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04.08.2021

Mehr als nur Ernährung

Jolanda Arnold leitet die Ghrelini Kindergruppe für Kinder mit Übergewicht des Kantonsspitals Olten. Dort lernen die Kinder und ihre Familien mit Maskottchen «Ghrelini» und eigenen Schatztruhen ein gesundes Essverhalten. (Bild: Franz Beidler)

Jolanda Arnold leitet die Ghrelini Kindergruppe für Kinder mit Übergewicht des Kantonsspitals Olten. Dort lernen die Kinder und ihre Familien mit Maskottchen «Ghrelini» und eigenen Schatztruhen ein gesundes Essverhalten. (Bild: Franz Beidler)

Ghrelini Kindergruppe Übergewichtige Kinder sollen ein gesundes Ess- und Bewegungsverhalten lernen. Das ist das Ziel der Ghrelini Kindergruppe am Oltner Kantonsspital.

Von: Franz Beidler

Ghrelini ist ein kleiner, grüner Drache, der gerne rennt, springt und hüpft. Nur das Fliegen fällt ihm etwas schwer. «Denn er hat ein Bäuchlein», erklärt Jolanda Arnold die Geschichte hinter dem Maskottchen. Die 32-jährige Ernährungsberaterin leitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Sonja Tüscher die Ghrelini Kindergruppe für Kinder mit Übergewicht am Kantonsspital Olten. Im Kurs überdenken die Kinder zusammen mit Maskottchen Ghrelini ihr Verhältnis zu Ernährung und Bewegung: Wie gehe ich mit Süssgetränken um? Habe ich wirklich Hunger oder nur Lust? Und wie reagiere ich, wenn mir Süssigkeiten geschenkt werden, an Ostern zum Beispiel? Zwölfmal kommt die Gruppe innert fünf Monaten zusammen, höchstens zehn Kinder mit je einer Bezugsperson können daran teilnehmen. Dazu kommen drei Elternabende. Ende August startet das Programm in sein drittes Jahr. «Der Einstieg ist aber noch bis Anfang September möglich», erklärt Arnold.

«Braucht alle Beteiligten»

Weil das Thema Ernährung viele Bereiche im Familienleben betrifft, wird die Ghrelini Kindergruppe fachübergreifend betreut: Neben den Ernährungsberaterinnen Arnold und Tüscher wird sie von der Kinderärztin Dr. med. Brigitte Niederer, der Psychologin Sina Lorenz und der Ergotherapeutin Alexandra Aeschbach begleitet. «Das ist eine der Stärken des Programms», sagt Arnold. «Schliesslich braucht es alle Beteiligten für einen nachhaltigen Erfolg.»

Damit spricht Arnold Eltern, Geschwister und andere Bezugspersonen im Umfeld übergewichtiger Kinder an. «Wir versuchen eigentlich, ein ganzes System zu ändern», erklärt sie. Deshalb sind die Eltern im Kurs immer mit dabei, «seit Corona allerdings nur noch ein Elternteil.» Das sei enorm wichtig für den Erfolg des Programms. «Welche Lebensmittel zu Hause verfügbar sind, entscheiden die Eltern.» Auch der Umgang mit Scham oder emotionalem Essen wird von den Bezugspersonen beeinflusst. «Kinder lernen am Modell», formuliert es Arnold. Von der angestrebten Veränderung sei also die ganze Familie betroffen. Im Kurs erlebe sie Eltern als sehr hilfsbereit. Das sei ihr wichtig. «Schliesslich ist er auch als Ort des Austauschs für Eltern übergewichtiger Kinder gedacht.»

Für den nachhaltigen Erfolg ebenfalls entscheidend ist das Alter. Die Ghrelini Kindergruppe richtet sich an Kinder zwischen fünf und acht Jahren. «In den ersten drei Lebensjahren hört ein Kind in der Regel gut auf sein Sättigungsgefühl», erklärt Arnold. Danach beginne das lustorientierte Essen. «Da wird es wichtig, was angeboten wird.» Bis zum Alter von etwa acht Jahren sei es noch mit relativ einfachen Mitteln möglich, das Verhältnis zu Essen und Bewegung zu beeinflussen.

Wissens- und Bewegungsteile

«Nach einer Begrüssung nehmen wir Rücksprache mit den Eltern und fragen, wie es seit dem letzten Treffen lief», erklärt Arnold den Ablauf der Treffen. Währenddessen werden in einem Nebenraum Grösse und Gewicht der Kinder gemessen. Danach folgt ein Wissensinput für die Kinder: Maskottchen Ghrelini erzählt, was es erlebt hat und führt so spielerisch in ein Thema ein. Dafür steht neben dem Theorieraum auch eine eigene Küche zur Verfügung.

Anschliessend folgt ein Wissensteil für die Eltern und für die Kinder ein Bewegungsteil mit Ergotherapeutin Aeschbach. «Die Kinder sollen ihre Freude an Bewegung wiederentdecken», erklärt Arnold und fordert Verständnis: «Übergewichtige Kinder haben sich oftmals einen Schutzpanzer zugelegt und sagen, sie würden sich nicht gerne bewegen.» Im Bewegungsteil blühten sie dann regelrecht auf. Die Übungen sind so gewählt, dass sie einfach zuhause wiederholt werden können. «Verstecken spielen oder im Sommer eine Wasserschlacht», macht Arnold Beispiele.

Zudem basteln die Kinder zu Beginn des Kurses eine Schatztruhe. «In jedem Treffen nehmen sich die Kinder ein Tagesziel vor: zu Fuss in die Schule gehen, auf Schokolade verzichten oder Süssgetränke nur bei speziellen Anlässen konsumieren», erklärt Arnold. «Erreichen sie das, dürfen sie einen Belohnungsstein in ihre Schatztruhe legen, für den sie dann am nächsten Treffen einen Ghrelini-Aufkleber erhalten.»

Auch schliessen die Kinder zusammen mit ihren Eltern und Ghrelini zu Beginn des Kurses einen Vertrag über Tischregeln. «Darin halten sie zum Beispiel den Umgang mit Süssgetränken oder Schokolade fest.»

Gleichzeitig Therapie und Prävention

«Siebzig Prozent der übergewichtigen Kinder wachsen zu übergewichtigen Erwachsenen heran», weiss Arnold. Deshalb sei die Ghrelini Kindergruppe gleichzeitig Therapie und Prävention. So rät Arnold Eltern, sich frühzeitig an Fachpersonen zu wenden: «Wenn Eltern ein ungutes Gefühl wegen dem Essverhalten ihrer Kinder haben, dann fragen sie am besten mal beim Kinderarzt nach.» Das würde auch Druck vom Kind nehmen, wenn es die Themen Ernährung und Gewicht nicht immer wälzen müsse. «Übergewichtige Kinder verbinden damit oft schon negative Gefühle.»

Dass diese überwunden werden können, erlebt Arnold in der Ghrelini Kindergruppe immer wieder. «Letztes Jahr sandte mir der Vater eines Kindes ein Foto vom Hochbeet, das er zusammen mit seinem Kind gebaut hatte.» Gemeinsam hätten die beiden darin Tomaten und Radieschen gepflanzt. «Ein Familienprojekt», kommentiert Arnold. «Damit bekam das Kind Freude am eigenen Essen.» Das sei zentral, denn: «Essen ist mehr als nur Ernährung und Gewicht. Es ist auch etwas Gesellschaftliches, ein Ritual, und auch Genuss.»

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