Kolumne
17.04.2019

Betreff

<em>Daniel Kissling</em>, Kulturschaffender und Barkeeper. (Bild: M. Isler)

Daniel Kissling, Kulturschaffender und Barkeeper. (Bild: M. Isler)

Daniel Kissling

Am Montag brannte es in Paris. Am Montag brannte Notre Dame und dass dieser Name schon ein Bild in uns weckt, zeigt die kulturelle Wichtigkeit dieses Gebäudes. Die Jahrhunderte überdauert, in unzähligen Büchern und Filmen verewigt und auf noch mehr Urlaub-Fotos festgehalten. Letzteres auch von mir, letzten Herbst. Es war Abend, ein Strassenmusiker spielte eine nachdenkliche Melodie und trotz all der Selfie-Sticks lag ein Hauch von Ewigkeit in der Luft.

Als die Oltner Holzbrücke vor einem Jahr brannte, war es Mittag, nicht Abend, und CNN brachte keine Live-Schaltung. Paris ist nicht Olten. Und trotzdem: Ich hatte damals zum Mittagessen abgemacht, wartete beim Springbrunnen, schaute zu wie der Rauch über die Aare wehte und konnte es nicht fassen. Konnte nicht fassen, wie es sein würde, wenn die Brücke nicht mehr sein würde.

«Die ganze Welt beweint ein altes Gebäude, während im Mittelmeer täglich Menschen sterben», kommentierte ein Freund von mir die allgemeine Bestürzung über Notre Dame. Seine Bitterkeit kann ich durchaus nachvollziehen. Es ist gleichzeitig beeindruckend und beschämend, wie gut wir Menschen darin sind, die einen Tragödien zu ignorieren und uns von den anderen erschüttern zu lassen.

Betroffenheit ist subjektiv. Be-troffen macht, was mich betrifft. Der selbe Mensch, der beim Tod seiner Grossmutter mit den Schultern zuckt, meldet sich beim Ableben seines geliebten Hundes für eine Woche krank und stellt eine rührende Foto-Slideshow vom Vierbeiner auf Facebook. Hunde können mehr als «nur» Hunde sein, genauso ein Gebäude mehr als nur ein Gebäude sein kann und beides ist nicht verkehrt. Jetzt müssen wir es nur noch hinkriegen, dass die einen Menschen nicht weniger sein können als die anderen.

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