Region
27.10.2021

Gifte im verstaubten Kellerregal

Seit dreissig Jahren in der Sonderabfallentsorgung: Manfred Känzig.
Die Umweltschutzkommission der Gemeinde Walterswil am Sammeltag letzten Samstag: (v.l.) Jörg Müller, Gemeinderat Ressort Umwelt und Kultur, Brigitte Rechsteiner, Aktuarin, Urs Hagmann, Vizepräsident, Carmela Bühler, Präsidentin. (Bilder: fb)

Seit dreissig Jahren in der Sonderabfallentsorgung: Manfred Känzig.

Seit dreissig Jahren in der Sonderabfallentsorgung: Manfred Känzig.
Die Umweltschutzkommission der Gemeinde Walterswil am Sammeltag letzten Samstag: (v.l.) Jörg Müller, Gemeinderat Ressort Umwelt und Kultur, Brigitte Rechsteiner, Aktuarin, Urs Hagmann, Vizepräsident, Carmela Bühler, Präsidentin. (Bilder: fb)

Die Umweltschutzkommission der Gemeinde Walterswil am Sammeltag letzten Samstag: (v.l.) Jörg Müller, Gemeinderat Ressort Umwelt und Kultur, Brigitte Rechsteiner, Aktuarin, Urs Hagmann, Vizepräsident, Carmela Bühler, Präsidentin. (Bilder: fb)

Walterswil/Kanton Längst verbotene ­Pestizide lagern noch in so manchem Keller. Eigentlich Sondermüll. Dafür will der Kanton mit dem Projekt «Ig bi suber» sensibilisieren und über Alternativen aufklären. Ein Augenschein am Sonderabfallsammeltag in Walterswil.

Von: Franz Beidler

Manfred Känzig steht auf dem Parkplatz der Mehrzweckhalle Walterswil, vor sich ein knappes Dutzend blaue Fässer, hinter sich ein Lastwagen. «Altola» steht in blauen Buchstaben auf dessen Seite. Känzig zeigt auf jedes Fass und zählt auf: 200 Kilogramm Dispersionsfarben, 300 Kilogramm lösungsmittelhaltige Farben, 40 Kilogramm Laugen, 60 Kilogramm brennbare Lösungsmittel. Dann je 40 Kilogramm Säuren, Spraydosen und Alt- und Speiseöl. 20 Kilogramm Haushaltsreinigungsmittel, 5 Kilogramm spezielle Chemikalien, wenige Medikamente. «Pestizide kamen etwa 60 Kilogramm zusammen», sagt Känzig.

Das ist die Ausbeute des Sammeltags für Sonderabfälle der Gemeinde Walterswil, der am letzten Samstag stattfand. «Grob geschätzt etwa 800 Kilogramm Sonderabfälle, davon knappe zehn Prozent Pestizide», fasst Känzig zusammen. Er ist seit dreissig Jahren in der Sonderabfallentsorgung tätig und jedes Jahr bei etwa hundert solchen Sonderabfallsammeltagen in ebenso vielen Gemeinden dabei. Die 800 Kilogramm Sonderabfälle aus Walterswil seien nichts Aussergewöhnliches. Die Gemeinde zählt etwas über siebenhundert Einwohner.

«Den Sonderabfallsammeltag führen wir alle zwei Jahre durch», gibt Carmela Bühler Auskunft. Als Präsidentin der Umweltschutzkommission der Gemeinde Walterswil organisiert sie die Sammeltage jeweils. Was diesmal besonders ist: Die Kosten für die Entsorgung der sechzig Kilogramm Pestizide wird die Gemeinde dem Kanton in Rechnung stellen können. Der bietet das im Rahmen des Projekts «Ig bi suber» an.

