doch keiner. Also laufen wir durch diese Einfamilienhaussiedlung. Vorbei an Klinkerbauten in unterschiedlichen Rottönen sinnieren wir über die Backsteinpflicht und einen möglichen Backsteinäquator: Die magische Grenze, an der auch andere Bauten wieder zulässig zu sein scheinen. Die Grenze ist vermutlich dort, wo der Aldi Süd beginnt. Diese roten Steine prägen den Norden. Und so richtig bewusst wurde mir das erst vor fünf Jahren. Erst die Schweizer meines Lebens zeigten mir mit jedem Besuch und solchen Fragen, dass der Norden Backstein ist. Denn hier gibts Wind, gibts Regen. Und oft beides zusammen. Und der Backstein kann das, wie wir Nordkinder, aushalten.

Nach der Hochzeit zwischen roten Klinkern sitzen wir nun im Zug zurück nach Hause, haben den Backsteinäquator längst hinter uns gelassen und ich habe immer noch Lust auf Apfelkuchen. Draussen düst Deutschland an uns vorbei und auf uns warten verputzte und gestrichene Häuser mit Fensterläden.