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30.06.2021

«Hatten schweren Start»

«Natürlich bin ich stolz, die Stadt durch meine politischen Ämter weitergebracht zu haben.» Stadtpräsident Martin Wey. (Bild: AGU)

«Natürlich bin ich stolz, die Stadt durch meine politischen Ämter weitergebracht zu haben.» Stadtpräsident Martin Wey. (Bild: AGU)

Martin Wey 30 Jahre lang hat Martin Wey die Oltner Politik mitgeprägt, die letzten acht Jahre als Stadtpräsident. Ende Juli ist Schluss. Einen Monat vor Ablauf der Amtszeit spricht der 59-Jährige über Vergangenes und Zukünftiges.

Von: Achim Günter

Mit dem heutigen 1. Juli beginnt Ihr offiziell letzter Monat im Dienst der Stadt Olten – nach 30 Jahren als Rechtskonsulent, Stadtschreiber, Stadtrat und Stadtpräsident. Wie geht es Ihnen?

Martin Wey: Nach einer derart langen Zeit im Dienst der Stadt handelt es sich schon um eine Neuausrichtung. Gedanklich nehme ich langsam Abschied von all dem, was ich erlebt habe in dieser Zeit. Einerseits ist Wehmut vorhanden. Andererseits auch eine gewisse Erleichterung darüber, die grosse Verantwortung, die ich trage, langsam abgeben zu dürfen.

Sie verwenden den Begriff «Wehmut».

Ja. Auch Wehmut ist Teil dessen, was mir momentan durch den Kopf geht. Ich denke daran, was ich alles erlebt habe, welche Mitarbeiter ich hatte in all diesen Jahren. Durch die Corona-Zeit ist das Abschiednehmen ein wenig speziell. Die grossen Veranstaltungen, bei denen man sich mit der Bevölkerung trifft, entfallen. Es gibt auch weniger direkten Kontakt mit den Politikern. Alles ist ein wenig eingeschränkt. Das hat Vor- und Nachteile. Doch natürlich hätte ich mein letztes Amtsjahr als Stadtpräsident ein wenig anders erleben wollen und gerne direkteren Kontakt zur Bevölkerung gepflegt.

Sie arbeiteten drei Jahrzehnte für die Stadt Olten, in den letzten acht Jahren als Stadtpräsident. Worauf sind Sie am meisten stolz?

Ich denke, es ist mir durch meine Art der Kommunikation gelungen, der Bevölkerung der Stadt und dem städtischen Personal immer auf Augenhöhe zu begegnen. Ich bin in Olten aufgewachsen, habe hier die Schulen besucht – über die Jahre habe ich diese Stadt noch mehr zu schätzen gelernt. Und natürlich bin ich stolz, die Stadt durch meine politischen Ämter weitergebracht und Projekte vorangetrieben zu haben. Nicht immer ist alles gelungen. Aber ich darf doch mit einem gewissen Stolz sagen, diese Stadt über längere Zeit mitgeprägt zu haben.

Gibt es Projekte, deren Zustandekommen Sie besonders freut?

Eine grosse Freude für mich war, als die Kirchgasse verkehrsfrei wurde. Ich war damals Baudirektor. Damit konnten wir nach einem langen politischen Prozess meiner Meinung nach Mehrwert schaffen. Diese Innenstadtentwicklung kam der Stadt zugute. Gefreut hat mich auch, dass das Volk in einer insbesondere finanzpolitisch schwierigen Zeit mit überwältigendem Mehr dem Haus der Museen zugestimmt hat. Wer heute diese Dauerausstellungen in diesen Museen besucht, kann feststellen: Da ist uns ein guter Wurf gelungen. Diese beiden Highlights werden mir in besonders guter Erinnerung bleiben.

Was bedauern Sie im Rückblick?

Schade ist, dass das bereits mit grossem Mehr bewilligte Projekt Andaare aus bekannten Gründen nicht umgesetzt werden konnte. Als zweites möchte ich nennen, dass wir im Bereich der Mobilitätsplanung in der Stadt Olten mit dem Parkierungsreglement nicht durchgedrungen sind. Offenbar war die Zeit dafür noch nicht reif. Das hat mich geärgert. Und ich habe es bedauert, dass die Stadt Olten keine Vorzeigestadt im Bereich der modernen Mobilitätsplanung werden konnte. Was wir ebenfalls noch nicht erreicht haben: die Verbesserung der Verkehrsverbindung zwischen dem linken und dem rechten Aareufer.

