Kolumne
17.07.2019

Das Leben ist ein Bahnhof

<em>Urs Bloch</em>, Mediensprecher.

Urs Bloch, Mediensprecher.

Urs Bloch

Der Bahnhof ist ein Seismograph unseres Innenlebens. Da gibt es nichts zu vertuschen: So wie unser Charakter uns durchs Leben steuert, so bewegen wir uns auch unter der grössten Halle der Stadt. Beispielsweise die Gewohnheitstiere. Sie nehmen immer zur gleichen Zeit die gleiche Route, nicht nur zum selben Zug, sondern zum selben Wagen desselben Zugs. Hält dieser Wagen bei der Zugseinfahrt nicht an der üblichen Stelle, so gibt es einen tiefen Seufzer. Eine Verspätung führt zum Absingen wüster Lieder. Denn die Gewohnheitstiere mögen keine Abweichungen in ihrem klar getakteten Tagesablauf. Deutlich weniger Nerven zeigen die Entspannten. «Was? Noch zwei Minuten bis zur Abfahrt? Das reicht locker für einen Kaffee am Kiosk.» Im Zug nehmen sie dann mit einem Lächeln den Deckel vom Kaffeebecher, nachdem sie sich gesetzt haben. Denn die Entspannten finden immer einen Platz, weil sie schon gar nicht erwarten, dass man für sie allein ein leeres Vierer-Abteil bereithält. Ein solches zu ergattern, versuchen hingegen die latent Gestressten. Jeden Tag von Neuem. Sie sind ständig ein bisschen angespannt und der Alltag ist mehr Kampf als Freude. Das Motto «Was? Nur noch fünf Minuten, bis der Zug fährt!» zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben.

Unter den Entspannten gibt es noch eine Steigerung: Die Kantischüler auf dem Weg zur Schule. Kurz vor 7.30 Uhr tauchen sie in grosser Zahl auf und nehmen die beiden Unterführungen in Beschlag. Im Tempo einer Weinbergschnecke durchqueren sie den Bahnhof. Kantischüler erkennt man sofort, denn sie sind immer in Gruppen unterwegs. Natürlich gehen sie neben- und nicht hintereinander, was alle wissen, die genau in diesem Moment ihren Zug erreichen müssen.
Die Entspanntheit dieser jungen Menschen müsste man haben!

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