Stadt
17.02.2021

«Wir können nicht allen gleichzeitig Genüge tun»

René Wernli, seit 2013 Leiter des Werkhofes der Stadt OIten, pilotiert bei starkem Schneefall und pausenlosem Einsatz auch mal selber ein Räumfahrzeug.
«Wir stellen fest, dass man früher ein natürlicheres Verhältnis zu den Jahreszeiten hatte.» René Wernli, Leiter Werkhof (Bilder: Achim Günter)

René Wernli, seit 2013 Leiter des Werkhofes der Stadt OIten, pilotiert bei starkem Schneefall und pausenlosem Einsatz auch mal selber ein Räumfahrzeug.

René Wernli, seit 2013 Leiter des Werkhofes der Stadt OIten, pilotiert bei starkem Schneefall und pausenlosem Einsatz auch mal selber ein Räumfahrzeug.
«Wir stellen fest, dass man früher ein natürlicheres Verhältnis zu den Jahreszeiten hatte.» René Wernli, Leiter Werkhof (Bilder: Achim Günter)

«Wir stellen fest, dass man früher ein natürlicheres Verhältnis zu den Jahreszeiten hatte.» René Wernli, Leiter Werkhof (Bilder: Achim Günter)

Winterdienst Olten Nach dem grossen Schneefall Mitte Januar wurde Kritik laut an den Räumungsdiensten. Wir haben den Leiter Werkhof zum Gespräch getroffen.

Von: Achim Günter

Der Winter 2020/21 ist wieder mal einer, der seinem Namen gerecht wird. Jüngst suchte eine Kälteperiode die Region heim. Schnee fällt seit zweieinhalb Monaten regelmässig, Mitte Januar sogar so viel wie seit 15 Jahren nicht mehr. Für die Mitarbeiter des Werkhofes in Olten bringen die Winterlaunen viel Mehraufwand mit sich.

Der Leiter Werkhof heisst seit Mai 2013 René Wernli. Dessen Arbeit ist sehr abwechslungsreich. Das Personelle beansprucht viel Zeit; 45 Personen stehen auf der Gehaltsliste des Werkhofes. Die Weiterentwicklung des Werkhofes beschäftigt ihn ebenso wie die Rechenschaftsablage über die Kosten nach jedem Grossanlass oder die fachtechnische Begleitung politischer Vorstösse und Anfragen des Parlaments. Weiter amtet er als Bereichsleiter Reinigung und Entsorgung. Nicht zu vergessen das Erstellen und Überwachen des Budgets. Zudem hält der 55-Jährige regelmässig Vorträge, zum Beispiel über Recycling. Und er muss E-Mails von Einwohnerinnen und Einwohnern beantworten.

Alleine nach dem Grossschneeereignis rund um den 15. Januar hat Wernli ein Dutzend Zuschriften erhalten. Kein einziges wartete mit Lob für die Räumungsequipen auf. Fussgänger beklagten sich über nicht freigeräumte Gehwege, ÖV-Benutzer über schwer zugängliche Bushäuschen, Velofahrer über durch Schneemaden blockierte Velowege. Partikularinteressen überall – teils durchaus aggressiv formuliert. René Wernli gibt in seinem Büro Auskunft über die Arbeit des Werkhofs.

Herr Wernli, mögen Sie Schnee?

René Wernli: (schmunzelt) Selbstverständlich mag ich Schnee.

Privat und als Leiter Werkhof?

Privat natürlich wesentlich lieber denn als Leiter Werkhof. Als solcher bedeutet Schnee stets zusätzliche Arbeit. Viele Leute meinen ja, wir vom Werkhof hätten im Winter nichts zu tun, wenn es nicht schneit. Doch das stimmt nicht. Jede Jahreszeit bringt für uns wiederkehrende Arbeiten mit sich. Jetzt, im Winter, schneiden wir vor allem Bäume. Das ist das Schöne an unserer Arbeit: Ein gewisses Grundraster ist planbar. Vieles andere ergibt sich, etwa durch Wetterphänomene oder Unfälle. Schneefall generiert für uns viele Überstunden.

Wir haben in den vergangenen Jahren diverse Winter mit keinem oder nur wenig Schnee erlebt. In diesem Winter aber fällt bisher relativ oft und viel Schnee. Als am 15. Januar fast 30 Zentimeter fielen, wurde prompt Kritik an Ihrem Team laut, weil zum Beispiel Velowege blockiert waren.

Es ist verständlich, dass jeder Verkehrsteilnehmer eine eigene Optik auf das Geschehen wirft. Der Fussgänger will möglichst rasch die Trottoirs und Fussgängerstreifen geräumt haben, der ÖV-Benutzer ist der Meinung, als erstes sollten sämtliche Bushaltestellen geräumt sein, der Velofahrer findet leergeräumte Fahrradstreifen das Allerwichtigste, Automobilisten erwarten, dass sie die Strasse benützen können wie im Sommer. Aber wir können nicht allen gleichzeitig Genüge tun.

Sind wir vielleicht einfach den Umgang mit Schnee nicht mehr gewohnt?

Das ist eine sehr gute Frage. Wir stellen tatsächlich fest, dass man früher ein natürlicheres Verhältnis zu den Jahreszeiten hatte. Im Winter pflegte man zum Beispiel spezielle Winterschuhe anzuziehen. Heute erwartet man, auch bei Schneefall mit seinen schönen Büroschuhen vom Quartier an den Bahnhof zu gehen – ohne auszurutschen und wenn möglich trockenen Fusses. Und Velofahrer stiegen früher bei schlechten Strassenverhältnissen halt auf den Bus um. Heute hat der Fahrradstreifen stets freigeräumt zu sein.

