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07.04.2022

Der Wysssche Dreh

Der Oltner Musiker Roman Wyss am Bösendorfer-Flügel in seinem Tonstudio: «Ich kokettiere gerne damit», sagt er über seine klassische Pianoausbildung. Also stürzt er sich in alle Sparten. Momentan sind es Kleinkunst und Schlager. (Bild: Franz Beidler)

Der Oltner Musiker Roman Wyss am Bösendorfer-Flügel in seinem Tonstudio: «Ich kokettiere gerne damit», sagt er über seine klassische Pianoausbildung. Also stürzt er sich in alle Sparten. Momentan sind es Kleinkunst und Schlager. (Bild: Franz Beidler)

Roman Wyss Der Oltner Musiker Roman Wyss tritt momentan mit zwei Projekten auf: in einem mit Schauspielerin Nicole Knuth und im anderen mit Entertainer Damian Meier.

Von: Franz Beidler

Er sei an jedem Tag alles, sagt Roman Wyss: Komponist, Produzent, Pianist, Arrangeur, Lehrer. «Das sind ja so Prozessgeschichten», erklärt der 49-Jährige. Zu Beginn einer Zusammenarbeit stehe die Konzeption, da sei er manchmal auch Berater. Dann müsse Songmaterial hergestellt werden, das es dann im Studio umzusetzen gelte. Da hantiere er oft auch als Toningenieur. Und auf der Bühne sei er dann manchmal auch Bandleader. «Dieser ganze Prozess erstreckt sich über etwa drei Jahre», erklärt Wyss.

Lehrer ist Wyss jeweils an den Nachmittagen von Montag bis Mittwoch: Klavierlehrer an der Musikschule Olten. «Das liegt mir sehr am Herzen», betont er. «Unterrichten ist ein wichtiger Teil des Künstlerdaseins.»

Dieser Wysssche Kreislauf wurde in der Vergangenheit gestört, zuerst von der Pandemie. Bis in den Sommer 2021 hätte die Tournee mit Stiller Has dauern sollen, wo Wyss seit 2016 mitspielte. Anschliessend wollte er sich eigentlich einem Projekt mit der Schauspielerin Nicole Knuth widmen, das über die letzten Jahre entstanden war: «Schön ist es auf der Welt zu sein – ein Schlager ins Gesicht».

Pandemie und Todesfall

«Wir mussten über neunzig Konzerte von Stiller Has verschieben», erzählt Wyss von der Pandemie. So zeichnete sich bald ab, dass die laufende Tournee wohl erst 2023 ein Ende finden würde. Dann verstarb Leadsänger Endo Anaconda. Das organisatorische Loch konnte Wyss mit zwei Projekten füllen – wenn auch ausschliesslich das organisatorische.

So steht er momentan mit Schauspielerin Knuth auf der Bühne: «Wir haben das Programm erst etwa ein Dutzend Mal gespielt», sagt Wyss. «Da stehen wir noch am Anfang», ordnet er im Kreislauf ein. Um Veranstalter auf sich aufmerksam zu machen, ist das Duo Knuth/Wyss Ende April auch an der Kleinkunstbörse in Thun präsent – der wohl bedeutendsten Messe für Bühnenkunst in der Schweiz.

Neues Projekt mit Damian Meier

Noch weiter vorne im Zyklus befindet sich Wyss’ Projekt mit Damian Meier. «Wir kennen uns schon seit über zwanzig Jahren», erzählt Wyss. Damals habe ihn Meier eines Tages angerufen: «Ich mache Musicalshows», erklärte er Wyss. Der liess sich darauf ein. Das war der Anfang mehrerer Musical- und CD-Produktionen. «Von da weg haben wir eine enge Freundschaft», erzählt Wyss.

Vor fünf Jahren rief Meier Wyss wieder an. Wyss wusste: «Er träumte von einem Soloprojekt.» Um mal auszuprobieren, wie das klingen könnte, mieteten sich die beiden für drei Tage in ein Chalet in Nendaz ein. «Wir schrieben gleich fünf Songs, komplett mit Arrangements», erzählt Wyss lachend. «Dann ging aber wieder jeder seinen eigene Plänen nach.»

Letzten Sommer beschloss Meier dann, «I Quattro» zu verlassen – jenes Quartett, das 2009 für die Sendung «Die grössten Schweizer Hits» des Schweizer Fernsehens gegründet worden war und seither grosse Erfolge feierte. «Du hast da eigentlich ein gutes Schiff», sagte Wyss zur Idee seines Freundes. «Wenn ich das Soloprojekt jetzt nicht mache, dann wird das nie was», antwortete ihm Meier. Das überzeugte Wyss.

Stimmliche und Entertainerqualitäten

Zusammen komponierten die beiden in kurzer Zeit Songs für ein Album. Dabei kristallisierte sich auch der Kern des Projekts heraus: «Damian mit seiner Stimme und seinen Entertainerqualitäten», fasst es Wyss zusammen. «Von da an orientierten wir uns an Vorbildern wie Udo Jürgens oder Roger Cicero.»

Produzent Wyss wusste: «So etwas musst du gut machen oder bleiben lassen.» Also arrangierte er hinter Meier nicht Klänge aus dem Computer, sondern eine elfköpfige Band mit echten Streichern und echten Bläsern. Auch weil er Meier kennt: «Er sieht auch den ganzen Aufwand drumherum und organisiert. Sein Biss ist ein Erfolgsgarant.» Die Albumtaufe zu «Beflügelt», wie Meier das Projekt nannte, findet am 22. und 23. April im Konzertsaal in Solothurn statt. «Diesen Termin nannte mir Damian schon letzten Sommer», erzählt Wyss lachend. Also noch bevor überhaupt alle Songs für das Album geschrieben waren.

«Das beisst sich nicht»

Wyss arbeitet mit «Beflügelt» und «Schön ist es auf der Welt zu sein – Ein Schlager ins Gesicht» im Moment also an zwei fast gegensätzlichen Projekten: Grosse Emotionen versus Kleinkunst, Seelen- versus Hirnnahrung, oder eben Schlager versus «Schlager ins Gesicht». «Das beisst sich nicht», stellt Wyss klar. «Wir müssen lernen, nicht so kategorisiert zu denken», fordert er.

«Ich bin ja auch so ein Musiker», sagt Wyss, während er die Hände hebt und mit den Fingern Gänsefüsschen mimt. Er meint jene, die ihr Handwerk nur an Kunsthochschulen lernten, Harmonielehre und historische Aufführungspraxis inklusive. Wyss studierte Klavier und Posaune an der Musikakademie Basel. «Darauf habe ich mir noch nie etwas eingebildet.» Im Gegenteil: «Ich kokettiere gerne damit.» So behauptet Wyss lachend von sich: «Eigentlich habe ich keine Ahnung, sondern bin einfach eine Jukebox.»

Er erklärt: «Musik ist ein Tummelfeld. Da sollte man keine Scheuklappen tragen.» Vielmehr zählt für ihn Relevanz: «Deckt das, was ich mache, etwas ab?», fragt er. «Wenn ja, dann werde ich auch der künstlerischen Verantwortung meinem Publikum gegenüber gerecht.»