Kolumne
21.08.2019

Die Welt zwischen zwei Kartondeckeln

<em>Urs Bloch</em>, Mediensprecher.

Urs Bloch, Mediensprecher.

Urs Bloch

Wer liest, ist nie allein. Während der Lektüre begleitet er die Figuren in einem Buch. Der Leser lässt sich aus seiner realen Welt fallen, um in einer anderen Umgebung zu landen. Er übergibt seine Sicht auf die Welt für die Dauer der Lektüre in die Hände einer Autorin oder eines Autors. Ist ein Roman gelungen, nehmen Buchstaben Form an und schliessen uns Türen auf, die in bis anhin unbekannte Räume führen.

Wer liest, ist nie allein. Denn in der Regel ist er nicht der Einzige, der ein bestimmtes Werk liest. Doch wenn 2635 Menschen das gleiche Buch lesen, erzählt dieses Buch auch 2635 verschiedene Geschichten. Unsere Erfahrungen und unser Vorstellungsvermögen verweben wir während der Lektüre mit dem Gelesenen zu einer eigenen und einzigartigen Story.

Wer liest, ist nie allein. Das wurde mir in den Sommerferien bewusst, als ich Gerhard Meiers «Land der Winde» las. Der Niederbipper schuf darin um den fiktiven Ort «Amrain» herum seinen unverwechselbaren Sound des Jurasüdfusses. Ich hatte das Buch antiquarisch erstanden und stellte erst beim Lesen fest, dass der vormalige Eigentümer seine Gedanken mit Bleistift im Buch festgehalten hatte. Es muss ein zähes Ringen gewesen sein – Fragzeichen, Ausrufezeichen, Unterstreichungen und Korrekturen (auch falsche) zeugen davon.

Mein Vorgänger schrieb Name und Datum oben rechts auf die erste Buchseite und hatte damit die gleiche Angewohnheit wie ich. Aus Respekt dem Buch gegenüber schreibe ich aber jeweils auf eine linke Seite. Wieso ich das mache? Ich weiss es nicht. Aber seit dieser Sommerlektüre, die zu einer Auseinandersetzung mit dem Buch und den Notizen des Vor-Lesers wurde, weiss ich: Wer liest, ist nie allein.

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