Mit der Formulierung «aus bekannten Gründen» nehmen Sie Bezug auf die finanzielle Situation. Während der acht Jahre als Stadtpräsident haben Sie darunter gelitten, dass die Stadt Olten nach dem plötzlichen Ausbleiben der Alpiq-Millionen über deutlich weniger Geld als zuvor verfügte.

Es war für mich als Stadtpräsident, aber auch für den damaligen Stadtrat als Ganzes, ein schwerer Start. Jeder Stadtrat musste in seinem Ressort plötzlich umdisponieren: Sparpakete waren angesagt. Das war nicht einfach. Es mussten auch einzelne Abteilungen wie beispielsweise die Stadtpolizei, die einen ausgezeichneten Job gemacht hatte, geschlossen werden. Auch im Personalbereich mussten wir einschneidende Massnahmen treffen. Alles musste hinterfragt werden, Projekte konnten nicht umgesetzt, Leistungsvereinbarungen mit Institutionen mussten überprüft werden. Es war keine einfache Zeit, überhaupt nicht. Aber uns als Stadtratsgremium hat es sehr stark zusammengeschweisst.

Sie nutzen die Vergangenheitsform, wenn Sie über die finanziell angespannte Lage sprechen. Ist jetzt alles wieder im Lot?

Wir haben die Finanzen stabilisiert – auf einem Niveau, von dem man sagen kann, dass wir den Alpiq-Einbruch überwunden haben. Zu Beginn wirkte der wie ein Schock. Wir mussten uns fragen: Wo stehen wir? Was können wir noch machen? Mir der Zeit konnten wir wieder ausgeglichene Rechnungen präsentieren und auch Schulden abbauen. Wir sind jetzt auf einem guten Weg – aber nicht da, wo wir mal waren. Aber die schlimmste Phase ist überstanden. Nach meinen acht Jahren als Stadtpräsident können wir dem zukünftigen Stadtrat stabile Finanzen übergeben. Dieser wird sicher nicht gleich wieder den Sparhebel in Bewegung setzen und Restrukturierungen einleiten müssen.

Gibt es die «eine grosse Niederlage» in Ihrer Berufslaufbahn?

Von einem grossen Tiefschlag blieb ich verschont. Politisch lief das meiste wie am Schnürchen. Allerdings wollte ich zum Beispiel mal Kantonalpräsident der CVP werden. Aber ich habe diese Niederlage akzeptiert. Auch hatte ich mich mal beworben als Staatsschreiber des Kantons Solothurn. Da war ich in der engsten Wahl, wurde aber nicht gewählt. Es sind Niederlagen, die im Moment zwar schmerzhaft waren. Aber dank denen hatte ich nun eine gute Zeit als Stadtpräsident. Insofern waren alle Geschehnisse eine gute Fügung.

Sie gelten als nahbar, umgänglich, ausgleichend. Konnte Martin Wey auch mal ein Machtwort sprechen?

Tatsächlich versuche ich in meiner Rolle als Stadtpräsident die Meinungen zusammenzuführen. Das zeichnet mich wohl auch aus. Das überlegte, reflektierte Handeln ist primär das, was zu Martin Wey gehört. Möglicherweise hängt dieses Suchen nach Mehrheitslösungen auch mit meiner politischen Ausrichtung zusammen. Doch es gab im Parlament auch zwei, drei Momente, in denen ich laut wurde. Da habe ich auch mal gesagt: «Also wenn ihr das beschliesst, werden wir euch vor Gericht zerren!» Von Fraktionspräsidenten bekam ich anschliessend die Rückmeldung, dass es so nicht gehe. Ich aber freute mich innerlich darüber, dass ich mal hatte ausbrechen können. Aber grundsätzlich bin ich schon kein Haudegen, sondern führe eine feine Klinge.

