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19.05.2021

Der Neugierige

Mathieu von Rohr leitet seit zwei Jahren das Auslandressort des «Spiegel» in Hamburg. (Bild: Christian Schoppe)

Mathieu von Rohr leitet seit zwei Jahren das Auslandressort des «Spiegel» in Hamburg. (Bild: Christian Schoppe)

Mathieu Von Rohr Er sei angefixt vom Journalismus, sagt Mathieu von Rohr. Das führte ihn aus Wangen bei Olten nach Hamburg. Und dann an Brandherde auf der ganzen Welt.

Von: Franz Beidler

Angefangen habe alles in Olten, setzt Mathieu von Rohr an, «beim Oltner Tagblatt.» Er ging noch in der Oltner Kanti zur Schule, da schrieb er die ersten Artikel für das Lokalblatt. «Wenn ich mich recht erinnere, handelte der allererste Artikel von einem gemeinsamen Konzert des Männerchors Kappel und der Dorfmusik Gunzgen», sagt von Rohr schmunzelnd.

Heute sitzt er in seinem Büro im elften Stock des Spiegel-Gebäudes Ericusspitze in Hamburg. Der 43-Jährige ist Leiter des Auslandressorts, eben beim Spiegel, einem der einflussreichsten deutschen Nachrichtenmagazine. Von Rohrs Leitartikel, Kommentare und Newsletter erreichen wöchentlich mehrere Millionen Menschen.

Die Realität da draussen

«Ich kann ihnen sonst noch schnell das Büro hier zeigen, wenn sie das möchten», sagt er zum Ende des Videoanrufs lächelnd in seinen Laptop, hebt diesen dann hoch und führt dessen Kamera herum: An die Magnettafel hinter sich, an der eine Titelseite der «Al-Masry Al-Youm» hängt, einer ägyptischen Tageszeitung. «Die hängt seit 2011 an meiner Wand», erklärt von Rohr. Er war in Kairo, als der Autokrat Mubarak gestürzt wurde. «Die Titelseite ist vom Tag danach.»

Dann führt er die Kamera zu einem grossen Bild an der Wand, auf dem ein kleines gelbes Auto zwischen zerbombten Gebäuden durchfährt. «Das ist Homs, Syrien», sagt von Rohr. Er sei selber nie dort gewesen, aber der Fotograf Christian Werner, der habe ihm das Bild geschenkt. «Für mich ist es ein Mahnmal», erklärt von Rohr. «Ein Blick in die Realität der Welt da draussen, die wir beschreiben wollen.» Und ein Mahnmal auch dafür, dass Journalisten vor Ort sein müssen. «Das ist so wichtig, dass wir vor Ort sind», bekräftigt von Rohr.

Diesem Ruf ist er selber gefolgt. Zuerst eben beim Oltner Tagblatt, wo er vor allem über Kultur schrieb. «Ich erinnere mich an Konzerte im «Hammer» und im «Metro»», erzählt er vergnügt. Als von Rohr dann in Basel zu studieren begann, meldete er sich bei der Basler Zeitung. Vom freien stieg er dort schnell zum festen Mitarbeiter auf. «Rasender Reporter» sei er gewesen, schrieb Musik- und Theaterkritiken und «alles, was man macht, wenn man sich ausprobieren will.» Immer mehr Zeit verbrachte er in den Redaktionsräumen anstatt den Bibliothekssälen. Das Studium in Germanistik und Geschichte schloss er nach zehn Semestern nicht ab. «Ich war sowieso wohl nur die Hälfte der Zeit dort.» Stattdessen meldete er sich für die Aufnahmeprüfung an der Henri-Nannen-Schule, der berühmten Journalistenschule in Hamburg. Von Rohr wurde aufgenommen und zog 2004 in die Elbstadt.

Journalistische Power

Schon während der Ausbildung führte ihn ein Praktikum beim Spiegel nach Thailand. Von Rohr berichtete 2005 aus dem Tsunamigebiet als Teil eines zwanzigköpfigen Journalistenteams. Dessen Berichte erschienen später auch als Buch. «Ich war von der journalistischen Power beeindruckt», erinnert sich von Rohr. «Die Möglichkeit, Geschichten gross zu erzählen und etwas zu bewegen, das interessierte mich.» Das wog schwerer, als dass ihn das hochkompetitive journalistische Umfeld abschreckte. «Trotz meiner schweizerisch-diplomatischen Prägung konnte ich mit dem raueren Umgangston hier gut umgehen», meint von Rohr.

2006 wurde er beim Spiegel angestellt und war fortan wieder rasender Reporter, anstatt auf Oltens oder Basels nun eben auf der Weltbühne. «Reporter zu sein, empfand ich immer als grosses Glück, wegen der Chancen, all die Orte zu sehen und all die Menschen zu treffen.» Von Rohr berichtete aus Gaza, aus Indien, vom Drogenkrieg in Mexiko oder der Milizbewegung in den USA. 2011 begleitete er das ganze Jahr hindurch den Arabischen Frühling und war in Libyen, als Gaddafi fiel.

Danach ging von Rohr als Korrespondent des Spiegels nach Paris. Aus Frankreich hatte er zuvor schon berichtet. «Du kannst doch Französisch», hätten sie ihm in Hamburg ausserdem gesagt. Seine ersten fünf Lebensjahre hatte von Rohr in der Romandie verbracht, dann erst zog die Familie nach Wangen bei Olten. «Als ich im Kindergarten die anderen Kinder «Frère Jaques» singen hörte, fand ich deren Akzent ganz schrecklich», erzählt von Rohr und lacht.

Nach drei Jahren in Paris ging er zurück nach Hamburg, wurde zuerst Stellvertreter und 2019 Leiter des Auslandressorts vom Spiegel. «Vor allem viel besprechen», beschreibt von Rohr seine Arbeit: Heute ist er für mehr als vierzig Mitarbeitende auf der ganzen Welt verantwortlich. Mit ihnen bespricht er Themen, die Lage vor Ort, die Einsätze der Reporterinnen und Reporter oder das zukünftige Programm. Und von Rohr schreibt und redigiert eben auch Texte. «Hauptsache, ich mache Journalismus.» Auch wenn die ihm manchmal etwas zu viel werden, gehören als Ressortleiter da auch viele Konferenzen dazu. Besonders in den letzten zwei Jahren: Von Rohr managte die Fusion des Magazins «Der Spiegel» mit «Spiegel Online». Seither machen er und sein Team wöchentlich das Magazin und berichten gleichzeitig online tagesaktuell über das Weltgeschehen.

Inseln ohne Telefon

Er sei kein Workaholic, stellt er klar. «Wenn ich arbeite, arbeite ich zwar viel.» Aber er schaffe sich Inseln, ohne Telefon, Mails oder News, «eigentlich jedes Wochenende. Und in den Ferien.» Die verbringt von Rohr gerne in der Schweiz, besucht seine Eltern in Wangen, seine beiden Brüder oder Freunde. Von seinem Elternhaus aus unternimmt er dann jedes Mal eine Wanderung auf den Belchen. «Der Jura ist die Landschaft meiner Kindheit.»

Seine Zukunft habe er noch nie geplant. «Ich habe mich immer darauf eingelassen, wie es passierte – das wird auch in Zukunft so sein.» Die Schweiz sei seine Heimat, «dahin zurückzukehren theoretisch immer möglich.» Er sei ja nie bewusst ausgewandert, vielmehr davon gedriftet. Dann holt ihn doch seine Neugier ein: «Es gibt noch so vieles, das ich von der Welt noch nicht gesehen habe.»

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