Pestizide fachgerecht entsorgen

Das Projekt «Ig bi suber» lancierte der Kanton Solothurn anfangs 2020. Ziel ist einerseits, Bevölkerung und Gemeinden dazu zu bewegen, Pestizide fachgerecht zu entsorgen. Andererseits soll auch für das Thema Pestizide und Pestizidabfälle sensibilisiert werden: So sollen Private wie auch Gemeinden ihren Umgang mit Pestiziden überdenken und möglichst auf alternative Mittel zurückgreifen. Dazu stellt der Kanton einen Flyer und auf seiner Homepage Merkblätter mit praktischen Tipps zur Verfügung.

Magdalena Gisiger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Amts für Umwelt des Kantons Solothurn und Projektleiterin von «Ig bi suber», ordnet ein: «Das Projekt ist eine von vielen Massnahmen des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel, der von der Kantonsregierung 2018 in Auftrag gegeben wurde.» Daraufhin wurde ein Vorprojekt in ausgewählten Gemeinden durchgeführt. «Wir untersuchten stichprobenartig, welche Pestizide an Sonderabfalltagen jeweils zurückgebracht werden», erzählt Gisiger. «Etwa ein Viertel war schon lange nicht mehr zur Verwendung zugelassen.» Anscheinend lagerten also in so manchem Keller noch Resten von eigentlich gefährlichen Pestiziden.

Entsorgungskosten gegen Aufklärung

So schrieb der Kanton anfangs 2020 alle Gemeinden im Kanton an, sich an «Ig bi suber» zu beteiligen. «Der Kanton übernimmt die Entsorgungskosten für Pestizide, die Gemeinden hingegen die Aufklärungsarbeit», beschreibt Gisiger den Plan. Auf den Aufruf seien die Rückmeldungen positiv ausgefallen, mehr als die Hälfte aller Gemeinden im Kanton beteiligten sich. «Die Sensibilisierung für das Thema liegt allen am Herzen», sagt Gisiger.

Känzig, der Altola-Mann vor Ort, bestätigt die Beobachtungen des Kantons aus der Voruntersuchung: «Zu Beginn des Projekts machten Pestizide manchmal zwischen zwanzig und dreissig Prozent aller gesammelten Sonderabfälle aus.» Inzwischen habe sich das wieder beim knappen Zehntel aus den Vorjahren eingependelt. Viele Restbestände haben wohl also den Weg aus verstaubten Kellerregalen in die fachgerechte Entsorgung gefunden.

Für die Entsorgung der Pestizide hat der Kanton bisher knapp 22000 Franken an die beteiligten Gemeinden überwiesen. «Bis Ende Jahr werden das nur wenig mehr sein», schätzt Gisiger. Im Kantonsbudget ist das ein kleiner Betrag. Mit dem Geld seien aber schon sechseinhalb Tonnen Pestizide entsorgt worden, erklärt Gisiger.

Kein finanzielles Problem

Auch Bühler, die Präsidentin der Umweltschutzkommission Walterswil, und ihr Vize Urs Hagmann bestätigen, dass die Entsorgung der Pestizide die Gemeinde jeweils nicht viel Geld kostet. Hagmann sieht die Problematik denn auch nicht bei den Finanzen: «Ein Umdenken ist gefordert», sagt er. «Aber das muss zuerst in den Köpfen ankommen und reifen. Das braucht Zeit.» Das Projekt sei nur der erste Schritt. Die Gemeinde Walterswil nimmt sich den Anstoss zu Herzen: «Wir prüfen zurzeit, welche Mittel unsere Mitarbeitenden von der Gemeinde einsetzen», gibt Bühler Auskunft. Mehr noch als finanzielle Unterstützung würden den Gemeinden fachliche Informationen helfen. «Was Pestizide angeht, sind wir halt Laien», sagt Bühler.

Umso besser, dass das Projekt «Ig bi suber» Ende Jahr nicht zu Ende geht. «Die Kostenübernahme war zwar eine einmalige Sache», erklärt Gisiger. «Das Infomaterial stellen wir aber weiterhin zur Verfügung.» Ausserdem sei im Kantonsrat ein Auftrag eingegangen, das Projekt weiterzuentwickeln. In welche Richtung das dann aber geschehen soll, werde derzeit diskutiert, so Gisiger.

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