Auch wenn es 30 Zentimeter Schnee hat.

Genau. Wir räumen die Strassen gemäss unserem Winterdienstreglement. Fällt aber so viel Schnee wie zum Beispiel Mitte Januar, ist es wie beim Leiterlispiel: Irgendwann fängt man wieder auf Feld eins an. Das ist dann auch ursächlich dafür, dass die Nachfolgearbeiten immer mehr nach hinten geschoben werden müssen. Beim Ereignis Mitte Januar waren wir von Donnerstag bis Dienstag während jeweils 24 Stunden im Dauereinsatz. Es stehen für solche Ereignisse aber nicht endlos Leute zur Verfügung – zumal gewisse Arbeiten des Werkhofes trotzdem garantiert werden müssen, etwa das Entsorgen, das Reinigen der öffentlichen Toilettenanlagen oder das Kremieren verstorbener Personen. Der Werkhof Olten umfasst 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nicht alle von denen können für den Winterdienst im Einsatz stehen.

Wo liegen denn die Prioritäten Ihrer Leute an solchen Tagen?

Erste Priorität haben die Kantonsstrassen, denn wir räumen im Auftrag des Kantons auch diese. Zweite Priorität haben die Buslinien, dritte die sogenannten Stichstrassen, Sammelstrassen in Quartieren. Grundsätzlich fährt zuerst überall ein Schneepflug durch. Ist das erledigt, gehen wir «nachdrücken», machen also die Feinarbeit: etwa Fahrradstreifen oder Kreuzungen vom Schnee befreien. Anschliessend kümmern wir uns um Fussgängerüberführungen, dann um Bushaltestellen. In Olten gibt es 98 Bushaltestellen, die geräumt werden müssen! Irgendwann befreien wir die Ablaufschächte vom Schnee, damit das Wasser wieder ablaufen kann. Quartierstrassen kommen erst in letzter Priorität dran. Das aber begreifen viele Leute nicht.

Sind Sie selber eigentlich auch mal draussen im Einsatz?

Selbstverständlich. Der Chef fährt auch manchmal Winterdienstgeräte (schmunzelt). Aber die Regel ist das natürlich nicht.

In den vergangenen Tagen gab es auch einige recht kalte Tage. Welche Herausforderungen bringen die mit sich für das Werkhof-Team?

Falls es trocken ist und sich nirgendwo eisige Flächen gebildet haben, zeitigen diese eigentlich keine Auswirkungen auf den eigentlichen Winterdienst. Aber es gibt gewisse Arbeiten, die wir bei grosser Kälte nicht machen können. Zum Beispiel können wir die mit Wasser arbeitenden Strassenreinigungsmaschinen nicht einsetzen, weil das Wasser gefriert.

Wie steht es um die Salzvorräte der Stadt Olten? Es ist jetzt Mitte Februar, darf es noch kalte Tage geben in diesem Winter?

Wir haben im gesamten letzten Winter neun Tonnen Salz gebraucht, in diesem sind es nun schon über 200 Tonnen. 250 Tonnen haben wir zu Winterbeginn stets eingelagert, in zwei Silos, eines für 150 und eines für 100 Tonnen. 50 Tonnen Salz haben wir in diesem Winter bereits nachbestellt. Es reicht also gut bis Ende Winter (schmunzelt). Meistens kaufen wir im Juni oder Juli Salz ein. Dann ist es einerseits günstiger, andererseits sind wir damit immer gut vorbereitet für den Winter.

Was wird Sie nach dem Winter hauptsächlich beschäftigen?

Die angestrebte CO2-Neutralität der Stadt. Es gilt diesbezüglich den Markt zu beobachten. Welche Anschaffungen machen für uns Sinn? Wir haben beispielsweise viele benzinbetriebene Geräte gehabt und nun immer mehr auf Elektroantrieb umgestellt. Dabei gilt es aber stets darauf zu achten, ob diese die gleiche Leistung bringen wie die vorherigen. Um in diesem Zusammenhang auf den Winterdienst zurückzukommen: Die Kommunalfahrzeuge, mit denen wir die Strassen vom Schnee befreien, gibt es auf dem Markt teilweise auch elektrisch. Aber die laufen acht Stunden und müssen dann während acht Stunden aufgeladen werden. Unsere Räumfahrzeuge waren jetzt teilweise während mehr als 24 Stunden am Stück im Einsatz, nur der Pilot wechselte. Also muss ich mir heute schon Gedanken machen über die Konsequenzen, wenn wir dereinst nur noch Elektrofahrzeuge haben werden. Brauchen wir dann zwei Fahrzeuge mehr, oder nimmt man ganz einfach Einschränkungen in Kauf? Wenn man den Winterdienst aus dem Budget der Stadt streichen will, kann man das tun. Dann müssen aber die verantwortlichen Politiker der Bevölkerung auch klar sagen, dass die Strassen nur noch zwischen 7 Uhr morgens und 5 Uhr nachmittags geräumt werden. Und wenn man Leute im Werkhof einsparen will, fehlen die nicht nur bei den betreffenden Leistungen, sondern auch im Winterdienst.

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