Von 1997 bis 2003 gehörten Sie dem Kantonsrat an. War es in den letzten Monaten nie ein Thema für Sie, nochmals für den Kantonsrat oder 2023 vielleicht sogar für den Nationalrat zu kandidieren?

Das habe ich mir tatsächlich überlegt. Ein Kantonsratsmandat habe ich als Stadtpräsident nicht angestrebt, weil ich die Meinung vertreten habe, dass ich angesichts der schwierigen Lage Oltens vor Ort sein musste. Die Kantonsratstätigkeit ist ebenfalls recht anspruchsvoll – und man sollte ja eigentlich ohnehin nicht in einen Rat zurückkehren, in dem man bereits einmal war. Für den Nationalrat habe ich in der Vergangenheit schon zweimal kandidiert. 2019 habe ich mir überlegt, als Testwahl für den Regierungsrat wiederum für den Nationalrat zu kandidieren. Damals war ja noch nicht bekannt, dass es 2021 in der Kantonsregierung zu einem Doppelrücktritt bei der CVP kommen würde. Ich habe mich damals entschieden, nicht zu kandidieren. Und innerlich habe ich wohl bereits damals den Entschluss gefasst, 2021 auch als Stadtpräsident aufzuhören. Aber dass ich mit dem Gedanken gespielt habe, für den Regierungsrat zu kandidieren, kann ich nicht abstreiten.

Jetzt, mit knapp 60 Jahren, wollen Sie sich vollständig aus der Politik zurückziehen und sich stattdessen vermehrt musisch betätigen.

Ich habe mir überlegt, was ich bisher nicht machen konnte. Das Klavierspielen gehört sicher dazu. Inzwischen nehme ich regelmässig Klavierunterricht. Vor allem im Bereich Jazz möchte ich mich weiterbilden. Das macht enorm viel Spass. Dereinst möchte ich auch in einer Band mitspielen. Aber daneben muss ich natürlich auch weiterhin beruflich tätig sein. Nach 30 Jahren bei der Öffentlichen Hand werde ich wieder als Rechtsanwalt arbeiten und mich im Bereich Öffentliches Recht selbstständig machen. Auch Engagements in gemeinnützigen Institutionen sind denkbar. Sicher möchte ich mich in der Oltner Politik künftig nicht als Platzhirsch aufspielen.

Sind Sie überzeugt, dass Ihnen das gelingen wird und Sie die Politik nicht vermissen werden?

Die Politik werde ich immer vermissen. Ich werde ein politisch interessierter Mensch bleiben und mich für diese Stadt weiterhin interessieren. Aber ich werde nicht als Gast an Parlamentsdebatten teilnehmen oder Leserbriefe zu politischen Themen schreiben. Meiner Partei werde ich auch künftig zur Verfügung stehen. Aber ansonsten ziehe ich mich wirklich aus der Politik zurück und überlasse die klassische Politik jüngeren Generationen und deren neuen Ideen.

Muss Thomas Marbet, Ihr Nachfolger als Stadtpräsident, also nicht befürchten, dass Martin Wey öffentlich unwillkommene Ratschläge erteilt?

Nein, überhaupt nicht. Ich halte mich diesbezüglich an meinen Vorgänger. Ernst Zingg war jederzeit für mich da, wenn ich Rat gesucht habe. Ab und zu haben wir uns ausgetauscht. Ich möchte meinem Nachfolger den Eindruck vermitteln, dass er nun der Chef ist, aber auch die Verantwortung tragen muss. Ich halte es für einen schlechten Stil, wenn man dem Nachfolger dreinredet. Aber Thomas wird mich jederzeit anrufen können.

 

Martin Wey (CVP) ist als Nachfolger Ernst Zinggs seit 2013 Stadtpräsident von Olten; per 31. Juli gibt er sein Amt ab. Zuvor gehörte er seit 2001 bereits dem Stadtrat an. Von 1997 bis 2003 sass er zudem im Kantonsrat. Der 59-jährige Rechtsanwalt und Notar ist mit Trudy verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. Wey, der sich als «Genussmensch» bezeichnet, spielt gerne Klavier, joggt, fährt Velo und Mountainbike. Auch Reisen und Kultur zählen zu seinen Hobbys. (agu)

 

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