Stadt
18.11.2020

«Sucht hört nicht um fünf Uhr auf»

«Konzepte nicht für, sondern mit den Menschen machen»: Ursula Hellmüller, Co-Geschäftsleiterin der Suchhilfe Ost an ihrem Oltner Arbeitsplatz. (Bild: Franz Beidler)

«Konzepte nicht für, sondern mit den Menschen machen»: Ursula Hellmüller, Co-Geschäftsleiterin der Suchhilfe Ost an ihrem Oltner Arbeitsplatz. (Bild: Franz Beidler)

Ursula Hellmüller Vor gut drei Monaten übernahm Ursula Hellmüller die Co-­Geschäftsleitung der Suchthilfe Ost. Mit klarer ­Haltung hat sie bereits klare Ziele gesteckt.

Von: Franz Beidler

Ihr bisheriges, reiches Berufsleben habe vorallem ihre Haltung geprägt: «Der unerschütterliche Glaube daran, dass sich Menschen verändern können», sagt Ursula Hellmüller. Als ausgebildete Sozialarbeiterin arbeitete die 53-Jährige auf der Gasse und in der Wohnbegleitung. Später übernahm die gebürtige Baslerin die Geschäftsleitung der «Plattform Glattal». Der Verein setzt sich in fünf Zürcher Gemeinden für Menschen in sozial schwierigen Situationen ein und leistet Arbeitsintegration und Jugendarbeit. Die letzten fünf Jahre arbeitete Hellmüller als Dozentin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Ich unterrichtete mehrheitlich in Olten», erzählt sie. Vor drei Jahren zog sie nach langer Zeit in Zürich schliesslich in die Dreitannenstadt. Mit dem ersten August dieses Jahres übernahm sie die Co-Geschäftsleitung der Suchthilfe Ost mit Hauptsitz in Olten. Als GmbH aufgestellt, bietet die Suchhilfe Ost unterstütztes Arbeiten und begleitetes Wohnen an, betreibt Prävention, berät Suchtkranke sowie deren Umfeld und organisiert die Oltner Stadt-küche. «Wir müssen aufhören, Konzepte für die Menschen zu machen. Wir müssen Konzepte mit den Menschen machen», schliesst Hellmüller aus ihren Erfahrungen. Schliesslich habe jede Biografie ihre Besonderheiten, woraus sich unterschiedliche Bedürfnisse ergäben. «Das Individuum muss eine Lösung für sich finden», ist sie überzeugt, «sonst ist das nicht Nachhaltig.» Ausserdem sei dies auch Ausdruck von Respekt. «Für Suchtkranke sind Suchtmittel eine Strategie mit Konflikten umzugehen.» Ihnen fehle es am Werkzeug, belastende Situationen anders zu bewältigen. «Oder dann steckt hinter der Sucht eine unentdeckte, psychische Erkrankung», weiss Hellmüller. «Mit den Drogen medikamentieren sich die Süchtigen dann selber.» Die Gratwanderung der Suchhilfe Ost ist also, Suchtkranken zu helfen, ohne sie ihrer selbstständigen Lebensplanung zu berauben.

Die eigene Haltung beweisen

Diese Haltung musste Hellmüller in ihrem Berufsleben auch immer wieder beweisen. «Als ich noch bei der «Plattform Glattal» war», beginnt sie zu erzählen, «da hatten wir eine junge Frau, die in der Arbeitsintegration im Café arbeitete.» Die Jugendliche war von der Mutter vernachlässigt und später von ihrer Grossmutter und einer Pflegefamilie rausgeworfen worden. «Sie war sehr provokativ. Eines Tages hatte sie einen Wutanfall, schrie herum und bewarf Gäste mit Kaffee.» Hellmüller holte sie zu sich ins Büro und stellte klar: «Du kannst das ganze Café kaputtschlagen, aber ich werfe dich nicht raus.» Schliesslich absolvierte die junge Frau eine Ausbildung zur Restaurationsfachfrau. An ihrem Abschlussgespräch habe sie gesagt: «Ich musste mich selber erziehen und habe dabei Fehler gemacht.» Diese Fähigkeit zur Selbstreflexion sei eines der Werkzeuge, die Menschen aus schwierigen Verhältnissen oft nirgends lernten, erklärt Hellmüller.

Die wilde und farbige Praxis

«Ich mag diese Menschen, die vielleicht nicht immer so trittsicher sind. Sie inspirieren mich», sagt Hellmüller. Es war der fehlende Kontakt zu ihnen, der sie im November 2019 Stelleninserate durchkämmen liess. «Als Dozentin zu arbeiten, machte mir grossen Spass», hält sie fest. «Aber ich bewegte mich in einer Komfortzone. Mir fehlte die wilde und farbige Praxis.» Bei der Suchthilfe Ost bewarb sie sich wegen der Leitungsaufgaben. «Ich will gestalten.» Noch vor Weihnachten fand das erste Gespräch statt. «Ich hatte auf Anhieb ein gutes Gefühl.» Im Januar fiel der Entschluss, dass Hellmüller ab Sommer für die Sucht-hilfe Ost tätig sein würde.

Ein Willkommen mit Blumenstrauss

«Als Erstes fand ich hier einen Blumenstrauss», erzählt Hellmüller fröhlich. Damit hatte ihre Co-Geschäftsleiterin Esther Altermatt sie Willkommen geheissen. Dann machte sich Hellmüller an die Arbeit. «Die Mehrheit der Mitarbeitenden wünscht sich mehr Führung», bemerkte sie bald. Das deckte sich mit ihrer Einschätzung. «Viele sind motiviert und kompetent, fühlen sich aber sich selbst überlassen.» Um das zu ändern, besucht Hellmüller jeden Standort von Suchthilfe Ost während mindestens einem halben Tag. «Ich war bei der Prävention in den Schulen, in den betreuten Wohnungen oder in der Stadtküche», nennt sie Beispiele. Bis Ende Jahr sei sie überall gewesen. «Ich will damit auch Kontaktängste der Mitarbeitenden abbauen.» Ausserdem hätten die Leute Führung zu Gute. «Wenn schon jemand mehr Lohn hat, dann soll er auch mehr leisten», findet Hellmüller. Nicht zuletzt deshalb hat sie bereits klare Ziele formuliert: «Die Suchthilfe Ost soll das Kompetenzzentrum für Suchtfragen in der Region und als solches bekannt sein.» Dazu wolle sie eng mit der Wissenschaft zusammenarbeiten und ihr Netzwerk von der FHNW nutzen. «Theorie und Praxis sollen sich wechselseitig befruchten.» Ab Sommer 2021 soll die Suchthilfe Ost auch wieder Lehrstellen anbieten, denn: «Lernende haben eine gewisse Narrenfreiheit, das ist immer ein Gewinn.» Ausserdem will Hellmüller bewirken, dass die Oltner Stadtküche ihre Öffnungszeiten wieder auf sieben Tage die Woche ausweitet. «Schliesslich hört Sucht nicht Freitags um fünf Uhr auf.»

www.suchthilfe-ost.ch

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